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Michael Rösch gewann mit der deutschen Staffel 2006 die Goldmedaille in Turin
Michael Rösch gewann mit der deutschen Staffel 2006 die Goldmedaille in Turin © imago

München - Vor dem Saisonstart in Östersund spricht der Neu-Belgier Michael Rösch über seine Ziele und den Kontakt zu den "alten" Kollegen.

Vor zwei Jahren hat sich Michael Rösch entschieden, die belgische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Der Grund waren vor allem Probleme mit dem deutschen Trainerteam.

Lang zog es sich hin, bis der Sachse den neuen Pass bekam. So lange, dass er sogar die Olympischen Spiele in Sotschi verpasste. Doch kurz darauf war es endlich soweit - und Rösch gelang beim Sommerbiathlon mit dem WM-Titel in der Verfolgung gleich ein historischer Erfolg.

Vor seinem Saisonstart beim Einzelrennen in Östersund/Schweden (Mi., ab 17.15 Uhr im LIVE-TICKER) spricht der Olympiasieger im SPORT1-Interview über Frustabbau, neue Ziele und den Kontakt zu den "alten" Kollegen.

SPORT1: Herr Rösch, lang haben Sie gekämpft für ihren Nationenwechsel, jetzt sind Sie endlich Belgier. Sprechen Sie denn schon die Landessprachen?

Michael Rösch: (mit leicht sächsischem Akzent) Ich kann ja noch nicht einmal ordentlich Deutsch (lacht). Sportlich läuft es schon - bei der Sprache hapert es noch ein bisschen.

SPORT1: Bei der Sommer-WM in Tjumen (Sibirien) haben Sie gleich ein Ausrufezeichen gesetzt, nach Silber im Sprint auch Gold in der Verfolgung (12,5 Kilometer) geholt - der erste WM-Titel für Belgien. Wie stolz sind Sie darauf, schon jetzt etwas Historisches geschafft zu haben?

Rösch: Als ich damals ins Ziel gekommen bin, ging erst alles so schnell, ich stand mit der Fahne bei der Siegerehrung, habe zum ersten Mal die Hymne für Belgien gehört. Erst im Nachhinein ist mir bewusst geworden, was das für dieses kleine Land und unseren Sport dort bedeutet. Das war schon ein bewegender Moment, gerade vor dem Hintergrund, wie lange das alles gedauert hat mit dem Wechsel.

SPORT1: Durch Probleme mit den Formalitäten zog sich Ihr Wechsel so lange hin, dass sie auch die Olympischen Spiele in Sotschi verpassten. Haben Sie den Frust darüber mit etwas Abstand schon verdaut?

Rösch: Auf alle Fälle. Die ganzen Probleme, Sotschi, der Knatsch mit den Deutschen - mir ist das eigentlich alles wurscht. Ich will gar nicht groß lamentieren, das ist Vergangenheit. Klar sind viele Sachen alles andere als optimal gelaufen, aber jetzt habe ich den Pass und darf für Belgien starten. Ich bin einfach nur glücklich, dass ich nach der langen Pause wieder Rennen laufen kann.

SPORT1: Wie oft haben sie ans Aufgeben gedacht?

Rösch: Ans Aufgeben habe ich nie gedacht. Ich gebe zu, dass es viele Tage gab, an denen ich die Schnauze voll hatte. Du hörst immer wieder: "Morgen kommt der Pass", und dann ist doch wieder nix. Es hat sich ewig hingezogen. Das war mental eine ganz schwierige Situation, aber ich hatte viele Leute um mich, die mich motiviert haben und ich war selbst motiviert. Jetzt merke ich, dass es mir mental viel besser geht. Ich bin wieder locker, weil ich weiß: die Saison ist finanziert, ich kann laufen, es ist alles geregelt - dieses Gefühl ist einfach unbezahlbar. Ich bin ja teilweise rumgerannt wie Falschgeld (lacht). Jetzt werde ich langsam wieder Michael Rösch.

SPORT1: Wie sehr fiebern Sie nun ihrer Rückkehr nach zweijähriger Wettkampfpause entgegen?

