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Vierschanzentournee-Oberstdorf-Schneechaos-Arbeiter
Das Springen in Oberstdorf musste witterungsbedingt abgebrochen werden © getty

Oberstdorf - Dem Auftaktspringen in Oberstdorf droht die komplette Absage. Hinter der ungünstigen Startzeit stecken nicht nur die TV-Sender.

Am Morgen danach herrschte in Oberstdorf die berühmte Ruhe nach dem Sturm.

Kein Lüftchen wehte, die Sonne blinzelte sogar leicht durch die Wolkendecke.

Wer es nicht miterlebt hatte, konnte angesichts dieser Wetterumstände gar nicht glauben, was sich am Sonntagabend für ein irrwitziges Schauspiel an der Schattenbergschanze abgespielt hatte.

Fast drei Stunden lang hatten die Organisatoren versucht, das Auftaktspringen der Vierschanzentournee über die Bühne zu bringen.

Doch heftige und wechselhafte Winde sowie beständiger Schneefall waren ein zu starker Gegner für die Jury.

"Schon gefährlich"

Am Ende konnte man von Glück sagen, dass die elf Springer, die nach unten gelassen wurden, alle heil unten ankamen.

Allen voran Team-Olympiasieger Marinus Kraus, der beinahe das Gleichgewicht in der Luft verloren hätte.

"Es war schon gefährlich", sagte Bundestrainer Werner Schuster hinterher zu den schwierigen Bedingungen.

Nächstes Unheil droht

Ähnliche Verhältnisse drohen auch beim zweiten Anlauf am Montag (ab 17.15 Uhr im LIVE-TICKER).

Wieder ist in den Wettervorhersagen von starkem Schneefall und Wind die Rede.

Wenigstens soll der Wind laut aktueller Prognose um die Hälfte schwächer sein als am Sonntag, so dass wenigstens etwas Hoffnung besteht.

Vormittag ideal

Stellt sich die Frage, warum man das Springen nicht gleich am Vormittag durchführt.

Zu dieser Uhrzeit herrschen in Oberstdorf grundsätzlich die besten Bedingungen.

Wie SPORT1 erfuhr, brechen die zweitklassigen Koreaner beispielsweise bei ihrem regelmäßigen Sommertraining im Allgäu in aller Früh Richtung Schanze auf, um noch einigermaßen Windstille zu erwischen.

Enormer logistischer Aufwand

"Wir sind hier bei einem großen Event, am Abend so eine Verschiebung durchzuführen, ist ein großer Aufwand", erklärte FIS-Renndirektor Walter Hofer.

"Das geht los beim örtlichen Polizeichef, der seinen Sicherheitsapparat in Gang setzen muss", nannte er ein Beispiel.

Der zeitliche Puffer bis zum Vormittag wäre aus logistischen Gründen schlicht zu kurz gewesen.

"Noch nie ein Fernsehsender angerufen"

Aber natürlich gehe es auch um ökonomische Gründe, gab Hofer zu.

Denn bei den Wettkampfzeiten hat auch die übertragende Fernsehanstalt ein entscheidendes Wort mitzureden.

Hofer verwahrte sich aber dagegen, dass es großen Druck von TV-Seite gebe: "Mich hat noch nie ein Fernsehsender angerufen."

"Mache ich da mit oder nicht?"

"Es hängt halt viel dran. Das Skispringen muss sich vermarkten und ist auf Fernsehzeiten angewiesen", sagte der mittlerweile zurückgetretene Olympiasieger Thomas Morgenstern kürzlich dazu in der "Sport Bild".

Der Österreicher war im Januar beim Skifliegen schwer gestürzt und war danach ins Grübeln gekommen.

Im Sommer entschied er sich schließlich zum Rücktritt.

"Als Springer muss man sich entscheiden: Mache ich da mit oder nicht? Ich mache da nicht mehr mit. Ich habe eine Verantwortung meiner zweijährigen Tochter gegenüber", begründete er seine Entscheidung.

Wenig Kritik an der Jury

Auch Kraus stand nach seinem Beinahe-Sturz der Schreck ins Gesicht geschrieben.

Die lange Wartezeit im Schanzenturm hatte ihm viele Nerven und vielleicht auch die nötige Konzentration gekostet.

Hätte man das Springen also schon früher abbrechen müssen?

Am Verhalten der Jury rund um Hofer regte sich überraschend wenig Kritik:

"Man muss alles versuchen. Das ist die absolute Verpflichtung der Jury und des Veranstalters", verteidigte Schuster die Entscheidungen der Verantwortlichen.

Video

Schutz durch Windnetz

Letztlich ist das Skispringen den Risiken einer Freiluftsportart ausgesetzt.

Mit einem Windnetz wie beispielsweise in Garmisch-Partenkirchen oder in Innsbruck könnte man diese Risiken minimieren.

"Wir fordern ein solches Windnetz für Oberstdorf seit vier bis fünf Jahren", bekräftigte Hofer.

Gegen das Chaos am Sonntag hätte allerdings auch ein solches Windnetz nichts ausrichten können.

Dieses hält nur Rückenwind ab, für die Probleme bei Kraus und Co. war jedoch starker Aufwind verantwortlich.

Thomas Dubai-Pläne gescheitert

Um dem Problem mit den wechselnden Winden vollends aus dem Weg zu gehen, wäre nur ein Springen in der Halle die einzige Lösung.

Tatsächlich gab es diese Pläne in der jüngeren Vergangenheit.

Der frühere Tournee-Sieger Dieter Thoma berichtete in der "ARD" von einem Großprojekt in Dubai, an dessen Planung er beteiligt war.

Doch nach drei Jahren vergeblichen Kampfs um die Finanzierung blies man das Ganze ab.

So bleibt auch am Montag Abend nur das Hoffen auf den Wettergott.

Andernfalls fällt wohl erstmals in der Geschichte der Tournee das Springen in Oberstdorf aus und wird in Garmisch-Partenkirchen nachgeholt.

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