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Craig Butler: Wie eine Vergewaltigung eine Surfkarriere zerstörte
Craig Butler: Wie eine Vergewaltigung eine Surfkarriere zerstörte ©
Lesedauer: 2 Minuten
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Nicolai Steidle -

Craig ist siebenfacher irischer Champion auf dem Longboard und ist in Tramore Co. Waterford, Irland aufgewachsen. Er hat viele wunderschöne Tage am Meer verbracht, aber viele dieser Tage waren überschattet von einem Erlebnis in seiner Jugend, welches seine Sicht auf das Leben für immer verändern sollte.

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Craig hat sich irgendwann ein Herz gefasst und diese Geschichte von der Seele geschrieben und veröffentlicht. Einerseits um sich selbst zu helfen, andererseits um andere Betroffene zu ermutigen ihr Schweigen zu brechen. Wir wollen sie in folgendem wiedergeben:

Es ist wie ein Monster, das in mir lebt, nur sehr wenige Menschen die mir nahe stehen wissen davon. Ich fühle mich wie von einem Dämonen besessen, der jeden Tag mehr Macht über mich gewinnt. Er verzehrt meinen Körper, meine Seele und meinen Geist. Ich schäme mich jeden Tag dafür, wer ich bin.

Ein Sunnyboy den der Missbrauch fast zerstört hat

Die Folgen der Tat

Seit dieser Nacht, die mein Leben für immer verändern sollte habe ich eine posttraumatische Belastungsstörung. Ich habe die Menschen die mich liebten und die ich liebte vergrault. Freunde mit denen ich reiste verschwanden, Freunde mit denen ich aufwuchs verschwanden, ich war allein. Aber das schlimmste daran war, dass ich jeden verstehen konnte, der nichts mit mir zu tun haben wollte.

Wie oft habe ich offen vor ihnen von Selbstmord geredet, bis zur Besinnungslosigkeit gesoffen, ich war die ganze Zeit passiv-aggressiv und wütend, ich baute eine Mauer um mich herum auf, versteckte mich wochenlang in meinem Zimmer und wollte mit niemandem sprechen. Psychologen mit denen ich sprach, stellten allesamt eine Verbindung von diesem Verhalten und dieser einen schicksalhaften Nacht her. Ich habe Hilfe gesucht. Es hat nicht funktioniert.

Aber jetzt ist es Zeit darüber zu reden, ich kann diese Last nicht mehr mit mir rum tragen, ich will nicht daran zerbrechen. Ich will die schrecklichen Ereignisse dieser Nacht in etwas Positives verwandeln, will Menschen ermutigen zu sprechen, welchen gleiches widerfahren ist.

Craig versteckt sich vor der Welt und ihren Übeln

Die glücklichen Tage seit dieser Nacht lassen sich an einer Hand abzählen. Ich war letztes Jahr auf den Mentawais. Beste Wellen der Welt, wunderschöne Inseln, aber nicht mal dort war ich restlos glücklich. Ich reiste also zurück nach Bali, quartierte mich in Canggu ein und fiel in eine tiefe Depression; ich surfte nicht mehr, verließ mein Zimmer nicht, nahm Antidepressiva und soff mich jede Nacht ins Koma. Ich weinte jede Nacht. Diese Ohnmacht, die Wut, alles brach aus mir heraus, ich versuchte es weiter mit aller Macht zu unterdrücken. Ich schrie nach Hilfe, postete dumme Dinge auf meinen sozialen Medien Accounts. Ich wollte einfach, dass jemand fragt wie es mir geht.. aber nichts passierte.

Ein kurzer Moment des Glücks in Canggu

Die Panikattacken fingen auf einmal an. Ich wachte schweiß gebadet auf, ich hatte einen Alptraum von ihm, wie er seine Zunge in meinen Mund steckte. Ich stand kerzengerade im Bett, die Tränen flossen in Strömen und dann kam die ganze grausame Erinnerung zurück. Ich war schlaflos für drei Nächte. Es war so schmerzhaft wie nie zuvor, aber endlich konnte ich meinen Freunden erzählen, dass ich als Kind von diesem widerlichen Mann missbraucht wurde.

Auf der nächsten Seite lest ihr, was in dieser grausamen Nacht geschah

Die Nacht des Missbrauchs!

