vergrößernverkleinern
Boris Nemzow im Januar 2014 bei einer Veranstaltung über Olympia in Sotschi
Boris Nemzow im Januar 2014 bei einer Veranstaltung über Olympia in Sotschi © Getty Images

München - Der in Moskau getötete Regimegegner Boris Nemzow opponierte gegen Wladimir Putin - und wurde dabei auch zu einem der profiliertesten Gegner von Olympia in seiner Heimat Sotschi.

Die Welt trauert um einen der prominentesten Regimekritiker Russlands, der auch einer der prominentesten Kritiker der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi war.

Boris Nemzow, der in der Nacht zum Samstag in Moskau unter ungeklärten Umständen getötet wurde, hatte die Umstände der Großveranstaltung wiederholt scharf attackiert - sie war für ihn ein anschauliches Beispiel für die Missstände des von ihm abgelehnten Systems des Staatspräsidenten Wladimir Putin.

Nemzow, selbst in Sotschi geboren, war Autor eines vielzitierten Berichts, der Korruption, Miss- und Vetternwirtschaft bei der Planung der Spiele in seiner Heimatstadt anprangerte. 25 bis 30 Milliarden Dollar seien deswegen versickert, schätzte Nemzow 2013.

IOC-Präsident Thomas Bach und Russlands Staatspräsident Wladimir Putin bei Olympia in Sotschi
IOC-Präsident Thomas Bach und Russlands Staatspräsident Wladimir Putin bei der Eröffnungsfeier der Winterspiele in Sotschi © Getty Images

Kritik an der Kosten-Explosion

Die Gesamtkosten der Spiele in Sotschi lagen Schätzungen zufolge bei 50 Milliarden Dollar (37,5 Milliarden Euro) - weit mehr als die 12 Milliarden (9 Milliarden Euro), die Staatspräsident Wladimir Putin während der Bewerbung 2007 investieren wollte.

IOC-Präsident Thomas Bach hatte die Kostenexplosion im kurz vor dem Start der Spiele im Februar 2014 verteidigt - und mit dem Ziel gerechtfertigt, Sotschi zu einem nachhaltig genutzten Wintersportzentrum zu machen: "Das operative Budget der Spiele in Sotschi ist mit 2,2 Milliarden US-Dollar im völlig normalen Rahmen, von einer Kostenexplosion kann keine Rede sein. Niemand sollte das mit den Kosten für ein Entwicklungsprojekt in der Region vermengen."

Das Internationale Olympische Komitee hatte erst in der Nacht zum Freitag mitgeteilt, dass die Spiele einen operativen Gewinn von 50 Millionen Dollar (44 Millionen Euro) abgeworfen hätten. Bei seiner Exekutivsitzung in Rio sprach das IOC von 833 Millionen Dollar Gesamtunterstützung, die man für den Veranstalter geleistet habe - 83 Millionen mehr als geschätzt.

Als Bürgermeister-Kandidat gescheitert - und angegriffen

Nemzow hatte selbst versucht, politischen Einfluss auf die Spiele in Sotschi zu nehmen: 2009 bewarb er sich um das Amt des Bürgermeisters von Sotschi, unterlag allerdings klar Anatoli Pachomow von der Putin-Partei Einiges Russland und sprach danach von Wahlbetrug.

Während des Wahlkampfes damals war Nemzow schon einmal Opfer eines Anschlags geworden, ein Unbekannter hatte ihm Ammoniak-Gas ins Gesicht gesprüht.

Kurz vor Beginn der Spiele sorgte Nemzow ein weiteres Mal für Aufsehen, als er vor Pfusch an den Bauten in Sotschi warnte, die teils durch ungeschulte Arbeiter errichtet worden wären.

Das Olympiastadion in Sotschi bei der Abschlussfeier
Das Olympiastadion in Sotschi bei der Abschlussfeier © Getty Images

Bei den Spielen ausgesperrt

Zu den Spielen selbst konnte Nemzow seinerzeit nicht reisen: Nach eigenen Angaben war ihm eine dafür nötige Genehmigung des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB verwehrt worden.

Der 55 Jahre alte Nemzow war einst Vize-Ministerpräsident unter dem ehemaligen Staatschef Boris Jelzin und danach ein führender Oppositioneller.

Nemzow wurde in der Nacht zum Samstag auf einer Brücke in Moskau erschossen. Nach Angaben der russischen Ermittler wurden aus einem Auto vier Schüsse auf ihn abgegeben, alles deute auf einen Auftragsmord hin.

Putin verurteilte die Tat in einer offiziellen Erklärung als "grausamen Mord".

teilentwitternsammelnE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel