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Evi Sachenbacher-Stehle holte im Langlauf zwei olympische Gold- und drei Silbermedaillen - im Biathlon verpasste sie 2014 Bronze knapp

Von Andreas Kloo

München - Evi Sachenbacher-Stehle strahlte im Zielraum von Sotschi über das ganze Gesicht. Gerade hatte sie im olympischen Massenstart ihr bislang bestes Biathlon-Rennen bestritten und als Vierte eine Medaille nur knapp verpasst.

Eine Medaille im erst zweiten Jahr als Biathletin wäre ein kleines Märchen für die frühere Langläuferin gewesen.

Noch ahnte sie nicht, was ihr einen Tag später blühen würde.

Stimulans in der Dopingprobe

Denn da folgte auf das Beinahe-Märchen der reale Albtraum.

Sachenbacher-Stehle hatte ihren vierten Platz mit unerlaubten Mitteln erreicht, in einer Dopingprobe fand man bei ihr das unerlaubte Stimulans Methylhexanamin.

Die Ergebnisse der 33-Jährigen in Sotschi wurden annulliert, das Olympische Dorf musste sie verlassen.

Im Juli schließlich wurde sie durch den Biathlon-Weltverband IBU für zwei Jahre gesperrt.

"So möchte ich nicht abtreten"

Sachenbacher-Stehle sprach damals von einem "heftigen Urteil". Experten gingen danach davon aus, dass die Karriere der Biathlon-Späteinsteigerin damit beendet sei.

Auch Damen-Bundestrainer Gerald Hönig rechnete fest damit, dass seine Athletin aufhört.

Doch Sachenbacher-Stehle gibt noch nicht auf, auch wenn es ein wirkliches Happy End für sie nicht mehr geben wird. SHOP: Jetzt Ski-Artikel kaufen

"So möchte ich eigentlich nicht abtreten, als Dopingsünderin, als jemand, der aus seinem Job gejagt wird." Deshalb klagt sie nun vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS gegen das Urteil und hofft auf eine Verkürzung der Sperre.

Am Dienstag findet die Anhörung der zweimaligen Langlauf-Olympiasiegerin in Lausanne statt. SPORT1 beantwortet vorab die wichtigsten Fragen:

1. Was steckt hinter dem positiven Dopingtest bei Sachenbacher-Stehle?

Die Entwicklungen in den ersten Tagen nach dem positiven Dopingtest glichen einem Krimi. Die Staatsanwaltschaft untersuchte noch am gleichen Tag Privaträume Sachenbacher-Stehles.

Wenig später wurden auch konkrete Ermittlungen gegen ihren Mentaltrainer Stefan Saxinger eingeleitet. Von ihm soll Sachenbacher-Stehle den Tee erhalten haben, der ihr zum Verhängnis wurde. Dieser enthielt das Stimulantium, das nur im Wettkampf verboten ist.

In diesem Fall spricht man von einem verunreinigten Nahrungsergänzungsmittel.

Alle unbedenklichen Nahrungsergänzungsmittel finden sich auf der für Athleten einsehbaren Kölner Liste. Der Tee stand nicht darauf.

Sachenbacher-Stehle nahm ihn dennoch zu sich. Ihr Berater habe die Unbedenklichkeit des Tees von einem Institut untersuchen lassen, versicherte sie mehrmals.

"Ich habe mir dann keine weiteren Gedanken gemacht. Das war mein Fehler. Das hätte ich nicht machen dürfen", zeigte sie sich zuletzt im "Bayerischen Rundfunk" selbstkritisch.

2. Was erhofft sich Sachenbacher-Stehle von der Verhandlung vor dem CAS?

Damit Sachenbacher-Stehle ihre Biathlon-Karriere fortsetzen kann, müsste die Sperre auf wenigstens neun Monate verkürzt werden.

Die Sperre würde dann rückwirkend von Februar bis November gelten und somit noch vor Weltcup-Start ablaufen.

Allerdings stellt sich die Frage, ob die Oberbayerin überhaupt sportlich dazu in der Lage ist, noch mal in Loipe und Schießstand anzugreifen.

An professionelles Vorbereitungstraining war bei ihr in den letzten Monaten nicht zu denken. Gerade in den ersten Monaten nach Olympia setzten ihr der positive Dopingtest auch psychisch stark zu. Bei der Anhörung durch den Biathlon-Weltverband waren ihr die schlaflosen Nächte, die sie durchlebt hatte, anzusehen.

Und mit einer Trainingsgruppe des DSV durfte sie aufgrund der Sperre nicht trainieren.

Bundestrainer Hönig lässt Sachenbacher-Stehle zumindest eine Tür offen, hat aber auch Zweifel: "Ich rechne ehrlich gesagt mit einer Verkürzung der Strafe. Die Tür wäre für die Evi dann natürlich auch weiterhin offen. Dies ist aber auch an gewisse Leistungsvorgaben und Qualifikationskriterien gebunden. Ob sie das noch mal alles will, weiß ich derzeit nicht."

Sachenbacher-Stehle müsste sich erst über Erfolge im IBU-Cup einen Platz im Weltcup-Team zurückkämpfen. Dabei hat sie genau diesen beschwerlichen Weg schon hinter sich gebracht. Nach ihrem Wechsel vom Langlauf zum Biathlon 2012 brauchte sie einen ganzen Winter lang, um fester Bestandteil des Weltcup-Teams zu werden.

Sachenbacher-Stehle geht es vor dem CAS vor allem darum, ihren verloren gegangenen guten Ruf einigermaßen wiederherzustellen.

"Das soll nicht das letzte Bild von mir sein", begründete sie ihren Gang vors Sportgericht.

Denn momentan denkt man beim Namen Sachenbacher-Stehle nicht mehr an die fröhliche zweimalige Langlauf-Olympiasiegerin, sondern an die Dopingsünderin.

3. Wie stehen Sachenbacher-Stehles Erfolgschancen?

Es ist tatsächlich mit einer Verkürzung der Sperre zu rechnen. Die Oberbayerin betont, dass sie das verbotene Mittel unbewusst zu sich genommen habe. Sie sei fest davon ausgegangen, dass der Tee sauber sei.

Mit einer ähnlichen Argumentation waren andere Sportler in vergleichbaren Fällen in der Vergangenheit erfolgreich.

Zuletzt wurde die Sperre des jamaikanischen Sprinters Asafa Powell von 18 auf sechs Monate verkürzt.

4. Was sagen die Kollegen?

Der zweimalige Weltcupsieger Simon Schempp kritisiert bei SPORT1 das Urteil des Weltverbandes.

"Man muss unterscheiden zwischen der Einnahme eines verunreinigten Nahrungsergänzungsmittels und einem EPO-Doper. Die wurden beide über einen Kamm geschert. Da bin ich der Meinung, dass das nicht ganz richtig ist." Schempp spielt damit auf die Dopingfälle der Russin Irina Starykh und des Litauers Karolis Zlatkauskas an.

Beide waren des EPO-Dopings überführt worden und wurden ebenfalls für zwei Jahre gesperrt.

Auch Franziska Preuß fand das Urteil "krass. Das hätte ich nicht so erwartet", sagte die 20-Jährige zu SPORT1.

Für die Anhörung am Dienstag drückt sie ihrer Teamkollegin die Daumen: "Ich hoffe für die Evi, dass sie es durchbringt, dass die Sperre verkürzt wird."

5. Welche Maßnahmen hat der DSV nach dem Dopingfall getroffen?

Den Deutschen Skiverband kann man im Dopingfall Sachenbacher-Stehle nicht ganz ausnehmen von Kritik. Denn offenbar hatten die verantwortlichen Trainer und Funktionäre nicht im Blick, welche Mittel ihre Athleten zu sich nehme.

Man beruft sich auch weiterhin auf das eigenverantwortliche Vorgehen der Sportler, will nun aber mehr Hilfe und Informationen anbieten.

"Wir haben für den DSV entschieden, dass wir die Prüfung unserer Nahrungsergänzungsmittel gewährleisten werden", erklärte Sportdirektorin Karin Orgeldinger. "Wir werden das mitfinanzieren, sodass unsere Athleten sicher sein können, dass unsere Produkte geprüft sind und sie auf einem sicheren Weg sind", fügte sie hinzu.

Schon zuvor gab es einen festen Pool an Nahrungsergänzungsmitteln, die der DSV den Athleten zur Verfügung stellte.

Sachenbacher-Stehle nützte diesen im Falle des Tees jedoch nicht.

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