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Ukraine und Kroatien büßen für Fehler mit dem K.o. - zwei Unparteiische müssen nun gehen. Gefordert wird Torlinien-Technologie.

Von Daniel MichelMünchen - Wayne Rooney, Frank Lampard und David Beckham waren wütend und machten ihrem Ärger bereits in der Halbzeit Luft.Der uruguayische Schiedsrichter Jorge Larrionda hatte den Engländern im WM-Achtelfinale 2010 gegen Deutschland das reguläre 2:2 aberkannt, weil Assistent Mauricio Espinosa einen Weitschuss von Lampard nicht hinter der Torlinie sah. Zwei Jahre haderte England mit der damaligen 1:4-Pleite, nun ist das Glück zu den "Three Lions" zurückgekehrt.Dafür schiebt die Ukraine nach dem "Torklau" bei der 0:1-Niederlage am Dienstag (Bericht) und dem Vorrunden-Aus bei der Heim-EM Frust. Kassai muss nach Fehler gehen"Die Schiedsrichter haben uns ein Tor geklaut", wütete Trainer Oleg Blochin. Nach dem Schuss von Marko Devic in der 62. Minute bugsierte John Terry den Ball erst hinter der Torlinie aus dem Kasten - doch selbst Torrichter Istvan Vad, der nur wenige Meter entfernt stand, zeigte Referee Viktor Kassai den Ausgleich zum 1:1 nicht an. Dass dem Angriff der Ukrainer eine Abseitsstellung vorausging, ist zur Nebensache verkommen.Kassai und sein Team wurden von der UEFA jedenfalls nicht mehr für die K.o.-Runde nominiert - ebenso wie der Deutsche Wolfgang Stark, dem am Tag zuvor ein grober Patzer unterlaufen war.Schiri-Misere hält anSpätestens seit dem "Torklau von Donezk" sind Erinnerungen an die miserablen Schiedsrichter-Leistungen bei der WM 2010 geweckt. Die UEFA, angeführt von Schiedsrichter-Ikone Pierluigi Collina, hat vor dem Turnier Veränderungen vorgenommen. Doch mit der Einführung der Torrichter entwickelt sich die bedeutendste Maßnahme zum Bumerang, wie der Fall der Ukraine zeigt. DFB bevorzugt Chip im Ball "Bei der Torerzielung kann dem menschlichen Auge immer ein Fehler passieren", sagt Lutz Wagner im Gespräch mit SPORT1.Der 49-Jährige ist in der DFB-Schiedsrichterkommission Koordinator für die Regelumsetzung und steht, ähnlich wie die FIFA, dem Amt des Torrichters skeptisch gegenüber: "Die DFB-Schiedsrichterkommission bevorzugt die technische Lösung, den Chip im Ball", betont Wagner und erklärt: "Die Beurteilung einer knappen Torerzielung ist eine schwarz-weiß Entscheidung, die kein Fachwissen des Schiedsrichters erfordert."Khedira, Magath und Blatter für TorlinientechnikSo sehen es auch zahlreiche Experten von den Nationalspielern Thomas Müller und Sami Khedira über Ex-FIFA-Referee Bernd Heynemann bis zu Felix Magath."Es ist Zeit zu handeln! Her mit der Tortechnologie", forderte der Wolfsburger Coach bei "facebook".[kaltura id="0_nqt78vxy" class="full_size" title="Kommt jetzt der Videobeweis"]Offenbar kamen die Appelle an. Denn kein Geringerer als FIFA-Präsident Sepp Blatter twitterte eindeutig: "Nach dem Spiel letzte Nacht ist Torlinientechnik keine Alternative mehr, sondern eine Notwendigkeit."Kroaten schimpfen auf StarkZumal auch beim Spiel der Kroaten gegen Spanien die Hilfe eines Torrichters ausblieb.So hatten die kroatischen Spieler nach der 0:1-Niederlage gegen Spanien (Bericht) in Schiedsrichter Stark den Sündenbock für das EM-Aus gefunden.Deutschlands bester Referee hatte in der 27. Minute ein Foul von Spaniens Sergio Ramos an Mario Mandzukic im Strafraum übersehen. "In der Zeitlupe ist zu sehen: Es hätte Strafstoß für Kroatien geben müssen", räumt der frühere Bundesliga-Referee Wagner ein.Auch Meyer übersieht FoulStark habe aber nur von seitlich-hinten Einblick auf die Situation gehabt. Und Torrichter Florian Meyer sei womöglich zu dicht an der Situation dran gewesen, um das Foul zu sehen und durchzugeben.Ähnlich wie Kassai wird auch Stark kein weiteres Spiel bei der EM mehr pfeifen."Bei der EM pfeift die Elite"Wagner kann den Schiedsrichter-Leistungen bei der EM dennoch Positives abgewinnen."Bei der EM pfeift die Elite der europäischen Schiedsrichter, auch wenn die UEFA den Proporz nicht ganz ausschließen kann. Die kleine Gruppe von zwölf Teams wirkt sich positiv auf das Turnier aus", zeigt Wagner einen Unterschied zur WM 2010 auf, bei der viele "Strand-Schiris" Spiele verpfiffen hatten. Fehler nicht auszuschließenEine Fehlerquote gebe es auch bei der EM, räumt Wagner ein. "Einzelfehler kann es eben immer geben, doch es gab nur wenige Fehlentscheidungen, wie etwa beim Eröffnungsspiel Polen gegen Griechenland."Eben jene Griechen hadern besonders mit den Unparteiischen.Gelb-Rot unberechtigt So stellte der spanische Schiedsrichter Carlos Carballo beim Spiel gegen Polen Sokratis Papastathopoulos mit Gelb-Rot vom Platz. Sein Gegner Rafal Murawski war aber nur weggerutscht.Carballo und der Niederländer Björn Kuipers komplettieren das Quartett der nach der Vorrunde aussortierten Unparteiischen.Eriksson weiter dabeiDagegen darf Johan Eriksson bleiben, obwohl ihm ebenfalls ein grober Fehler unterlief.Der Schwede zeigte Griechenlands Kapitän Georgios Karagounis im Spiel gegen Russland für eine vermeintliche Schwalbe Gelb - es hätte aber Strafstoß für die Hellenen geben müssen.Somit fehlt Karagounis nun im Viertelfinale gegen Deutschland."Eriksson hat Karagounis eine Täuschung unterstellt, das war es auf keinen Fall. Das hätte nicht sein dürfen", sagt Wagner zu SPORT1. Weniger Abseits-PatzerEinen Makel von der WM 2010 haben die Referees abstreifen können: Fehler beim Abseits. "Die Spezialisierung der Schiedsrichter-Assistenten durch videounterstütztes Simulationstraining trägt Früchte, wie beim 1:0 der Spanier gegen Kroatien zu erkennen war", ist Wagner überzeugt: "Einzelfehler wie das Abseits beim Spiel England gegen Ukraine wird es immer geben."Nun verbleiben noch sieben Spiele, in denen die Schiedsrichter sich bewähren müssen (DATENCENTER: Der EM-Spielplan).