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Richard Freitag auf dem Podest

München - Richard Freitag war im vergangenen Winter der deutsche Pechvogel. Im SPORT1-Interview spricht er über seine neue Motivation.

Richard Freitag ist so etwas wie der Marco Reus des Skispringens. Vom sportlichen Talent her gehört er zu den besten DSV-Adlern, was er mit drei Weltcupsiegen im Laufe seiner Karriere schon unter Beweis stellte.

Dennoch war der 23-Jährige nicht Teil des Teams, das bei den Olympischen Spielen in Sotschi im Februar die Goldmedaille gewann.

Ein Ermüdungsbruch im Sommer zuvor hatte den Erzgebirgler lange außer Gefecht gesetzt. So kam er im Winter nicht an seine Topleistung heran und war in Sotschi das sprichwörtliche fünfte Rad am Wagen.

Und wie Reus den WM-Triumph der Fußballer in Brasilien vom heimischen Fernseher aus verfolgen musste, so war auch Freitag nicht mit von der Partie, als seine Kollegen Severin Freund, Andreas Wellinger, Marinus Kraus und Andreas Wank den Olympiasieg feierten.

In der Vorbereitung im Sommer zeigte Freitag aber bereits, was in ihm steckt. Das Springen im Rahmen des Sommer-Grand-Prix in Klingenthal gewann er sogar.

Ein perfektes Omen für den Weltcup-Auftakt, der am Samstag (16 Uhr) ebenfalls in Klingenthal über die Bühne geht.

Zuvor spricht der 23-Jährige im SPORT1-Interview über neue Motivation und Ziele und Thomas Morgenstern.

Der Österreicher hatte im September im Alter von 27 Jahren wegen der Folgen eines schweren Sturzes beim Skifliegen seinen Rücktritt erklärt.

SPORT1: Herr Freitag, im Vergleich zur vergangenen Saison hat sich etwas geändert im Team. Ihre Kollegen nennen sich nun Olympiasieger, Ihnen fehlt dieser Titel. Was ist das für ein Gefühl?

Freitag: Ein Olympiasieg macht ja keinen anderen Menschen aus einem. Meine Kollegen konnten einen grandiosen Erfolg feiern, den ich leider nicht mitfeiern konnte. Aber ich schaue nicht zurück, sondern nach vorne. Ich werde weiterhin hart arbeiten und alles geben. Diese Fragen werde ich wohl noch öfter hören, aber man lernt dadurch auch damit umzugehen.

SPORT1: Wie gehen Sie denn damit um?

Freitag: Am Anfang war es relativ schwer, zu realisieren: "Hey, da bist du an der Chance vorbeigeschrammt." Aber mittlerweile denke ich mir: Es kommen noch andere Chancen.

 

SPORT1: Lassen Sie uns einen Vergleich zwischen Skisprung-Olympiasiegern und Fußball-Weltmeistern ziehen. Das DFB-Team hat sich nach dem großen Erfolg bei der WM schwer getan, wieder die Leistung abzurufen. Fürchten Sie in Ihrem Team ähnliche Schwierigkeiten und Motivationsprobleme?

Freitag: Nein. Wir hängen uns im Team gegenseitig am Pelz und pushen uns gegenseitig. Das funktioniert ganz gut. Es sagt keiner: Jetzt bin ich Olympiasieger, jetzt ist alles geschafft. Wir sind Sportsmänner, wir haben so viele Highlights im Winter. Und wir trainieren jeden Tag dafür, um Höchstleistungen bringen zu können.

SPORT1: Sie sprechen die Highlights an: Olympische Spiele gibt es in dieser Saison nicht. Was sind für Sie die Höhepunkte und Hauptziele?

Freitag: Wir haben das große Glück, dass wir jede Saison die Vierschanzentournee haben. Dazu gibt es die WM in Falun. Dort sind Medaillen zu vergeben. Es gibt also genügend Ziele. Einerseits materiell und mit den Medaillen verbunden, aber auch sportliche. So hat man einen Anknüpfungspunkt, um sagen zu können: Ich gebe wieder alles. Ich persönlich habe im Sommer gut trainiert und habe mich gut rangearbeitet. So soll es in Klingenthal und im Winter weitergehen.

SPORT1: Thomas Morgenstern ist kürzlich für manch einen überraschend zurückgetreten. Was sagen Sie zu seiner Entscheidung?

Freitag: Erst einmal muss ich sagen, dass ich mit Morgi immer einen Riesenspaß hatte. Er war ein großer Sportsmann und auch ein Vorbild für mich. Zum anderen halte ich die Entscheidung für richtig. Wenn er merkt, er hat Hemmungen und Ängste und kann nicht an seine Grenzen gehen, dann wird es in unserem Sport schwer. Es ist eine ganz große persönliche Leistung, sich das selbst einzugestehen. Dazu musst du dir selbst gegenüber treu und loyal sein und sagen: Hier geht's nicht mehr weiter.

 

SPORT1: Waren Sie auch schon mal an einem Punkt, an dem Sie die angesprochenen Hemmungen gespürt haben?

Freitag: In dem Sinne, dass ich gesagt habe, ich gehe jetzt nicht mehr hoch auf die Schanze, noch nicht. Ich hatte aber auch noch nie einen so schweren Sturz. Dafür klopfe ich dreimal auf Holz (klopft sich dreimal an den Kopf). Aber wenn das der Fall ist und man Angst hat, dass etwas passieren kann, dann ist das eine große Einschränkung. Man muss dann ja immer wieder eine psychologische Blockade durchbrechen. Ob man sich das so lange antun sollte, ist die Frage.

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