Ich traf ihn eines Abends, er lud mich in sein Haus ein, sagte es gäbe eine Party zu der die ganzen Locals kommen, sagte es wird super gut. Ich war ein Teenager, naiv, hatte Lust zu feiern und nahm die Einladung sorglos an. Als ich ankam, wurde ich direkt unruhig. Alle Lichter waren ausgeschaltet, niemand war hier. Aber hey, ich kannte diesen Mann, ich vertraute ihm. Wir gingen rein und setzten uns auf die Couch, ich fragte ihn wo die anderen Leute sind und er sagte sie kommen gleich. Er gab mir ein Bier und setzte sich zu nah zu mir. Ich rutschte. Er auch. Wir quatschten. Nach der dritten Flasche Bier wurde ich müde. Er legte die Hand auf mein Bein und und begann mich zu streicheln. Ich erfror vor Angst. Ich konnte nicht mehr sprechen. Nicht widersprechen. Er war viel älter als ich, ich vertraute ihm. Er griff mir in den Schritt. Ich sprang auf, sagte ihm ich müsse heim. Er entschuldigte sich, sagte er wisse nicht was in ihn gefahren sei, er ging in die Küche und holte mehr Bier. Danach wurde alles schwarz. Ich habe meine Erinnerung verloren. Als ich wieder zu mir kam lag er auf mir und zwang seine Zunge in meinen Mund. Ich bat ihn vergeblich von mir abzulassen. Ich war nackt, er auch. Er belästigte mich weiter. Ich konnte mich befreien und sprang aus seinem Bett. Es war stockdunkel, ich konnte meine Klamotten nicht finden. Ich war orientierungslos, es fühlte sich so an, als hätte er mich unter Drogen gesetzt. Ich ging in sein Badezimmer, er folgte mir und begrapschte mich. Ich schlug seine Hände weg, er wollte mit mir duschen sagte er. Ich wollte einfach nur nach Hause. Er sagte, ich solle mich wieder hinlegen und schlafen. Ich antwortete nicht.

Wir gingen in ein anderes Schlafzimmer mit nur einem Bett und er sagte ich solle mich schlafen legen, was ich dann tat. Dann merkte ich, was er vor hatte. Er legte sich neben mich und rieb sich an mir. Ich wollte fliehen aber er zog mich immer wieder zurück. Ich sagte zu ihm dass ich das nicht will. Ich konnte mich schließlich befreien und wollte meine Klamotten holen. Er riss sie aus meiner Hand und bettelte mich an zu bleiben, ich sagte nur ich bin hier raus.

Ich fand endlich meine Unterwäsche und mein T-Shirt und ging zur Eingangstür. Er verfolgte mich, riss mich an einem Arm zurück. Ich flehte ihn an mich gehen zu lassen, ich wollte doch einfach nur weg hier. Er zog mich zurück ins Schlafzimmer, ich bettelte ihn an mich einfach gehen zu lassen. Ich drohte ihm zu schreien, sagte ihm alle Nachbarn werden es hören. Er ließ von mir ab. Ich ging nach Hause, ich hatte nur meine Boxershorts und ein T-Shirt an. Es war kalt, ich hatte Angst, ich war alleine und schaute mich sekündlich um. Ich erbrach mich, ich hatte den Geschmack von ihm in meinem Mund.

Die Folgen eines Missbrauchs können ganze Existenzen ruinieren, wie Craig unter den Folgen des Missbrauchs litt, lest ihr auf der nächsten Seite

Der erste Tag im neuen Leben

Am nächsten Tag fühlte ich mich verloren. Ich wollte niemandem begegnen. Ich war mir nicht bewusst, was geschehen war. Also ging ich zu seinem Arbeitsplatz um es herauszufinden. Er sagte nicht viel, war jedoch sichtlich geschockt mich zu sehen. Ohne ein Wort zu sagen, zog er mich zum Hinterausgang und drückte mir Geld in die Hand. Ich fragte ihn, wofür das sei? Er sagte: "Für letzte Nacht". Ich wusste nicht was ich antworten sollte und ging. Ich ging zum Skatepark und setzte mich auf die Halfpipe. Ich verachtete mich selbst und schämte mich, es war zu peinlich es jemals jemandem zu erzählen, das er mir Geld gab weil wir Sex hatten. Ich weiß nicht wie viel er mir gab. Ich warf es weg, ohne es zu zählen. Es war schmutziges Geld, ich wollte es nicht.

