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Sri Lanka: Interview über die Situation vor Ort
Sri Lanka: Interview über die Situation vor Ort ©
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Nicolai Steidle -

Bei der grausamen Anschlagsserie auf Sri Lanka am Ostersonntag sind mehr als 250 Menschen ums Leben gekommen. Hannah Behnsen war während den Anschlägen auf Sri Lanka und ist nach wie vor dort.

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Wir haben die deutsche Surferin kontaktiert und zu der Situation vor Ort befragt.

Hannah Behnsen in Weligama.

1. Du bist gerade auf Sri Lanka und warst auch während den Anschlägen dort. Wo genau hast du dich aufgehalten als die Anschläge geschahen?

Wir sind wenige Stunden vor den Anschlägen glücklicherweise aus dem betroffenen Hotelbezirk ausgecheckt. Wir haben die Nachricht von Lokals bei unserer Ankunft in Weligama Beach erhalten. Wir hatten demnach den größten Schutzengel!

2. Viele Touristen haben mittlerweile das Land verlassen, du nicht. Warum bist du immer noch vor Ort?

Die Rückflüge waren alle bis oben hin ausgebucht (jene, die für eine Umbuchung in Frage kamen). Nur eine neue Buchung hätte uns sofort aus dem Land gebracht und die hätte 2000€ und mehr gekostet. Außerdem wurden wir von Locals in Weligama super herzlich aufgenommen und über die Lage zwischen den verschiedenen Glaubensgruppen vor Ort täglich informiert. Das Militär fürchtete vor allem Unruhen und Racheakte zwischen Christen und Muslimen. Wir haben uns bei den Locals so gut aufgehoben gefühlt und wurden während der Ausgangssperre mit Essen etc versorgt. Außerdem haben wir uns auf die Krisenliste der deutschen Botschaft setzen lassen und auf deren Instruktionen gewartet - die Rückreise über Colombo erschien uns deutlich gefährlicher als in Weligama zu verharren. Ich war auch für eine Yogalehrerausbildung angemeldet, die mittlerweile aber eh gecancelled wurde.

Diese Orte waren von den Anschlägen betroffen.

3. Du warst oder bist zum Surfen auf Sri Lanka. Wie ist die Stimmung an den Surfspots? Fühlt man sich sicher?

An den Surfspots war es anfangs sehr leer und die Locals benutzen immer wieder Böller um Affen zu verjagen. Das hat zu dem ein oder anderen kleinen Panikanfall in der Gruppe geführt (wir haben vor Ort drei andere Deutsche Surfer kennengelernt). Irgendwann haben wir uns aber daran gewöhnt und im Wasser haben wir uns sicherer Gefühlt als in der Stadt bei den Cafés oder Supermärkten.

Auf der nächsten Seite lest ihr, wie Hannah und ihre Freunde die Social Media Sperre umgangen haben.

4. Facebook und andere soziale Medien wurden von der Regierung Sri Lankas gesperrt. Wie hast du mit Freunden und Familie kommuniziert?

Wir haben VPN Server genutzt. Auf die Idee kamen wir aber auch leider erst einen Tag danach und unsere Familien haben wir für sehr viel Gebühr mit unseren Deutschen Mobilen Daten beruhigt ... War in dem Moment aber auch unwichtig, wie teuer dieser Anruf ist.

5. Das auswärtige Amt hat eine Reisewarnung für Sri Lanka ausgesprochen. Ist das berechtigt?

Die Reisewarnung kam erst etwa eine Woche nach den Anschlägen per Mail. Vorher hatten UK, Israel und USA schon dazu aufgefordert. Das beruht darauf, dass es mehrere weitere Explosionen gab (Attentäter, die sich und ihre Familien in die Luft sprengten und Fallen für die Polizei stellten, wobei einige Beamte umkamen). In dem Moment als auch Deutschland seine Warnung aussprach, haben wir sofort unsere Ausreise gebucht, auch weil unsere Familien zu Hause vor Sorge eingehen und uns gebeten haben zurück zu kehren.

