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SKI alpin-Kjetil Jansrud-Kitzbühel-Streif-Jubel
Kjetil Jansrud feiert seinen prestigeträchtigen Sieg im Ziel © Getty Images

Kitzbühel - Kjetil Jansrud verdirbt den Österreichern mit seinem Sieg auf der Mini-Streif die Laune, muss sich aber hinterher rechtfertigen. Dabei ist sein Erfolg ein mentaler Kraftakt.

2 Minuten 57 Sekunden. So lange war 1956 der große österreichische Ski-Held Toni Sailer auf der Streif in Kitzbühel unterwegs, um seinen Sieg unter Dach und Fach zu bringen.

Für eine Fahrtzeit von 58 Sekunden hätte er sich wahrscheinlich nicht einmal die Ski angeschnallt.

Es wäre unter seiner Würde gewesen.

58 Sekunden: das klingt eher nach einem längeren Slalom-Durchgang als nach einer kräftezehrenden und den ganzen Körper fordernden Abfahrt.

Kjetil Jansrud-Dominik Paris-Guillermo Fayed
Kjetil Jansrud (M.) triumphierte vor Dominik Paris (l.) und Guillermo Fayed © Getty Images

Doch am Samstag war das die Siegerzeit für den Schnellsten auf der eigentlich doch gefährlichsten Abfahrt der Welt, den Norweger Kjetil Jansrud.

Mausefalle und Steilhang fehlen

Viel war vom berühmt berüchtigten Hahnenkammrennen am Samstag nicht mehr übrig geblieben.

Dichter Nebel hatte ein Rennen von ganz oben unmöglich gemacht. Und so fehlten so spektakuläre Streckenabschnitte wie die Mausefalle mit ihrem 70prozentigen Gefälle oder die Steilhangausfahrt, bei der es die Fahrer Richtung Schutzplane drückt.

Doch die österreichischen Veranstalter machten aus der Not eine Tugend und feierten sich sogar noch für ein historisches Ereignis.

"Wir hatten heute die kürzeste Abfahrt aller Zeiten!", verkündete Rennchef Peter Obernauer mit Stolz in der Stimme.

Auch ORF-Experte Armin Assinger versuchte das nationale Heiligtum, den Mythos Streif zu schützen.

 "Die Streif bleibt die Streif!" stellte er klar.

Keine wirkliche Abfahrt

Sein Landsmann Harti Weirather, 1982 Sieger in 1:57, 20 hielt dem allerdings entgegen: "Für den Läufer selbst ist es weniger wert, weil Mausefalle und Steilhang fehlen." Und der drittplatzierte Franzose Guillermo Fayed pflichtete ihm bei: "Normalerweise haben wir Angst vor dem Rennen, heute nicht." Geht man nach dem offiziellen FIS-Reglement, hat es sich sogar überhaupt nicht um eine Abfahrt gehandelt.

800 Höhenmeter sind dort als Mindestlänge einer Abfahrt angegeben. Bei der Mini-Streif am Samstag bewältigten die Abfahrer nur 440 Meter.

Keine Zeit für zwei Durchgänge

Jansrud verwies darauf, dass es nicht das erste Mal gewesen sei, dass man ein kürzeres Rennen gefahren sei.

In der Tat gab es in der Vergangenheit schon öfter sogenannte Sprintabfahrten, auch in Kitzbühel wurde den Fans schon mehrfach die abgespeckte Version des Klassikers geboten.

So zum Beispiel 1990. Doch damals wurde das Rennen dann in zwei Durchgängen ausgetragen.

Ein einzelner Lauf dauerte damals länger als die gesamte Abfahrt am Samstag. Der Norweger Atle Skaardal gewann in der Gesamtzeit von 2:26 Minuten.

Für zwei Durchgänge fehlte aber diesmal die Zeit, erklärten die Organisatoren.

Man war froh, den zahlreichen Fans und extra angereisten Prominenten wie Arnold Schwarzenegger, Bernie Ecclestone und Lena Gercke überhaupt ein Rennen präsentieren zu können.

Jansrud schmeckt Verkürzung nicht

Nach der langen wetterbedingten Verzögerung begann das Spektakel, das keines war, schließlich mit zweistündiger Verspätung erst um 13.45 Uhr.

Für Sieger Jansrud bedeutete die lange Warterei und die Umstellung auf eine neue Strecke aber  einen mentalen Kraftakt, wie er hinterher erklärte.

"Ich war nicht glücklich, als ich von der Verkürzung hörte. Oben war ich in den Trainings am Schnellsten", schilderte er seine Gedanken vor dem Start.

Auch deshalb ist Jansruds Sieg von der skifahrerischen Leistung her nicht mit jener früherer Hahnenkamm-Sieger zu vergleichen, aber die psychische Leistung ist wohl noch höher einzustufen.

Ähnlich sieht das Doppelolympiasieger Markus Wasmeier, der bei SPORT1 zur allgemeinen Charakteristik einer Sprintabfahrt sagte:

"Das macht es noch schwieriger zu gewinnen, weil vorne alles noch enger zusammen ist." In der Tat durfte man sich auf der verkürzten Streif nicht den kleinsten Fehler erlauben.

Im engen Hundertstelkrimi hätte das einen entscheidenden und nicht mehr wettzumachenden Nachteil bedeutet.

Karriereziel erreicht

Jansrud wusste das und legte auf den einzig wirklich schwierigen Teil des Rennens seine volle Konzentration.

Die schräg abfallende Traverse vor dem Zielhang fuhr er am Besten von allen und holte hier die entscheidenden zwei Hundertstelsekunden auf den Zweiten Dominik Paris aus Italien heraus.

Audi FIS Alpine Ski World Cup - Men's Downhill-Dominik Paris
Dominik Paris gewann am Freitag bereits den Super-G auf der Streif © Getty Images

Als er diesen hinter sich gelassen hatte, war der Norweger vor allem erleichtert:

"Es war immer mein Ziel, im legendären Kitzbühel zu gewinnen. Deshalb bin ich froh, jetzt als erster auf dem Podium zu stehen." Ein wenig klang Jansrud wie ein Fußballer, der die alte Weisheit "Hauptsache gewonnen, egal wie" zum Besten gibt.

Ein sogenannter dreckiger Sieg war das also, den der Super-G-Olympiasieger da gefeiert hatte.

Hoffen auf Rennen von ganz oben

In den kommenden Jahren will er dann noch einen Sieg nachlegen, bei dem auch die B-Note passt.

"Ich hoffe, dass wir in den nächsten Jahren noch ein paar Mal von ganz oben fahren werden", blickte er in die Zukunft.

Den gastgebenden Österreichern hätte ein dreckiger Sieg auf jeden Fall genügt: "Wir hatten das Ziel zu gewinnen", gab ÖSV-Sportdirektor Hans Pum im "ORF" zu.

"Aber es ging eng zu und dann muss alles passen", sagte er ein wenig kleinlaut.

Ein Großteil der österreichischen Fans hatte die Strecke da bereits verlassen, fast so schnell, wie Jansrud im Ziel war.

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