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München - Dirk Nowitzki hat sich mit Holger Geschwindner auf den Weg zur Basketball-WM gemacht. Der Mentor blickt im SPORT1-Interview auf Nowitzkis Karriere zurück.

Am Samstag startet in China die Basketball-WM.

Fast fünf Monate nach seinem Karriereende ist auch Dirk Nowitzki mit von der Partie. Die deutsche Basketball-Legende, die in der Nationalmannschaft bei der EM 2015 sein letztes Spiel gemacht hatte, begleitet das Turnier als Botschafter (Basketball-WM: Deutschland - Frankreich am 1. September ab 14.30 Uhr im LIVETICKER).

Am Mittwoch machte sich Nowitzki gemeinsam mit seinem Mentor Holger Geschwindner auf den Weg.

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Geschwindner nahm sich zuvor für SPORT1 Zeit, um auf Nowitzkis Laufbahn zurück- und auf dessen Zukunft vorauszublicken. Im SPORT1-Interview sprach der frühere Nationalspieler zudem über die Basketball-WM und Dennis Schröder.

SPORT1: Herr Geschwindner, seit Nowitzkis Rücktritt hat sich in dessen Leben einiges verändert, vor allem, was seine Ess- und Fitnessgewohnheiten betrifft. Hat sich auch etwas in Ihrem Leben verändert? Werden Sie trotz Nowitzkis Karriereende hin und wieder in Dallas anzutreffen sein?

Holger Geschwindner: Nee, bis jetzt hat sich nichts geändert. Ich war in den vergangenen 15 Jahren drei Mal pro Jahr in Dallas. Ich weiß nicht, ob sich das jetzt reduziert oder nicht. Es gibt viele Sachen, die man neu auf die Reihe bringen muss. Wenn Hilfe gebraucht wird, dann treten wir an wie gehabt.

SPORT1: Also können Sie sich durchaus vorstellen, weiterhin in Dallas zu helfen?

Geschwindner: Wenn das gewünscht ist. Der Maxi Kleber ist ja noch am Start. Ich habe mich ja nie aufgedrängt oder einen Job gehabt. Sie (die Mavericks, Anm. d. Red.) haben total umgestellt und einen neuen Development Coach und einen neuen Shooting Coach installiert. Ambitionen habe ich nicht, aber wenn sie meinen, sie können von unseren Schlauheiten oder Dummheiten profitieren, dann kann man das machen.

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SPORT1: Was denken Sie, wie geht es mit Nowitzki weiter?

Geschwindner: Inzwischen ist er 41, hat eine Familie und drei Kinder. Alle sind gesund und munter. Die Angebote sind riesig. Jetzt muss man relativ kluge Entscheidungen treffen, in welche Richtung man sich weiterentwickeln will. Über kurz oder lang wird der Dirk auch wieder einsteigen, nehme ich an.

SPORT1: Wird er sogar in Ihre Fußstapfen treten?

Geschwindner: Er hat sich vor Jahren bereits geäußert, dass er sich durchaus vorstellen kann, mal etwas Ähnliches zu machen, sich ein, zwei Talente zu greifen und denen sein Know-how weiterzugeben. Das wäre natürlich toll, wenn sich die Sportart weiterentwickelt. Aber es ist noch nicht mal ein halbes Jahr rum. Jetzt geben wir ihm mal ein bisschen Zeit (lacht).

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SPORT1: In welcher Art und Weise könnte diese Talentförderung ablaufen?

Geschwindner: Dirk hat sich ja immer wenig um den theoretischen Teil gekümmert. Kein Sportler will Mathematik oder Physik hören. Die wollen eine Methode haben, mit der sie sich möglichst schnell verbessern können. Wir haben auch ein paar neue Trainingsmethoden entwickelt. Da kann man viel Entwicklungszeit sparen, das wird ja immer wichtiger. Da sind jetzt auch die Profis hinterher. Wir drängeln da gar nicht. Aber wenn das gewünscht wird, können wir denen gerne erzählen, wie es geht. Ein Geheimnis haben wir da nie draus gemacht. Inzwischen sind die Regeln in der NCAA geändert worden. Es war lange völlig illegal, mit Profis etwas zu tun, da hat man die Studiermöglichkeiten verloren. Inzwischen sind schon Wochenendcamps erlaubt. Basketball wächst zusammen, die FIBA hat auch schon mehrere Deals mit der NBA. Es sieht relativ gut aus, dass Basketball zukünftig nach einem Regelsystem gespielt wird und nicht nach fünf.

Nowitzki droht erneute OP

SPORT1: Inwieweit waren Sie denn in Nowitzkis Entscheidung eingeweiht, wie überraschend kam der Rücktritt?

Geschwindner: Das kam gar nicht so plötzlich. Es hat sich relativ schnell herauskristallisiert, nachdem das mit dem Fuß relativ schwierig war. Wahrscheinlich muss er sich noch mal operieren lassen. Wenn man sich nur noch quälen muss, macht das keinen Sinn mehr. Die ganze Abschiedszeremonie musste man ja auch irgendwie auf die Reihe bringen. Das kann man ja nicht in fünf Minuten entscheiden. Wir haben die Entscheidung offen gelassen, bis die Saison vorbei war. Und dann hat er die Entscheidung getroffen, ganz einfach.

SPORT1: Er muss sich erneut operieren lassen?

Geschwindner: Das muss man sehen. Wenn er es noch mal machen lassen muss, dann wird es irgendwann im Spätherbst oder so sein.

