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Miriam Gössner gewann 2011 und 2012 WM-Gold mit der Staffel
Miriam Gössner gewann 2011 und 2012 WM-Gold mit der Staffel © getty

Bischofshofen - Die deutschen Trainer reagieren auf Miriam Gössners anhaltende Krise und degradieren sie in den IBU-Cup. Die Zeit drängt.

Manchmal wünscht man sich, die Zeit würde einfach stillstehen und das Leben nicht weitergehen.

Wenn sich Miriam Gössner aus sportlicher Sicht einen solchen Moment aussuchen könnte, dann wäre es der 5. Januar 2013.

Fast auf den Tag genau vor zwei Jahren dominierte die Garmischerin die Biathlon-Konkurrenz nach Belieben.

Fünf Schießfehler unterliefen ihr in der Verfolgung von Oberhof, und dennoch gewann sie das Rennen vor der Tschechin Gabriela Soukalova.

Die Fans in Thüringen waren aus dem Häuschen und feierten Gössner frenetisch. Doch zum Leidwesen für die Blondine drehte sich das Rad der Zeit weiter.

Ihre sportliche Topform konnte sie nicht mehr halten und ein Schicksalsschlag veränderte schließlich im Mai 2013 ihr Leben von heute auf morgen.

Bei einem Sturz vom Mountainbike verletzte sie sich in Norwegen schwer, brach sich vier Rückenwirbel und entging nur hauchdünn der Querschnittslähmung.

Polen statt Oberhof

Gössner ist heute froh, dass sie überhaupt wieder ihren Sport betreiben kann.

Aber in diesen Tagen wird sie daran erinnert, dass alles anders sein könnte, wäre da nicht dieser Unfall passiert.

Wenn nun am Mittwoch der Biathlon-Tross wieder nach Oberhof kommt (ab 14.15 Uhr im LIVE-TICKER), wird Gössner nämlich nicht dabei sein.

Die 24-Jährige tritt stattdessen ab Freitag beim IBU-Cup im polnischen Duszniki Zdroj an.

Der IBU-Cup ist die 2. Liga des Biathlons. In ihr messen sich junge Talente, die noch nicht bereit für den Weltcup sind oder Biathletinnen, die sich nach einer Verletzung wieder zurückkämpfen müssen.

Olympia-Verzicht unter Tränen

Für Gössner ist es der vorläufige Endpunkt einer sportlichen Abwärtsspirale, in der sie sich befindet.

Im vergangenen Winter hatte sie lange gegen die anhaltenden Rückenschmerzen als Folge ihres Radunfalls angekämpft, sie wollte unbedingt zu Olympia nach Sotschi.

Doch letztlich verlor sie diesen Kampf und gab unter Tränen ihren Startverzicht bekannt.

Schauplatz dieses traurigen Moments war wieder Oberhof.

Vergessene Strafrunde

Schmerzen hat Gössner inzwischen keine mehr, doch in diesem Winter quält sie nun ein mentales Problem.

Überdeutlich wurde dies beim Sprint in Hochfilzen, als Gössner vergaß, eine Strafrunde zu laufen und letztlich auf Rang 93 landete.

"Das Verhalten am Schießstand unter Wettkampfbedingungen passt noch nicht", analysiert es Gerald Hönig.

Im Training produziert Gössner nämlich durchaus fehlerfreie Schießserien, aber unter dem Druck, der beim Rennen herrscht, kriegt sie das nicht hin.

Reihenweise Fahrkarten in Garmisch

Dabei handelt es sich gar nicht um den Druck der Öffentlichkeit, die die sympathische Halb-Norwegerin wieder ganz oben auf dem Podest sehen würde.

Am hinderlichsten ist der Druck, den sich Gössner selbst macht.

Selbst beim City-Sprint in Garmisch kurz vor Silvester schoss sie bei 40 Schüssen 21 Mal daneben.

Dabei hatte das Rennen keinen großen sportlichen Wert und war eher als regionales Event anzusehen.

Angesteckt von der guten Stimmung, die die Fans in ihrer Heimatstadt verbreiteten, sagte sie hinterher: "Das mit dem Schießen sollte man nicht so genau nehmen, es hat einfach brutal viel Spaß gemacht."

Kritik an Geduld der Trainer

Doch für ihre Trainer war das das Zeichen: Es geht nicht mehr.

Lange hatten Hönig und Co. an ihr festgehalten, für manch einen zu lange.

Ex-Teamkollegin Kathrin Lang, die sich benachteiligt fühlte, hatte schon in der vergangenen Saison geätzt: "Eine Miriam Gössner kommt viermal gerade so unter die Top 60 und bekommt jeglichen Freiraum."

Drei Rennen am Stück

Angesichts der bevorstehenden Heimspiele in Oberhof und dem dabei gestiegenen Erwartungsdruck mussten die Coaches nun handeln.

"Sie braucht die Wettkämpfe nach wie vor. Wir hoffen, dass sie abseits des Weltcuptrubels ihre Form stabilisieren kann", begründete Hönig die Degradierung.

"In Polen wird sie voraussichtlich drei Rennen absolvieren, auch das ist sicher ein Vorteil im Vergleich zum Weltcup", fügte Hönig zu.

Denn zuletzt sah es so aus: Gössner setzte ein Rennen in den Sand, qualifizierte sich nicht für die Verfolgung und musste wieder nach Hause reisen.

Im IBU-Cup kann sie an diesem Wochenende drei Wettkämpfe am Stück bestreiten und so endlich in einen Rhythmus kommen.

Kurort als gutes Omen?

Das wird auch langsam Zeit, denn die Weltmeisterschaften in Kontiolahti Anfang März rücken näher.

Der geschichtliche Hintergrund des polnischen Städtchens Duszniki Zdroj klingt jedenfalls nach einem guten Omen für Gössner.

In früheren Jahrhunderten war es ein berühmter Kurort für Herzerkrankungen. Auch Friedrich der Große und Frederic Chopin hielten sich hier auf.

Vielleicht geht es Gössners Sportlerherz nach dem kommenden Wochenende auch wieder besser.

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