6. Du warst bis gestern in Weligama, jetzt bist du in die Berge. War das eine Entscheidung für die Sicherheit?

Nein, die Berge wollten wir unbedingt noch sehen, bevor wir ausreisen, da wir ja jetzt nur so viel kürzer vor Ort bleiben. Wir haben uns aber bewusst für einen etwas weniger touristischen Ort als Kandy entschieden, da die Botschaft weiterhin dazu auffordert touristische Plätze zu meiden.

Nur 145 Kilometer entfernt von Colombo liegt die berühmte Weligama Bay

Auf der nächsten Seite lest ihr, wie viele Nachrichten von Sri Lanka nach Europa kommen.

7. Die Sri Lankanische Regierung scheint gezielt Informationen zurück zu halten. Welche Infos bekommt ihr vor Ort? Gibt es Anlaufstellen an die sich Touristen wenden können?

Ja, es gibt eine englischsprachige Hotline vor Ort. Außerdem fuhren Wagen mit Lautsprechern durch die Straßen - die Durchsagen konnten uns aber nicht immer übersetzt werden. Im Prinzip war permanent die Furcht und Warnung da, das Züge in die Luft gesprengt werden - an Gleisen kann nicht überall kontrollert werden. Dadurch haben wir alle öffentlichen Verkehrsmittel gemieden. Selbst in den kleinsten Dörfern herrscht Militär Präsenz und es gab mehrere weitere Schießereien und kleinere Explosionen, sowie über 100 weitere Zünder die an Bahnhöfen etc gefunden wurden. Was davon nach Deutschland gedrungen ist, kann ich von hier schwer beurteilen. Viele Locals sprechen uns an, dass sie um ihre Jobs fürchten. Es ist teilweise komplett ausgestorben, wir waren die einzigen Gäste im Hotel. Der finanzielle Schaden wird denke ich extrem hoch sein, fast alle hängen vom Tourismus ab.

8. Würdest bei momentaner Lage anderen Surfern dazu raten, nach Sri Lanka zu reisen?

Ich würde nicht strikt davon abraten - gerade weil die Locals das Einkommen dringend brauchen. Dadurch dass wir aber während der Anschläge hier waren und einer der Terroristen dann vor Ort in Weligama gefunden wurde, spielt die emotionale Komponente eventuell eine größere Rolle, als die Realität. Fakt ist, dass die letzten Tage nichts großes mehr passiert ist und sogar Interpol vor Ort ermittelt. Deren Kompetenz schätze ich als ausgeprägt ein. Öffentliche Verkehrsmittel und größere Hotels und Kirchen würde ich aber dringend weiterhin meiden und das wird teuer - private Taxis gehen mega ins Geld. Die Surfspots hingegen sind natürlich leer und die Wellen unbeeindruckt von den Vorfällen. Ich denke, wenn man nicht zum Zeitpunkt des Geschehens hier war kann man relativ entspannt und vlt etwas unbeeindruckter an den mit Maschinengewehren bewaffneten Wachposten überall vorbei gehen. Wir hingegen schlafen immer noch ab und zu unruhig und rennen durch Supermärkte, weil sich die Bilder aus den deutlich weniger zensierten Medien hier tief eingebrannt haben und wir so haarscharf um Stunden um die Bombe im Hotel Kingsbury herum gekommen sind. Man fragt sich dadurch einfach öfter mal was wäre wenn und fühlt sich anders betroffen, als wenn man es in Deutschen Medien, in Sicherheit, erzählt bekommen hat. Letztendlich muss es aber jeder selber wissen - es gibt auch andere schöne Ziele, an denen die Stimmung vlt gerade entspannter ist.

Wir bedanken uns für das Interview und wünschen Hannah eine gute und sichere Rückreise.

 



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