SPORT1: Wie haben Sie die vergangene Saison erlebt, mitsamt den Emotionen und Abschiedsszenen?

Geschwindner: Sie haben ja auch gesehen, wie Doc Rivers im Prinzip das Spiel anhält (der Clippers-Trainer nahm eine Auszeit, um Nowitzki zu feiern, Anm. d. Red.). Das hat kein Kobe Bryant erlebt. Es war für mich ganz spannend und etwas überraschend, dass solche Werte wie Loyalität nach wie vor eine gewisse Geltung haben. Damit kann man nicht kalkulieren oder rechnen. Bei dem Abschied, den man ihm ermöglicht hat… da sprang die Seele im Dreieck, das war schon gewaltig.

Nowitzki-Abschied: "Das ist schon gewaltig"

SPORT1: Nowitzki selbst sagte mir, die Szene mit Rivers sei ihm ein bisschen peinlich gewesen…

Geschwindner: Naja, das ist schon verständlich. Das war überraschend, das war ja nicht geplant. Wenn ein Trainer das Spiel anhält… Er wusste am Anfang gar nicht, wie ihm geschah. Man macht seinen Job, so gut man kann. Aber dass das von der anderen Seite so hochgradig honoriert worden ist, dass da einer so eine Aktion macht, zeigt nur die Souveränität von manchen Trainern. Das ist schon gewaltig. Aber es kam aus dem Nirgendwo, völlig überraschend.

SPORT1: Wie würden Sie Nowitzkis Beitrag zum Basketball beschreiben?

Geschwindner: Da bin ich der Falsche, zu sehr involviert. Das müssen andere sagen. Aber: Nachdem Michael Jordan abgetreten ist, hat die NBA massive Probleme gehabt, ihr Grundkonzept überhaupt aufrecht zu erhalten. Da gab es schon ein paar entscheidende Punkte. Inzwischen hat Nowitzki es schriftlich, dass er fünf neue Sachen in die NBA eingeführt hat. Einen viel größeren Beitrag kann man zu der Sportart, die man betreibt, nicht erwarten. Niemand hat das erwartet. Wir haben es so gut gemacht, wie wir konnten. Auf der Liste der besten Schützen und Rebounder, da findest du nicht mehr viele Weißbrote.

SPORT1: Werden Sie die gemeinsamen Einheiten in Rattelsdorf oder Dallas, mitsamt der Jammerei, wie sie gerne immer gesagt haben, vermissen?

Geschwindner: (lacht) Wir haben es 20 Jahre lang gemacht. Ich weiß nicht, ob man das vermissen muss. Aber es ist jedenfalls witzig, wenn wir ineinander rennen. Das war eine tolle Zeit, langweilig war es an keiner Stelle, mit Erfolgen und Misserfolgen.

"Schröder ist zwei Dimensionen hintendran"

SPORT1: Sie sind gemeinsam nach China zur Basketball-WM geflogen. Was trauen Sie dem deutschen Team zu? (SERVICE: Tabellen der Basketball-WM)

Geschwindner: Inzwischen haben sie eine relativ erfahrene Truppe. Alle Positionen sind gut besetzt. Vielleicht gewinnen sie ja eine Bronzemedaille oder mehr, ich weiß es nicht. Die ersten Spiele sind immer die wichtigsten.

SPORT1: Ist es für Sie der beste deutsche Kader aller Zeiten?

Geschwindner: Das weiß ich nicht. Das große Problem ist: Die Medien sind überall präsent. Als Dirk angefangen hat, hat ihn in Amerika keiner gekannt. Wenn heute in Australien ein Schmetterling einen Pups lässt, weiß man das vier Sekunden später am Amazonas. Heißt: Wenn heute einer einmal den Ball in der NBA oder in der Summer League gedribbelt hat, ist er schon weltbekannt. Da haben sie lauter bekannte Namen, ja Gott. Aber das hat ja nichts direkt mit der Leistung zu tun.

SPORT1: Dennis Schröder hat in der Nationalmannschaft das Zepter von Dirk Nowitzki übernommen…

Geschwindner: Er ist ein völlig anderer Typ, er kommt von einer ganz anderen Seite. Er hat ganz andere Grunddenkweisen.

SPORT1: Aber als Topscorer und Anführer tritt er in gewisser Weise trotzdem Nowitzkis Nachfolge an - natürlich auf einem anderen Level.

Geschwindner: Da muss man sich ja nur die Statistik angucken, wie die Punkteverteilung war. Da ist Schröder noch zwei Dimensionen hintendran. Ich will ja nicht den Dirk über den Klee loben, nicht falsch verstehen. Aber wir hatten Spiele, da hat er über die Hälfte der Punkte allein machen müssen. Wenn einer die Superstar-Rolle an sich zieht, und er kann das abdecken, was er sich selber vornimmt – wunderbar. Dann klatschen wir alle Beifall. Aber das ist schon noch ein weiter Weg. Eine Mannschaft als Playmaker zu führen, ist eine andere Nummer. Er kann immer bestimmen, wann er was macht. Die Verantwortung ist um vieles größer als als Forward oder Center. Ob Schröder mal ein Playmaker auf dem Level wie Steve Nash oder Jason Kidd wird, muss man abwarten. Da gehört viel Zeit dazu. Ich wünsche es ihm ja gerne, aber im Augenblick ist das ein bisschen schwierig. Aber das ist ein junger Kerl.  

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