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München - In der Gruppenphase der CHL trifft Red Bull München auf den HC Ambrì-Piotta - einen Schweizer Dorfklub mit einer nahezu unglaublich turbulenten Geschichte.

Seit Donnerstag ist der HC Ambrì-Piotta endgültig auf der großen Bühne der Champions Hockey League angekommen.

Nach den beiden Niederlagen beim EHC Red Bull München zum Auftakt und gegen Färjestad BK feierten die Schweizer im Rückspiel gegen die Schweden ihren ersten Sieg in der CHL und werden damit auch voller Zuversicht ins Rückspiel gegen den EHC gehen (CHL: HC Ambrì-Piotta – EHC Red Bull München, Samstag ab 19.40 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 und im LIVESTREAM).

Dabei grenzt bereits die bloße Teilnahme an der Königsklasse des Eishockeys an ein Wunder, blickt der kleine Klub aus dem Kanton Tessin doch auf eine sehr bewegte Vergangenheit zurück.

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Ambrì-Piotta in der Heimat als "ewiger Underdog" verschrien

In der Heimat gilt der HCAP seit jeher als der ewige Underdog. Seit 1985 spielt der Klub ununterbrochen in der National League, Meister wurde man seitdem allerdings noch nie.

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Am nächsten dran am ganz großen Wurf war Ambrì-Piotta in der Saison 1998/1999, als man sich erst in den Finals dem großen Erzrivalen HC Lugano geschlagen geben musste. Obendrein wurde 1998 und 1999 jeweils der IIHF Continental Cup und im zweiten Jahr zusätzlich auch noch der europäischen Supercup gewonnen.

Doch auf die wohl erfolgreichste Zeit der Vereinsgeschichte sollte schon bald das böse Erwachen folgen.

Fans retten Verein zweimal vor dem Bankrott

Ausgerechnet die Teilnahme an den Playoff-Finals von 1999 wurde den Biancoblu drei Jahre später beinahe zum Verhängnis. Die überraschende Endspiel-Qualifikation riss ein Loch in der Größenordnung von 1,5 Millionen Franken in die sowieso schon klammen Kassen, da sie unerwartet hohe Erfolgsprämien für die Spieler nach sich zog.

Zudem stiegen im Anschluss auch die Erwartungen im Umfeld, was zu erheblichen Neuinvestitionen auf dem Transfermarkt führte und den Verein immer weiter an den Rande des Ruins trieb. 2002 stand die HCAP-Aktiengesellschaft schlussendlich mit 4,5 Millionen Franken in der Kreide.

Nachdem der Einstig einer - angeblich in der Sportvermarktung aktiven - nordamerikanischen Investorengruppe gescheitert war, sicherte erst eine Spendenaktion unter Fans und die Finanzspritze von prominenten Gönnern den Leventinern letztendlich den Verbleib in der ersten Liga.

Acht Jahre später sprangen, nach dem gerade noch so verhinderten sportlichen Abstieg, erneut die Anhänger für ihren Verein in die Bresche und retteten diesen mit Spenden in Höhe von 2,7 Millionen Franken ein zweites Mal vor dem Bankrott.

Einzigartige Verbindung zwischen Anhängern und Klub

Überhaupt ist die Verbindung zwischen Fans und Klub bei Ambrì-Piotta eine ganz besondere, die nahezu ihresgleichen sucht.

Gerade einmal 300 Einwohner zählt die kleine Ortschaft Ambrì im Kanton Tessin. Das Dorf, aus dem auch die Schauspielerin Carla Juri ("Feuchtgebiete", "Blade Runner 2049") stammt, bleibt wegen ihrer Tallage im Winter mehrere Monate ohne Sonne, aber Mittelpunkt einer verschworenen Eishockey-Gemeinde.

Die heimische Pista la Valascia ist mit einer Kapazität von fast 6.500 Plätzen bei jedem Spiel prall gefüllt. Vor allem aus dem deutschsprachigen Teil des Landes kommen immer zahlreiche Anhänger, um ihren Klub lautstark zu unterstützen und die bekannte Vereinshymne "La Montanara" mitzusingen.