Meine Erinnerungen danach sind verschwommen. Ich ging zu einem Arzt und klagte über meine Angstzustände worauf er mir Xanax verschrieb. Nach einem Reefcut bekam ich eine Coli Bakterien Infektion die zu einer Arthritis führte. Ich bekam Opium gegen den Schmerz. Ich missbrauchte beide Drogen um endlich wieder ein gutes Gefühl zu bekommen, ich war süchtig. Die besten Jahre meiner Jugend wurden zu einem Alptraum wegen einer beschissenen Nacht.

Ich war der erste Ire, dem es gelang einen Senior und Junior Titel im selben Jahr zu gewinnen.

Boy rips: Craig hat mit seinen exzellenten Surfskills mehrfach die irische Meisterschaft gewonnen. Aufgrund starker Medikation kann er sich an keinen der Titel erinnern

Ich gewann drei weitere Titel und wisst ihr was? Ich kann mich an keinen einzigen Sieg mehr erinnern. Das schmerzt gewaltig. Ich habe mein Land repräsentiert und erinnere mich nicht an die Trips oder die Leute die mich begleitet haben. Mir passiert es oft bei meinen Reisen, das ich auf Leute treffe, die mich erkennen, ich aber schwören könnte sie nie in meinem Leben gesehen zu haben. Zum Teil wurde mir zugetragen das wir mehrere Wochen zusammen surften.

Als ich 20 wurde ließ ich das Opium und das Xanax. Der Entzug war krass, aber ich stand es durch. Seit ich 21 bin, kann ich mich an mein Leben erinnern. Ich gewann einen weiteren nationalen Titel und konzentrierte mich auf die LQS und versuchte mich zu qualifizieren. Ich reiste um die Welt. Ich war gesund und surfte auf dem besten Level das ich jemals hatte. Niemand wollte mich in seinem Heat, ich war einfach ein taktisch guter Surfer. Die LQS Events fielen oft zusammen mit den WQS Events und ich freundete mich mit einigen der besten Surfer dieser Welt an. Ich hing jetzt mit den Leuten rum, die ich als Kind bewunderte. Es war eine großartige Zeit.

Die Vergangenheit holt mich ein

Als ich 23 wurde kam alles zurück, die Depression, die Angststörungen. Ich bekam eine offizielle Diagnose, ich nahm ordentlich zu, hörte auf zu surfen und zog mich aus dem Wettbewerbsgeschäft zurück. Der Erfolgsdruck war einfach zu groß, ich war aufgrund meines Gewichts chancenlos. Die Panikattacken waren mittlerweile so heftig, dass ich wenn ich sie vorher spürte, so schnell wie möglich nach Hause lief. Ich übergab mich oft mehrfach und kollabierte. Oft war die Attacke als ich wieder erwachte vorbei. Ich hörte zwar auf zu surfen, das Reisen aber blieb ein wichtiger Teil meines Lebens.

Ich bin jetzt 25 und es verletzte mich, das viele Menschen darüber sprachen das ich ein fantastischer Surfer "war". Das erniedrigte mich. Aber gleichzeitig spornte es mich an. Ich gab also alles, um einen weiteren nationalen Titel zu gewinnen. Ich bereitete mich körperlich und und mental darauf vor, ich wollte allen das Gegenteil beweisen. Ich surfte immer zu schlechten Bedingungen, ich wollte alleine sein. Irgendwann zog ich dann nach Bundoran wo die Meisterschaften stattfinden und konzentrierte mich vollkommen auf diese Welle. Und dann war da dieser Tag, an dem es "Klick" machte. Ich hatte es zurück, zumindest dachte ich das.

Er war auf dem besten Weg zurück. Nur leider funktioniert ein fitter Körper nur mit einem fitten Geist.

Ich war wieder auf meinem alten Level und hatte noch 5 Wochen bis zu den Meisterschaften, mein Selbstbewusstsein war zurück, meine Fitness war wieder gut und ich war mir sicher, dass ich den Titel wieder gewinnen kann. Ich war froh wieder in einer Comp zu sein und war froh alte Freunde wieder zu treffen, die ich zum Teil Jahre nicht gesehen hatte.

