Der Erfinder des heute gängigen V-Stil gilt Ende der 80er als Clown. Wolfgang Kleine erinnert sich: Auch Weißflog dachte um.

Erst reibt man sich die Augen. Was ist das denn? Völlig ungewohnt. Ein Verrückter, ein Clown - oder ein Lebensmüder?

Da schwang sich bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko City ein Mann namens Dick Fosbury rückwärts über die Hochsprung-Latte. Ungläubiges Staunen während der Liveübertragung vor dem TV-Schirm.

Das kann doch nicht gutgehen, glaubte ich. Doch - es ging gut, sehr gut sogar. Der US-Amerikaner Dick Fosbury gewann mit übersprungenen 2,24 Metern Gold.

Ein neuer Stil, der Fosbury-Flop, war geboren, der Verrückte wurde zum Trendsetter.

Rund zehn Jahre später, Mitte der 70er -Jahre, lachten die Skilanglauf-Fans über einen verrückten Finnen. Er hieß Pauli Siitonen. Der lief nicht wie gewohnt klassisch, sondern stieß sich mit einem Schlittschuhschritt am Rande der Spur ab, während der andere Ski in der Spur blieb.

Auch er wurde verlacht, sein Stil gar verpönt. Doch er setzte sich durch. Später entwickelten die Athleten daraus den schnelleren Skating-Stil, der den oft drögen Langlauf-Sport revolutionierte.

Noch einmal rund zehn Jahre später konnte ein damals 19-jähriger schwedischer Skispringer beim Training im heimischen Falun nur knapp einen Sturz vermeiden, als der die Ski im Flug zu einem V spreizte. Jan Boklöv landete sicher. Doch das war nicht der einzige Vorteil. Nein - er landete nicht nur bei 70 Metern, sondern 20 Meter weiter bei 90 Metern.

"Es ist mir einfach so passiert", wird Boklöv bei "faz.net" zitiert. Und aus dem "einfach so" prägte der 1,69 Meter große Mechaniker einen neuen Stil.

Wieder rieb ich mir die Augen, als dann Boklöv 1987 mit seinen gespreizten Ski in den Weltcup kam. Er düpierte mit tollen Weiten die Konkurrenz, erhielt aber erst drastische Abzüge durch die Punktrichter, die auf dem Parallel-Stil fixiert waren.

Als "Skisprung-Clown", ähnlich wie "Eddie the Eagle", reiste Boklöv von Weltcup-Springen zu Weltcup-Springen. Viele Experten trauten dem Sonderling nicht viel zu.

Jens Weißflog erinnert sich: "Das sah damals schon komisch aus." Tobjörn Yggeseth, Chef des Skisprung-Komitees, schimpfte über den neuen V-Stil: "Das ist ein Bruch der Skisprung-Tradition!"

Doch Weißflog und Co. fanden das spätestens am 10. Dezember 1988 nicht mehr komisch, was sie von dem Luft-Clown zu sehen bekamen. Denn in Lake Placid gewann Boklöv an diesem Tag im V-Stil als erster Schwede ein Weltcup-Springen.

Das war der Durchbruch. Boklöv wurde nicht mehr belächelt. Im Gegenteil: Die Konkurrenz ahmte ihm nach und stellte sich auf die Weitenjagd mit dem V um.

Die Punktrichter spielten langsam mit und bestraften den Stil nicht mehr mit Abzügen. Die Folge: Das V revolutionierte den Wintersport.

1992 wurde der Finne Toni Nieminen zweimal Olympiasieger in Albertville. 1994 in Lillehammer flog der einst sich amüsierende Umschüler Jens Weißflog im V-Stil zweimal zum Gold.

Sprung-Revolutionär Jan Boklöv freut's heute. Und Weißflog fragt sich: "Warum heißt der V-Stil nicht Boklöv-Stil?"

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996 bis 1998 unvergessliche Erlebnisse. Aber eines bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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