Rund 800 Fans begleiteten den HC Ambrì-Piotta zum ersten CHL-Spiel beim EHC Red Bull München
Rund 800 Fans begleiteten den HC Ambrì-Piotta zum ersten CHL-Spiel beim EHC Red Bull München © CHL

Selbst zum ersten Auswärtsspiel im über 400 Kilometer entfernten München begleiteten mit rund 800 Fans fast dreimal so viele Anhänger ihren Klub, wie der Ort Einwohner hat und sorgten in der Olympiahalle für ordentlich Stimmung.

"Unglaublich, was die Fans für eine Stimmung gemacht haben, wie viele angereist sind", sagte Verteidiger Jannick Fischer beinahe ungläubig in einer Dokumentation des TV-Senders Teleclub, der die Mannschaft auf ihre Reise in die bayrische Landeshauptstadt und nach Schweden begleitete.

Red Bull bekundet angeblich Interesse an Einstieg beim HCAP

Wenig begeistert dürften die heißblütigen HCAP-Anhänger, die in ihrer Curva Sud gerne das Konterfrei des Freiheitskämpfers Che Guevara und des Apachen-Häuptlings Geronimo präsentieren, dagegen über eine Meldung gewesen sein, die vor knapp einem Jahr in den Schweizer Medien kursierte.

Damals hieß es, dass ausgerechnet Red Bull an einem Einstieg beim Traditionsklub interessiert sei und den Bau einer für 2021 geplanten Arena mitfinanzieren soll, die der Verein dringend benötigt, um auch langfristig in der National League eine Zukunft zu haben.

Zwar bestätigte Ambrì-Präsident Filippo Lombardi damals, es habe eine "Vorbesprechung betreffend Arena-Naming" gegeben, diese habe aber "nichts eingebracht", weshalb er auch von einer Übernahme nichts wissen wollte.

"Bestimmt nicht. Nicht durch Red Bull und nicht durch jemand anderes", wiegelte er die Gerüchte seinerzeit ab.

Spiel gegen München bereits ein kleines Finale

Nun kommt Red Bull also doch in die Valascia, allerdings nicht um den Verein zu übernehmen, sondern um in Form des EHC die Punkte nach München zu entführen und damit eventuell bereits den Einzug in die K.o.-Runde und zugleich das Ausscheiden der Gastgeber perfekt zu machen.

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Entscheidend dafür ist auch, wie sich der HC 05 Banská Bystrica gegen Färjestad Karlstad schlägt. Bei einem Sieg der Schweden wäre Red Bull mit einem eigenen Erfolg in der regulären Spielzeit bereits sicher im Achtelfinale, Ambrì hingegen so gut wie sicher ausgeschieden.

Und obwohl die Schweizer mit Dominik Kubalik vor der Saison ihren besten Spieler an die Chicago Blackhawks in die NHL verloren haben und mit Goalie Benjamin Conz und Center Jiri Novotny gleich zwei wichtige Spieler verletzungsbedingt fehlen, werden sie das Spiel gegen den vermeintlich haushohen Favoriten nicht so einfach abschenken.

Ambrì-Spieler heiß auf Abenteuer CHL

Denn wie heiß der gesamte Verein auf die Erfahrung CHL ist, machten die Aussagen vor dem Hinspiel bereits mehr als deutlich.

"Es ist eine Ehre für Ambrì-Piotta in der Champions League zu spielen. Ich selbst habe schon zweimal dort gespielt und es ist immer geil gewesen. Darum freue ich mich umso mehr, dass wir jetzt mit Ambrì-Piotta dabei sind", erklärte etwa Fabio Hofer bei Teleclub

"Es bedeutet viel. Das Team hat noch nie in der Champions Hockey League gespielt. Es ist eine Ehre", ergänzte Nick Plastino, dem im Hinspiel gegen Färjestad das erste CHL-Tor der Vereinsgeschichte gelungen war.

Der Vorjahrefinalist aus der DEL sollte also schon einmal gewarnt sein und sich im Tessin auf ein ganz besonderes Spiel vorbereiten - gegen einen ganz besonderen Gegner.

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