vergrößernverkleinern
Der gebürtige Italiener Giovanni Guidetti trifft mit der deutschen Mannschaft auf sein Heimatland

München - Gegen Italien erwartet die deutschen Volleyballerinnen ein Sturm der Emotionen. Für Giovanni Guidetti ist es sogar noch mehr.

Es sind diese Spiele, die Sportler zu Höchstleistungen anspornen.

Dann, wenn du eine ganze Arena gegen dich hast. Wenn ein Schmetterball die bis unter die Decke gefüllte Ränge verstummen lässt.

Wenn du spürst, hier ist was drin, obwohl jeder gegen dich ist. 

Ein solches Extremerlebnis steht den deutschen Volleyballerinnen bevor. Es geht gegen Italien (Sa., ab 19.45 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 u. im LIVE-TICKER).

Den Gruppenersten und WM-Gastgeber. Getragen von einer sportverrückten Nation in Grün, Weiß und Rot.

Guidetti ist heiß

Für Bundestrainer Giovanni Guidetti geht es noch um viel mehr. Er ist Italiener. Emotionaler Italiener. Gestikulierender Italiener. Pathetisch. Heimatverbunden.

Doch Guidetti ist auch Profi durch und durch. Kalkuliert. Strategisch. Erfolgsgeil. Seine Mentalität soll der Schlüssel zum Sieg sein.

Und so wird er alles ausblenden. Jubelnde Tifosi. "Forza, Forza Italia"-Rufe. Die Klänge der "Fratelli d'Italia", des Liedes der Italiener, der Nationalhymne 

Guidettis Langzeitprojekt

Zu sehr ist er im Fokus verhaftet. Auf das, was er im April 2006 begonnen hat. Der Deutsche Volleyball-Verband (DVV) verpflichtete den Weltenbummler damals.

Italien, USA, Italien, USA, Bulgarien, wieder Italien. Und dann eben Deutschland. Doch diesmal war da mehr. Ein Langzeitprojekt. Sein Baby. Die große Chance, es allen zu zeigen. Endgültig.

Nie durfte Guidetti seine Heimat trainieren. Und das, obwohl er im volleyballbegeisterten Italien wiederholt zum Trainer des Jahres gewählt worden war. 

Von 1997 bis 2000 war er Assistent. Doch für den Chefsessel reichte es nie. Und das, obwohl jeder in der Branche seine Expertise kennt, ihn als innovativen Fachmann schätzt.

Lockerer Erfolg gegen Tunesien macht Mut

Seine große Chance lautete deshalb Deutschland. 2011 und 2013 führte er die Schmetterlinge, wie die DVV-Frauen von ihren Fans gerufen werden, jeweils zu EM-Silber.

"Wir haben keine Angst", sagt der 42-Jährige nun vor der Partie in Rom. "Wir sind schließlich von Spiel zu Spiel besser geworden."

In der Tat: Dem 2:3 gegen die Dominikanische Republik folgte ein 3:0 gegen Argentinien und der souveräne Sieg gegen überforderte Tunesierinnen (25:7, 25:12, 25:7).

Eben jenes Spiel gegen die Nordafrikanerinnen macht Guidetti Mut, dass es gegen den bisher ungeschlagenen Gastgeber etwas werden könnte mit der Überraschung.

"Tunesien hat gegen Italien mehr Punkte erzielt als gegen uns", meint er bei SPORT1. "Unser Block hat einen sehr guten Job gemacht."

Kargs Ausfall schmerzt

Der Block also als entscheidende taktische Waffe? Guidetti bleiben nicht viele Alternativen für seinen Matchplan. Das weiß er.

Und so lässt er die Verteidigung am Netz gegen flexibel und blitzschnell rotierende Italienerinnen akribisch einstudieren.

Schließlich muss er auf die hochgewachsene, aber verletzte Mittelblockerin Stefanie Karg verzichten.

"Zwei Videoanalysen, einmal Training, wieder Video, dann wieder Training", schildert er die Inhalte der Vorbereitung auf das richtungsweisende Spiel nach dem Einzug in die Zwischenrunde.

Er setzt dabei auf die kollektive Stärke. Kein Star. Keine Allüren. Keine Extrawünsche. Es kann nur über eine kompakte Einheit aus Block-Feld-Abwehr gehen.

Das ist zwar eine alte Weisheit. Doch gegen solch' variabel angreifende Mannschaften wie Italien ist sie unerlässlich.

An der Linie kommt der Italiener durch

"Wir wissen, dass wir nicht wie andere Teams die individuellen Qualitäten haben, um Spiele zu entscheiden, aber dafür haben wir unsere Stärke als Team", sagt Guidetti.

Schließlich gibt es da noch die emotionale Komponente. Es ist Guidettis X-Faktor. Die sogenannten letzten fünf Prozent. Durch Motivation, Wille und Einsatzbereitschaft.

Der Bundestrainer geht seinem Team mit bestem Vorbild voran. Kaum ein Coach hechtet, tigert und rutscht so die Seitenlinie entlang, wie er.

Die Arme mal weit von sich gestreckt, dann wieder nach oben, zur Seite, und wieder nach oben. Guidettis Mimik liest sich wie der Spannungsbogen eines Fernsehkrimis.

Das ist das Italienische in ihm. Freude, Leid und Anspannung zugleich. Seine (deutsche) Mannschaft hat diese Eigenschaften verinnerlicht, zeigt sie immer wieder auf dem Feld.

Guidetti fordert einen Sieg

"Wir wollen dieses Spiel gewinnen. Wir wissen, dass es sehr, sehr schwer wird. Aber wir wissen auch, dass wir die Möglichkeit dazu haben", meint Guidetti. Er lebt die pure Überzeugung.

Für ihn und das DVV-Team geht es gegen sein Heimatland und im abschließenden Gruppenspiel am Sonntag gegen noch punktlose Kroatinnen (ab 19.45 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 u. im LIVE-TICKER) nicht zuletzt um eine günstige Ausgangsposition für die Zwischenrunde.

Damit vielleicht jener Coup gelingt, wie den deutschen Herren zuvor in Polen. Halbfinale. Eine Medaille. Dafür wird Guidetti alles ausblenden. Selbst die Fratelli d'Italia. Das Lied der Italiener.

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel