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München - Felix Neureuther soll bei der Ski-WM die deutschen Medaillen einfahren. Aus den Fehlern der Vergangenheit hat er gelernt. Nach seinen Socialmedia-Erfolgen ist er nun bereit für den großen sportlichen Wurf.

Von Andreas Kloo und Benjamin Heckner

Endlich ist es soweit.

Von den deutschen Ski-Fans wird Felix Neureuthers Eingreifen in die Alpine Ski-WM in Vail/Beaver Creek fast schon wie die Ankunft des Heilands herbeigesehnt.

Denn bislang spielten die DSV-Akteure nur Nebenrollen, wenn die Medaillen verteilt wurden, während andere - allen voran die Österreicher und die Schweizer - feierten.

Mit Neureuthers Hilfe ist schon im Teamwettbewerb (ab 22.15 Uhr im Liveticker auf SPORT1.de) die erste deutsche Medaille bei diesen Titelkämpfen möglich. Ohne den angeschlagenen Fritz Dopfer, der wegen Rückenproblemen geschont wird, sind die Chancen für den deutschen Hoffnungsträger in den Einzelrennen aber deutlich größer.

Kandidat auf Edelmetall

Im Riesenslalom am Freitag gehört der 30-Jährige zum erweiterten Kandidatenkreis auf Edelmetall.

Und im Slalom am Sonntag scheint Neureuther, eine sichere Medaillenbank zu sein.

13 Mal stand er in den vergangenen 15 Slalomrennen auf dem Podest, konstanter war kein anderer Fahrer.

Unterschied zwischen Weltcup und WM

Und dennoch bremst der Partenkirchner bei SPORT1 die Erwartungen:

"Man kann eine Weltmeisterschaft nicht mit einem normalen Weltcup-Rennen vergleichen. Es zählt nur ein Rennen, da wird jeder alles riskieren." Der Unterschied zwischen Weltcup und Großereignissen lässt sich auch an Neureuthers eigener Karrierebilanz gut ablesen.

Seinen elf Weltcupsiegen gegenüber steht lediglich eine Silbermedaille im Slalom bei der WM 2013 in Schladming. Bei allen drei Slalom-Starts bei Olympischen Spielen fand er nicht den Weg ins Ziel.

Felix Neureuther beim Slalom in Schladming
Felix Neureuther hat bisher elf Weltcupsiege auf dem Konto © Getty Images

Rebensburg liefert nicht

Stellt sich die Frage, ob Neureuther diesmal dem Druck standhält.

Denn mehr noch als sonst ruhen die Hoffnungen der deutschen Ski-Nation auf seinen Schultern.

Viktoria Rebensburg hat die Medaillenränge in Abfahrt und Super-G verpasst, dabei war einmal Edelmetall durch die Riesenslalom-Olympiasiegerin fest eingeplant für die insgesamt drei Podestplätze, die der DSV als WM-Ziel ausgegeben hat.

Nun muss es Neureuther richten.

Ist er zu dieser großen Aufgabe in der Lage?

Youtube-Hit und Facebook-Späße

Jemand, der Neureuther und sein sportliches Leistungsvermögen nicht genau kennt, traut ihm das wohl nicht zu.

Beispiel Kitzbühel 25. Januar, Pressekonferenz der drei Erstplatzierten. Neureuther plappert ungefragt drauf los, albert ein bisschen herum und reißt so die Aufmerksamkeit an sich. Ein anderes Mal interviewt er sich im österreichischen Fernsehen einfach kurzerhand selbst, das Video wird zum Youtube-Hit.

So ist Neureuther. Ein erwachsener Lausbub, ein junggebliebener 30-Jähriger. Bei seinen Fans kommt das an, sie lieben ihn für seine Späße. Knapp 460.000 Likes hat seine Facebook-Seite mittlerweile, bei Dauerrivale und Kumpel Marcel Hirscher sind es 425.000.

Neureuther sitzt der Schalk im Nacken. Mal überrascht er seinen Kollegen Linus Strasser im Schlaf, mal postet er ein Foto von sich und seinen Kollegen beim Trampolinspringen. Durch die Perspektive sieht es so aus, als würden Neureuther, Strasser und Stefan Luitz von einer Klippe springen.

Verkrampft bei der Heim-WM 2011

Nach einem hochprofessionellen, hochkonzentrierten Sportsmann sieht das aber eigentlich nicht aus.

