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München - SPORT1-Experte Rick Goldmann blickt zurück auf die abgelaufene Eishockey-WM und nennt den Schlüssel für Finnlands Erfolg. Einen deutschen Spieler lobt er.

Liebe Eishockey-Freunde, 

Glückwunsch Finnland zum WM-Titel! Es war die Krönung von Antilla zum Finnen-König mit seinen beiden Treffern im Finale. Auch wenn ich Russland als Weltmeister getippt habe, muss ich gestehen, ich habe mich über den Sieg der Finnen im Halbfinale gefreut.

Und warum? Weil Finnland bei dieser WM, spätestens da für jeden ersichtlich, das verkörpert hat, was unseren Sport ausmacht: Teamplay, Zusammenhalt, gemeinsam einen Weg zu finden, füreinander zu gewinnen. So denken und so spielen Sieger! Und im entscheidenden Moment sind Spieler wie Lankinen und Antilla nochmal über sich hinausgewachsen.

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Nicht dass ich es den Russen, und sie haben ja noch Bronze geholt, es nicht gegönnt hätte – sie hatten schon eine unglaubliche Ansammlung an Superstars in der Slowakei dabei –und haben uns großartiges Eishockey geboten in diesem Turnier. Vor allem das Spiel um Platz 3 zwischen Russland und Tschechien war größte Eishockeyunterhaltung!

Auch die Kanadier haben ihre Finalteilnahme dem Teamgedanken zu verdanken. Da war es auch nicht der von Superstars gespickte Kader. Auch ich habe diesen zu Beginn ein wenig kritisch beäugt. Aber die Kanadier haben sich im Turnier als Team zusammengefunden. Und sie haben als Team zusammen kritische Momente durchlebt mit der Auftaktniederlage gegen Finnland, dem Last-Second-Sieg gegen die Slowakei, dem 0,4-Sekunden-vor-Ende-Ausgleich gegen die Schweiz. 

Das schweißt eine Truppe zusammen, macht sie stärker, bringt ihr Selbstvertrauen ein – diese Momente haben den Russen vielleicht bis dahin gefehlt. 

Söderholm hat vieles richtig gemacht

Ähnliches haben wir ja auch bei der deutschen Mannschaft gesehen. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass die Klatsche gegen Kanada das Team im Nachhinein auf ein höheres Level gehoben hat. Sie hat sie nochmal fokussierter gemacht und zusammenrücken lassen. 

Dass es gegen Tschechien jetzt nicht gereicht hat, ist richtig schade. Sie waren 40 Minuten dran. Weitaus knapper, als es das Endergebnis von 1:5 aussagt. 

Toni Söderholm hat bei seiner ersten WM vieles richtig gemacht. Ich erinnere nur mal an seine Wahl bei den Torhütern. Er hat alleine dafür viel Gegenwind erhalten. Seine Mannschaft und seine Spielweise haben sich durchgesetzt, auch weil das Team nicht nur offensiv gedacht hat, sondern auch defensiv gearbeitet hat.

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Und auch seine eigene Entwicklung ist ja auch noch lange nicht abgeschlossen. Das war ja erst seine erste WM. Auch bei anderen Bundestrainern haben wir gesehen, dass sich ein Bundestrainer noch weiterentwickelt, wenn er mehrere Weltmeisterschaften, Großevents coacht.

Seider mit großartiger Entwicklung

Eine großartige Entwicklung hat auch Moritz Seider bei dieser WM gezeigt. Einerseits spielt er rotzfrech auf, wie unter anderem seine beiden Tore gezeigt haben, andererseits ist er unheimlich abgeklärt. Für mich war er gegen Tschechien wahrscheinlich der beste Mann auf dem Eis. Er hat seinen Wert für den anstehenden NHL-Draft noch einmal gewaltig gesteigert. Ich wünsche Moritz viel Glück beim Draft. Auch das ist für das deutsche Eishockey insgesamt von enormer Bedeutung.

Ein fast erwartbares Highlight der WM war für mich die Stimmung in den Hallen. Die Slowaken waren in der Hinsicht der perfekte Gastgeber. Wie die Slowaken ihre Mannschaft gefeiert haben, obwohl diese bereits im Rennen um die Viertelfinal-Plätze ausgeschieden war, war mega fett, inklusive der Verabschiedung von Nagy.

Hochspannende Spiele bei Eishockey-WM

Was war noch ein Highlight? Die dramatischen Spiele. Da hatten wir ja reichlich. Und reichlich betroffen waren die Slowaken mit ihren Niederlagen gegen Kanada 1,4 Sekunden vor Ende und Deutschland mit 24 Sekunden vor Ende. Getoppt hat das nur das Viertelfinalspiel von Kanada gegen die Schweiz. 

Der Ausgleich 0,4 Sekunden vor Ende. 0,4 Sekunden – so schnell blinzle ich nicht mal. Und wenn der Keeper ein Hauch mehr am Puck dran ist, dann geht er wahrscheinlich erst nach Ablauf der Uhr über die Linie. Nicht nur, dass die Schweizer auf so dramatische Art und Weise den Ausgleich hinnehmen mussten, sie kassierten in der Verlängerung dann auch noch den Sudden Death. Endstation statt Halbfinale. 

Die vielleicht spektakulärsten Tore bei der WM waren die beiden Tore von Kaapo Kakko und Anthony Mantha. Kakko mit seinem ersten Tor des Turniers, bei dem er sich durchbeißt. Und Manthas Tor gegen die deutsche Mannschaft, als er sich den Puck zwischen die Beine legt und mit dem Schläger zwischen den Beinen den Puck ins lange Eck an den Innenpfosten und rein schlenzt. 

Lob für Stone, Bandermann und den DJ

Mein MVP der WM war vor dem Finale Mark Stone. Er arbeitet unheimlich hart, ähnlich wie Sean Couturier, aber Stone macht auch noch die entscheidenden Tore oder legt sie auf. Das ist ihm im Finale nicht gelungen, aber zum Beispiel beim Ausgleich 0,4 Sekunden vor Ende gegen die Schweiz, den er aufgelegt hat, bevor er den Siegtreffer dann in der Overtime selbst erzielte. Oder der Gamewinner 1,4 Sekunden vor Ende gegen die Slowaken. 

Mein Off-the-Ice-MVP, neben Sascha Bandermann (#Säschlove) ist ganz klar der Stadion-DJ aus Bratislava. Der hat mit seiner Musikauswahl richtig "getroffen". Hoffentlich bekommen wir 2020 in Zürich und Lausanne einen ähnlich guten. Alter Falter... #OhrwurmimSommer. Bei mir kommt jetzt schon ein wenig Vorfreude auf – also freuen wir uns auf die Schweiz kommendes Jahr. 

Einen schönen Sommer, 

euer Rick Goldmann

Rick Goldmann, 43, stand 128 Mal für die deutsche Nationalmannschaft auf dem Eis. Der Verteidiger, der beim NHL-Draft 1996 an 212. Position von den Ottawa Senators gezogen wurde, bestritt ein Spiel in der NHL. Nach einer schweren Sprunggelenksverletzung beendete er 2008 beim EHC München seine Laufbahn. In seiner Karriere bestritt er für den EV Landshut, Adler Mannheim, Kaufbeurer Adler, Moskitos Essen, ERC Ingolstadt und Iserlohn Roosters 500 DEL-Spiele. Für SPORT1 kommentiert Goldmann seit 2008 die Spiele der Nationalmannschaft und der DEL.

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