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Simon Schempp (l.) und Laura Dahlmeier in der Erfolgsspur
Simon Schempp (l.) und Laura Dahlmeier sind die großen Hoffnungen auf deutsche Medaillen bei der Biathlon-WM 2015 in Kontiolahti © Getty

München - Nach Olympia wurden Traueranzeigen vorbereitet für den deutschen Biathlon. Doch früher als erhofft hat der DSV wieder Siegkandidaten. SPORT1 nennt die Gründe für den Aufschwung.

Vor einem Jahr hätte das noch die Tränen-Kanäle geöffnet bei den deutschen Biathlon-Damen. Mittlerweile jedoch nimmt Franziska Hildebrand eine Crossfire-Einlage wie in der abschließenden Verfolgung in Nove Mesto professionell, streng sich selbst gegenüber. Aber eben nicht selbstzerstörerisch.

"Das sollte nicht passieren, aber es passiert. Das muss ich abhaken", sagte sie. Es ist viel passiert seit Olympia im deutschen Lager. Das Selbstvertrauen ist gewachsen.

In Tschechien landete Hildebrand im Sprint hinter Laura Dahlmeier, der erste deutsche Doppelsieg seit vier Jahren. Die Biathletinnen des DSV schafften es schon achtmal aufs Podest - in der gesamten letzten Saison hatte es das nur fünfmal gegeben.

Ähnlich erfolgreich läuft es bei den deutschen Herren, in erster Linie dank Siegläufer Simon Schempp. SPORT1 nennt fünf Gründe für den deutschen Aufschwung.

  • TRAINERWECHSEL BEI DEN DAMEN

Im April ersetzte Tobias Reiter den früheren Weltklasse-Läufer Ricco Groß als Disziplintrainer bei den Damen. Der DSV verkaufte das damals als Teil der "Umstrukturierung" im Trainerbereich. Dahinter steckte: Groß musste gehen, doch statt ihn zu feuern, degradierte ihn der Verband zum Trainer des IBU-Cup-Teams.

Reiter kam als Stützpunkttrainer in Ruhpolding, kannte von dort zum Beispiel Franziska Preuß sehr gut. Intern sind sich alle einig: Er geht deutlich sensibler mit den Athletinnen um als Groß, hat das absolute Vertrauen.

Magdalena Neuner lobte die Entscheidung des DSV: "Weltcup ist ein hartes Geschäft. Und weil sie momentan nicht so erfolgreich sind, ist es noch härter. Da brauchen sie einen Trainer, der voll hinter ihnen steht."

Sie selbst war schon mit Groß nicht zurechtgekommen und ließ meist die Lehrgänge des Verbands aus, um sich einzeln auf Wettkämpfe vorzubereiten.

Neuner durfte das ihrer Erfolge wegen. Eine ähnliche Stellung hat aktuell niemand im Kader, umso wichtiger ist das verbesserte Verhältnis zwischen Trainern und Athletinnen.

  • SCHIESSSTÄRKE

Läuferisch gibt es sowohl bei den Damen als auch bei den Herren international noch Bessere. Die Deutschen haben dafür in den letzten Jahren diszipliniert an ihrer Schießstärke gearbeitet.

Vor allem bei Dahlmeier zahlt sich das jetzt aus: Mit einer durchschnittlichen Trefferquote von 93 Prozent liegt sie in dieser Saison hinter der Russin Irina Trusova auf Platz zwei im Weltcup. Damit trifft sie noch um drei Prozent besser als in den vergangenen beiden Jahren - in der Weltspitze ein riesiger Unterschied.

Hildebrand hält sich seit knapp vier Jahren konstant bei 86 oder 87 Prozent. Die Logik ist einfach: Am Schießstand sind Verbesserungen schneller möglich als in der Loipe. Dort wiederum kann vor allem Dahlmeier in den nächsten Jahren noch extrem zulegen.

Die gleiche Strategie wählte Schempp: Als er im Sommer 2013 wegen Verletzung und Krankheit länger nicht trainieren konnte, übte er fleißig mit dem Gewehr. Von 82 Prozent im Winter 2011/12 steigerte er sich konstant bis auf 89 Prozent im letzten Jahr, liegt aktuell mit 88 Prozent ebenfalls in diesem Bereich.

  • TEAMGEIST

Deutlich stärker als in den vergangenen Jahren achten die Trainer darauf, dass die Athleten zueinander passen.

"Grundsätzlich herrscht ein sehr gutes Mannschaftsklima bei uns, auch zwischen Männern und Frauen. Das ist auf jeden Fall entscheidend, damit man mit einer positiven Stimmung zu den Wettkämpfen fährt", sagte Schempp zu SPORT1. "Man ist den Winter über vier Monate am Stück zusammen, da ist es definitiv von Vorteil, wenn das Mannschaftsklima passt."

Die Herren blicken auf zu ihrem Frontmann und profitieren davon, dass Schempp ein absoluter Teamplayer ist.

Bei den Damen sticht Hildebrand mit 27 Jahren bereits als Erfahrenste heraus, sie drängt sich aber nicht in den Vordergrund.

Es gilt: Wer sich nicht in die Mannschaft einfügt, den packen die Trainer in den B-Kader - Karolin Horchler etwa dürfte es schwer haben, sich langfristig im Weltcup zu etablieren.

  • KEIN DRUCK

Das Debakel bei Olympia mit insgesamt nur zwei Silbermedaillen schrumpfte die Erwartung an die deutschen Biathleten.

Besonders die Damen hatten nach den Rücktritten von Neuner und Andrea Henkel zunächst keine Chance mehr auf Edelmetall.

Entsprechend defensiv ging die Mannschaft die neue Saison an: Von einem Übergangsjahr war die Rede, bloß nicht zu viel Druck.

Schon im Sommer wurde den Trainern aber klar, dass auch in diesem Winter Erfolge möglich sind. Den Damen tat die zwischenzeitlich gesunkene Aufmerksamkeit gut, konnten sie sich dadurch doch voll auf sich konzentrieren.

  • ABHÄRTUNGSJAHR

Dahlmeier (21) bestritt im vergangenen Jahr ihre erste komplette Weltcup-Saison, Preuß (20) gab ihr Debüt. Beide kamen noch extrem jung in die erste Damen-Mannschaft, zu einer Zeit, als dieser gerade die Erfolge und die Anführerinnen wegkrümelten.

Damals gab es Kritik, speziell nach einigen enttäuschenden Ergebnissen für die Nachwuchs-Athletinnen.

Ein beachtliches Risiko, es flossen Tränen bei schwachen Wettkämpfen und beide hätten mit etwas Pech daran zugrunde gehen können. Diese Erfahrung hat sie jedoch gestärkt.

Gnadenlose Konkurrenz auf allerhöchstem Niveau, Reisestress, Medieninteresse: Dahlmeier und Preuß kennen das Geschäft bereits, während andere in ihrem Alter gerade mal im IBU-Cup debütieren.

Eine Garantie gegen zukünftige Misserfolge ist das natürlich nicht - Frauen wie Männer können aber auf jeden Fall von ihrem neuen Selbstbewusstsein zehren.

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