Die Alpträume kehren zurück

Und dann stand ich wieder aufrecht im Bett. 3 Wochen vor den Meisterschaften holten mich die Alpträume wieder ein. Ich zitterte die ganze Nacht, konnte nicht schlafen. All die Erinnerungen überfielen mich. Ich konnte es nicht verstehen: ich war doch glücklich und jetzt ging alles wieder von vorne los. Repeat. Die nächsten 4 Wochen waren grausam. Ich konnte das Haus nicht mehr verlassen, ich rollte mich in Embryostellung zusammen, zog mir die Kapuze über den Kopf und verharrte stundenlang in dieser Position, ich war zu verschreckt auch nur ein Geräusch zu machen. Zu viel Angst vor Musik, zu viel Angst vor fernsehen, zu viel Angst das Haus zu verlassen. Ich hatte Selbstmordgedanken. Alles was ich wollte war schlafen. Meine Angst überwältigte mich, ich war zu schwach mich zu bewegen. Ich traute mich nicht aus dem Fenster zu sehen weil ich Angst hatte jemand könnte mich erblicken.

Ich hielt es nicht mehr aus, ging zum Psychiater und er sagte das klingt alles nach PTBS. Ich bekam Medikamente die mir erst ein Hoch verschafften um mich danach noch tiefer fallen zu lassen. Ich hatte keine Kontrolle mehr über meinen Körper oder meine Handlungen. Ich hatte Angst dass ich mir etwas antun würde und es nicht mehr bewusst stoppen könnte. Ich versteckte mich unter meiner Decke und wartete darauf, das etwas passierte. Aber es passierte nichts.

Ich verpasste die Meisterschaften. Sechs Monate harte Arbeit umsonst. Die Organisatorin Zoe Lally lud mich ein um mich aus dem Haus zu locken, auch wenn ich nicht teilnehmen würde, einfach um mich aufzubauen. Das war sehr nett von ihr, aber ich lehnte ab. Ich sah aus wie ein Geist, ich war dünn wie ein Skelett und die Meisterschaften waren wirklich meine letzte Sorge. Ich befand mich in einer mentalen Sackgasse, ich wusste nicht mehr weiter, alles wegen dieser einen beschissenen Nacht.

Ich traf mich eine Woche darauf mit meinem Psychiater und er erfasste meine Gefühle hervorragend. Er sagte diese Emotionen, die ich durchlebe sind normal nach so einer Erfahrung. Ich redete mir alles von der Seele und ich wurde alles los, was ich mich vorher nie getraut habe zu erzählen.

Was für Schlüsse Craig zieht

Ich merkte, dass es nicht die Antidepressiva waren die mir halfen sondern die Worte und das ich mich endlich jemandem öffnen konnte. Ich bin mir sicher, dass ich mit dieser Geschichte mindestens einer Person auf dieser Erde helfen kann. Ich fühle mich endlich besser und kann wieder lachen. Locals die ich Jahre nicht gesehen hatte schüttelten mir die Hand und sagten es ist schön das du zurück bist, wir haben uns Sorgen gemacht.

Vielleicht kann die Geschichte eines naiven Teenagers einigen Leuten helfen ähnlichen Situationen aus dem Weg zu gehen oder zumindest Menschen besser zu verstehen, die missbraucht wurden. Man sollte sich niemals dafür schämen, es ist nicht die Schuld des Opfers. Ich habe den Mann jetzt mit seiner Tat konfrontiert, er gestand alles und jetzt fühlt er sich schuldig und beschämt wegen den Vorfällen dieser schrecklichen Nacht.

Ich bin mir immer noch nicht sicher was ich jetzt machen soll, aber ich will Gerechtigkeit, vor allem weil diese schreckliche Nacht meine komplette Jugend versaut hat. Ich habe Angst vor Intimitäten, ich hatte noch nie eine Beziehung. Es ist furchtbar Angst davor zu haben, intim mit einem Menschen zu werden oder jemanden zu lieben.

Craig sagte im Gespräch mit uns, das er dieses Jahr wieder an den LQS teilnehmen wird und sich versucht für die Tour zu qualifizieren. Wir drücken ihm die Daumen. Ob Craig es schafft sich zu qualifizieren könnt ihr auf seiner Insta Page oder seinem Facebook Account mitverfolgen. Ursprünglich erschienen war Craigs Artikel in der Inertia.

 

 

 

 



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