Doch Neureuther will sich nicht verstellen. Einmal in seinem Leben hat er das gemacht. Vor der für ihn so wichtigen Heim-WM 2011 in Garmisch-Partenkirchen schottete er sich ab. Er wollte alles perfekt machen. Doch das ging vollends nach hinten los. Am Start des Slaloms war er so verkrampft, dass er nur ein paar Tore bewältigen konnte, ehe er ausschied.

"Eins habe ich in dieser Zeit gelernt: jeden Fehler nur einmal zu machen", sagte Neureuther in der Bild am Sonntag über seine Lehren aus diesem sportlichen Tiefschlag.

Schon an die Weltmeisterschaft 2013 ging er anders heran, mit einer positiveren Einstellung. Das wurde mit Silber hinter Hirscher belohnt.

"Dann passt auch das Ergebnis"

Und diesmal will er den Spieß umdrehen.

Das Wort Goldmedaille umschlängelt Neureuther allerdings vor seinen Starts geschickt wie die Slalomtore im Rennen.

"Ich weiß schon auch selbst, was ich von mir erwarten kann. Und wenn ich das umsetze, was ich leisten kann, dann passt auch das Ergebnis", sagte er im SPORT1-Interview vor der Abreise in die USA.

Den Abflug zu den Weltmeisterschaften meisterte er diesmal problemlos. Neureuther war das gleich einen Facebook-Eintrag wert: "Bin am Flughafen angekommen", schrieb er unter ein Foto von sich in Siegerpose.

Bitterer Leitplanken-Unfall

Dieses selbstironische Foto erinnert an den zweiten großen sportlichen Tiefschlag in Neureuthers Karriere.

In Sotschi wollte er sich seinen großen Traum von Olympia-Gold erfüllen. Doch am Morgen des Abflugs fuhr er zu spät von zu Hause los, die Autobahn nach München war vereist, er schleuderte mit seinem Wagen in eine Leitplanke.

Dass er mit der dabei erlittenen Nackenverletzung überhaupt bei den Olympischen Spielen antreten konnte, war schon ein kleines Wunder. Aber eine Topleistung war so nicht möglich, der Kampf darum, überhaupt an den Start gehen zu können, hatte auch viel mentale Energie gekostet.

Und so schied er im Slalom aus.

Neureuther stellt Sinnfrage

Nach dem bittersten Tag seiner Karriere stand er damals desillusioniert im Zielraum: "Ich muss mir Gedanken machen, ob das so noch einen Sinn macht", sagte er dabei. Es klang nach Rücktrittsgedanken. Die Betonung lag aber nicht auf dem Wort "Sinn", sondern auf dem Wort "so".

So machte es tatsächlich keinen Sinn mehr für Neureuther. Mit einer solch unprofessionellen Herangehensweise an ein Großereignis, dass ihn auf den letzten Drücker zum Flughafen rasen ließ. Doch auch diesen Fehler macht er nicht zweimal.

Ganz im Gegenteil. Der Neureuther in den Dreißigern ist ein anderer Sportler. Er ist zwar immer noch der Lausbub von einst, aber er teilt sich seine Kräfte besser ein. Nicht so wie früher, als er neben seiner Ski-Karriere auch noch heimlich für den heimischen Fußballklub auf Torejagd ging.

Diese Reduzierung seines Programms geht auch gar nicht anders angesichts der immer wiederkehrenden Rückenprobleme.

Brainfitness entscheidend

Neureuther geht es aber nicht nur um das Haushalten mit den körperlichen Kräften, sondern auch um die geistige Energie.

"Entscheidend ist der Kopf", betont er bei SPORT1.

Neureuther hat im Vorjahr ein Buch für Kinder herausgebracht. Dessen Thema: Brainfitness, also Training fürs Gehirn. Und davon hat sich Neureuther auch selbst viel angeeignet und viel über den Umgang mit Druck vor einem großen Rennen gelernt.

Mit dem Slalom am Sonntag beschäftigt er sich jetzt noch gar nicht: "Sonst verbrennt man zu viel Energie im Kopf. Den Schalter lege ich erst am Renntag um, da sage ich mir: So, Junge, jetzt fokussieren, jetzt geht die Post ab."

Am Dienstag beim Teamwettbewerb soll die Post erstmals abgehen. Und Neureuther wirkt diesmal bereit wie nie für den großen Wurf. Er hat die richtigen Lehren aus den Rückschlägen seiner Karriere gezogen.

Und er weiß: Schlagen kann er sich nur selbst.

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