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Vital Heynen sucht eine neue Herausforderung
Vital Heynen führte die deutschen Volleyballer 2014 zu WM-Bronze © Getty Images

München - Der Bundestrainer der deutschen Volleyball-Herren rechtfertigt bei SPORT1 seine umstrittene Taktik gegen die Niederlande. Seine EM-Bilanz fällt verheerend aus.

Mit leeren Händen trat die deutsche Volleyball-Nationalmannschaft die Heimreise an. Die erste Medaille bei einer Europameisterschaft sollte her.

Doch die zweite 0:3-Pleite gegen Co-Gastgeber Bulgarien besiegelte das Aus im Viertelfinale. Bundestrainer Vital Heynen analysiert im Interview mit SPORT1 das Scheitern und erklärt die Auswechslung von Superstar Georg Grozer.

Außerdem rechtfertigt er seine umstrittene Maßnahme, das Vorrundenspiel gegen die Niederlande abzuschenken, um Polen aus dem Weg zu gehen.

SPORT1: Sie waren mit dem Ziel angetreten, die erste EM-Medaille für ein deutsches Herren-Team zu holen. Warum hat es letztendlich nicht geklappt?

Vital Heynen: Wir müssen zwei Dinge auseinanderhalten. Erstens steht das Ergebnis: Wir gehen im Viertelfinale raus und das in Gesellschaft mit Weltmeister Polen, Olympiasieger Russland und dem Zweiten der Weltliga Serbien. Man muss verstehen, dass es im Volleyball sieben, mit Slowenien acht gute Mannschaften gibt, und dass die Plätze ganz oben teuer sind. Vom Ergebnis her kann das passieren, dass man das Ziel hat, eine Medaille zu holen, und dass man es nicht schafft. Auf der anderen Seite müssen wir natürlich ehrlich sein gegenüber uns selbst. Wir haben eine sehr gute Vorbereitung gespielt. Das Turnier war schlecht. So einfach ist das.

Georg Grozer
Georg Grozer fand bei der EM 2015 nicht zu seiner Weltklasse-Form © imago

SPORT1: Warum war es schlecht? Was haben Sie an Ihrer Mannschaft nicht so positiv gesehen?

Heynen: Wenn wir das einfach lösen könnten… Wenn wir gewusst hätten, was schlecht läuft, dann hätten wir das vorher ausbessern können. Es sind viele Sachen, die mir durch den Kopf gehen. Ich habe mit den Betreuern geredet, woran es liegt. Wenn man in der Weltspitze angekommen ist, ist es einfach eine große Herausforderung, das Niveau zu halten. So einfach ist das nicht zu erklären. Ein Grund ist vielleicht, dass wir nach der Medaille bei der WM in einer anderen Rolle zur EM gekommen sind. Als Underdog ist es doch einfacher, als wenn man Favorit ist.

SPORT1: Zweimal 0:3 gegen Bulgarien zu verlieren klingt deutlich. Bei den Europaspielen haben Sie das Team noch geschlagen. Sind die Bulgaren besser als Ihr Team oder worauf führen Sie die deutlichen Niederlagen zurück?

Heynen: In Baku waren nur die halben Mannschaften da. Auch wir waren nicht komplett. Das waren zwei unterschiedliche Mannschaften. Aber erst mal muss man sagen, dass Bulgarien gut gespielt hat. Aber am meisten müssen wir auf uns selbst schauen und festhalten, dass wir nicht das Niveau von Baku erreicht haben. Dort haben wir besser gespielt als bei der EM. Aber wenn man zweimal 3:0 verliert, dann kann man nicht sagen, dass wir besser sind als Bulgarien.

SPORT1: Warum haben Sie Georg Grozer gegen Bulgarien so früh ausgewechselt?

Heynen: Weil Georg Grozer im ersten Spiel gegen Bulgarien keinen Punkt und im zweiten Spiel auch nicht viel gemacht hat. Jochen Schöps hat das eigentlich sehr gut gemacht. Er war einer der wenigen Spieler, der gestern gegen Bulgarien wenigstens etwas gemacht hat. Die Spieler müssen dafür sorgen, dass sie auf diesem Niveau an ihre Bestleistung herankommen. Es ist nicht so, dass wir so viel Spielraum haben. Wenn ein wichtiger Spieler mal ein ganz schlechtes Spiel macht, können wir das nicht schaffen. Dann verlieren wir sicher. Darum war es richtig, dass Georg Grozer und Christian Fromm gegen Bulgarien so schnell raus waren.

SPORT1: Man kann sicher mal einen schlechten Tag haben. Aber haben Sie von ihnen insgesamt mehr erwartet?

Heynen: Ich denke, dass die Leistungsträger nicht das Niveau erreicht haben, dass sie bei der WM hatten. Aber man muss trotzdem das Problem der ganzen Mannschaft betrachten. Es ist nicht so einfach, das auf ein oder zwei Spieler zu reduzieren. Viele Spieler im Team haben ihre Rolle nicht eingenommen. Dann hat man als Trainer eine schwierige Aufgabe, die Richtigen auszusuchen und dafür zu sorgen, dass die ganze Mannschaft funktioniert.

SPORT1: Wie beurteilen Sie rückblickend Ihre Taktik, das Spiel gegen die Niederlande abzuschenken? Würden Sie das wieder so machen?

Heynen: Das ist eine schwierige Frage, da ja oder nein zu sagen. Aber rückblickend muss man sagen: Ich musste das machen. Wenn man hinter den Kulissen spricht mit denen, die sozusagen die ausreichenden Volleyball-Kenntnisse haben, die verstehen das alle. Man müsste das nicht öffentlich machen, weil in der Öffentlichkeit bekommt man meistens Kritik. Über das Konzept waren sich alle einig, dass Polen viel besser sein müsste als die Bulgaren.

SPORT1: Wer ist für Sie Favorit auf den EM-Titel?

Heynen: Favoriten sind in meinen Augen Frankreich und Italien. Wobei man immer denkt, dass Italien am Ende der große Favorit ist.

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