Rösch: Ich bin heiß wie Frittenfett, wie man so schön sagt (lacht). Ich habe die Schnauze voll vom Training. Das habe ich drei Jahre lang gemacht, jetzt will ich endlich wieder ein paar Rennen laufen. Geduld ist da sehr wichtig, weil ich ein sehr ungeduldiger Mensch bin. Ich darf von mir nicht zu viel verlangen und gleich nach dem ersten Rennen, wenn es schlecht läuft, den Kopf in den Sand stecken. Aber ich will einfach raus und laufen.

SPORT1: Durch den Wechsel haben sie auch Ihre berufliche Zukunft bei der Bundespolizei freiwillig aufgegeben. Ein großer Schritt. Hat sich das Risiko gelohnt?

Rösch: Finanziell auf keinen Fall (lacht). Aber ich will ja noch ein paar Jahre Biathlon betreiben, deswegen war der Wechsel schon die richtige Entscheidung. Vielleicht würde ich es anders machen, wenn ich noch einmal die Chance hätte. Aber ich habe es durchgezogen, weil das einfach meine Mentalität ist. Ich hätte auch zu den Deutschen zurückkriechen können, aber dafür war auch ich zu stolz. So wie es jetzt ist, passt es.

SPORT1: Sie sind im Prinzip als belgisches Ein-Mann-Team unterwegs. Wie genau verlief Ihre Vorbereitungsphase. Wo und mit wem haben Sie trainiert?

Rösch: Ich war ziemlich viel alleine unterwegs, habe aber auch noch ein paar Trainingslager mit meinen Norwegern gemacht, Lars Berger und Alexander Os. Mit dem Alex war ich vor zwei Wochen in Finnland, danach war ich in Lillehammer. Ich habe also schon mit ein paar Leuten zusammen trainiert. Klar, im Weltcup muss ich mich alleine durchkämpfen, aber ich habe einen Trainer, einen Betreuer - wir sind ein kleines aber feines Team.

SPORT1: Bei Olympia 2018 werden sie 34 sein, fast 35. Ist Pyeongchang trotzdem das klare definierte Ziel?

Rösch: Auf alle Fälle. Das ist mein Minimalziel. Es ist mein innerster Wunsch, noch einmal bei den Olympischen Spielen zu starten. Aufs Alter werde ich immer wieder angesprochen, aber Ole Einar Björndalen ist auch mit 40 Jahren noch Olympiasieger geworden. Ich fühle mich auch noch nicht wie 30, sondern viel jünger.

SPORT1: Sie wechselten die Nation vor allem deshalb, weil es Probleme mit dem Trainerteam gab. Wie ist das Verhältnis heute?

Rösch: Das Verhältnis ist eigentlich gut. Mit den Sportlern sowieso, mit denen gab es ja nie ein Problem. Zu den Trainern sage ich halt "Hallo", rede ganz normal mit ihnen, wie früher. Das wurde vielleicht alles ein bisschen zu sehr hochgekocht. Die Situation war mit Sicherheit alles andere als einfach. Ich habe ein paar Fehler gemacht, von Verbandsseite gab es auch ein paar Sachen, die besser hätten laufen können. Aber für mich ist das Geschichte. Ich komme mit allen gut klar und will auch keine Stimmung machen. Ich habe dem DSV auch viel zu verdanken und dort viele Jahre Erfolge gefeiert. Klar ist es schade, dass es so gekommen ist, aber so ist es nun einmal. Das passiert in der besten Ehe, dass es auseinandergeht.

SPORT1: Ab Dezember geht es gegen ihre alten Kollegen. Wie ist da der Kontakt?

Rösch: Sie sind auf der Strecke genauso noch meine Gegner wie früher auch, nur sind sie jetzt nicht mehr meine Teamkameraden. Ich habe mit Arnd (Peiffer, Anm. der Red.) oder Christoph (Stephan, Anm. der Red.) auch immer noch ein super Verhältnis. Daran wird sich nie etwas ändern. Im Rennen sind wir Gegner, danach wieder Kumpels - das war damals so und ist auch jetzt noch so.

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