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Lindsey Vonn auf Skiern und außerhalb der Piste
Lindsey Vonn wurde 2010 in Vancouver Olympiasiegerin in der Abfahrt © getty

München - Vor ihrem Comeback-Rennen in Lake Louise spricht Lindsey Vonn bei SPORT1 über ihre lange Leidenszeit und die Lehren daraus.

Von Andreas Kloo und Michael Gößl

Lindsey Vonn ist zurück.

Am Dienstag bestritt sie in Lake Louise ihr erstes offizielles Abfahrtstraining im Rahmen des Ski-Weltcups nach langer Zeit.

Sie hat eine schwierige Phase hinter sich. Im Jahr 2013 riss sie sich gleich zwei Mal das Kreuzband, erst bei der WM in Schladming, dann im Herbst auf dem Weg zum Comeback im Training.

Trotzdem wollte sie zunächst ihren Traum von Olympia in Sotschi nicht aufgeben, verzichtete auf eine Operation und fuhr weiterhin Rennen.

Doch im Januar musste die Speed-Queen einsehen, dass das zu gefährlich ist.

Sie ließ sich am lädierten Knie operieren und peilt nun als neues Ziel die Olympischen Spiele in Pyeongchang an.

Das Rennen in Lake Louise am Freitag (ab 20.30 Uhr im LIVE-TICKER) bedeutet für die 30-Jährige den ersten Schritt auf dem Weg zu Olympia 2018.

Vor ihrem Comeback blickt sie im exklusiven SPORT1-Interview zurück auf die Leidenszeit, die sie hinter sich hat und erklärt, was sie künftig ändern will. Außerdem spricht sie über ihre Freundin Maria Höfl-Riesch und kritisiert die FIS.

Vonn lebt seit vielen Jahren während des Winters in Österreich und verbrachte schon viele Weihnachtsfeste mit Höfl-Riesch in Garmisch-Partenkirchen.

Das Interview führte sie deshalb komplett in deutscher Sprache. Nur das deutsche Wort "Bremsen" fiel ihr bezeichnenderweise nicht ein.

SPORT1: Was hat Ihnen in den letzten Monaten mehr gefehlt? Der Wettkampf oder einfach nur das Skifahren an sich?

Lindsey Vonn: Beides. Der sportliche Wettkampf motiviert mich, ich brauche das, ich bin eine Kämpferin. Aber ich brauche es auch, auf den Skiern, auf dem Schnee zu stehen. Es ist eine Mischung, aus den zwei Dingen. Der erste Teil ist geschafft, ich bin wieder auf dem Schnee. Jetzt fehlen nur noch die Wettkämpfe.

SPORT1: Wenn Ihnen gleich zwei wichtige Dinge fehlten, muss es eine harte Leidenszeit für Sie gewesen sein.

Vonn: Ja, das war eine schwierige Zeit, denn ich habe nichts machen können. Ich musste mit Krücken gehen, bin nur im Bett gelegen, aber ich wollte unbedingt etwas machen. Ich bin kein Mensch, der einfach still halten kann - das war für mich nicht leicht. Aber als ich dann mit der Reha angefangen habe, war alles viel besser. Was mich motiviert hat, war das Ziel 2018, die Olympischen Spiele. Als ich akzeptiert habe, dass ich nicht in Sotschi dabei war, habe ich mir gesagt: Ich muss unbedingt nochmal bei Olympischen Spielen mitfahren. Dann eben 2018.

Lindsey Vonn (M.) mit den SPORT1-Redakteuren Andreas Kloo und Michael Gößl
Lindsey Vonn (M.) mit den SPORT1-Redakteuren Andreas Kloo und Michael Gößl © SPORT1

SPORT1: Allerdings sind Sie 2018 schon 33 Jahre alt?

Vonn: Ja, aber die Michi Dorfmeister hat auch in Turin 2006 zwei Goldmedaillen mit fast 33 Jahren gewonnen. Es ist also schon möglich, ich muss nur gesund bleiben. Und es hilft auch für meine Geduld, dass ich weiß, dass ich in vier Jahren bereit sein muss. Nicht nur dieses Jahr, nicht nur heute oder in einer Woche, sondern in vier Jahren. Ich muss alles ein bisschen klüger machen, ein bisschen langsamer und dann bin ich in vier Jahren hoffentlich bereit.

SPORT1: Aber im Februar findet schon Ihre WM in Vail statt. Gold bei der Heim-WM wäre doch auch ein schönes Ziel?

Vonn: Sicher, die WM zuhause ist ein großer Traum für mich. Aber das hängt alles von meinem Selbstvertrauen ab und wie mein Gefühl auf den Skiern ist. Hoffentlich kann ich etwas gewinnen, für die Zuschauer zuhause. Das wäre riesig, wenn ich das schaffen könnte. Aber wichtig ist, dass ich wieder am Start bin, wieder das Gefühl habe, beim Wettbewerb mitmachen zu können. Ich denke, es wird dann alles von selbst kommen.

SPORT1: Im vergangenen Winter haben Sie mit einem gerissenen Kreuzband Rennen bestritten. War das ein Fehler?

Vonn: Nein. Wenn ich zurückschaue, denke ich, dass ich alles richtig gemacht habe. Meine Verletzung ist auch nicht passiert, weil ich zu früh angefangen habe oder nicht stark genug war. Es ist passiert, so ist das beim Skifahren. Da kann alles passieren, ob du gesund bist oder nicht gesund. Ich habe das akzeptiert. Ich bin sehr unglücklich gewesen, aber trotzdem ist das vielleicht positiv. Denn jetzt fahre ich für weitere vier Jahre und kann noch einige Erfolge feiern.

SPORT1: Was war auf Ihrem Weg zum Comeback wichtiger? Die mentale Kraft oder die pyhsische?

Vonn: Die mentale. Ich muss im Kopf stärker sein als zuvor, weil es schon das zweite Comeback ist, nicht das erste Mal. Letztes Jahr war das im Kopf viel, viel leichter. Jetzt muss ich nicht nur stark im Knie sein, nicht nur körperlich, sondern viel stärker im Kopf, denn ich muss Selbstvertrauen haben. Und das, obwohl ich in den letzten eineinhalb Jahren fast nicht Skigefahren bin.

SPORT1: Ihre Freundin Maria Höfl-Riesch hat erzählt, dass Sie nach ihrem zweiten Kreuzbandriss bei einigen Abfahrten Angst hatte. Wie ist das bei Ihnen?

Vonn: Nein, ich habe keine Angst, wieder schnell zu fahren. Ich muss mich eher - how do you say in german?

SPORT1: Bremsen.

Vonn: Ja, genau. Ich fahre immer schnell und das ist nicht immer gut. Beim Training muss ich alles immer ein bisschen langsamer machen, aber am Start bin ich nicht nervös. Egal ob schlechtes Licht ist oder schlechtes Wetter - ich fahre immer Vollgas!

SPORT1: Wie sehr wird Ihnen Ihre Freundin Maria fehlen?

Vonn: Das wird schwierig, ohne Maria zu fahren. Wir waren immer zusammen: Auf der Piste, bei der Siegerehrung, bei der Startnummernauslosung. Jetzt ist da ein großes Loch. Es ist für mich schade, dass sie aufgehört hat, aber ihr war das wichtig. Hoffentlich hat sie jetzt ein schönes Leben nach dem Skifahren.

SPORT1: Sie haben nach Ihrem Sturz in Schladming FIS und Veranstalter kritisiert. Wie sehen Sie allgemein die Sicherheitslage im alpinen Skisport?

Vonn: Ich habe immer deutlich gesagt, dass wir etwas machen müssen. Ich habe auch mit der FIS darüber gesprochen. Und dann nach der WM in Schladming, beim Weltcupfinale in Lenzerheide haben sie fast genau das gleiche gemacht wie bei mir. Dann hat sich Klaus Kröll verletzt, viele Männer sind gestürzt - ich weiß nicht, was ich noch mehr machen kann. Alle sagen, wir brauchen mehr Sicherheit, aber es kommt nicht, und es gibt weiterhin Verletzte.

SPORT1: Wird zu wenig auf die Fahrer und Fahrerinnen gehört?

Vonn: Ich weiß, dass es für die Organisatoren nicht einfach ist. Wir müssen Rücksicht nehmen aufs Fernsehen, wir brauchen das Geld, um die Rennen überhaupt zu haben. Aber das sollte nicht der Grund sein, ein Rennen durchzuführen, obwohl das Wetter zu schlecht ist. Wir müssen eine bessere Mischung, eine bessere Balance haben. Ich werde auf jeden Fall weiter meine Meinung sagen, ob wir starten sollten oder nicht. Aber es ist nicht meine Entscheidung, ob sie auf mich hören oder nicht.

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