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Am Donnerstag starten die Viertelfinals der Eishockey-WM. SPORT1-Experte Rick Goldmann wirft den Blick zurück auf die Gruppenphase und wagt eine Prognose.

Hallo Eishockey-Freunde, 

was waren das für zwei großartige letzte Spieltage der Vorrunde. Erst die beiden Abstiegs-Dramen mit Emotionen ohne Ende. Dazu die unglaublich herausragende und abgeklärte Leistung der deutschen Mannschaft gegen Finnland. Das war richtig beeindruckend. In sieben Spielen fünf Siege, 15 Punkte, Dritter damit in der Gruppe vor den USA! So gut haben wir eine deutsche Mannschaft schon lange nicht mehr gesehen. Die Jungs haben das gezeigt, was wir uns erhofft haben. 

Alle vier Spiele, die man zu Beginn gewinnen musste, haben sie gewonnen. Und auch alle nach 60 Minuten. Wann gab es das schon? Sie haben sie aber nicht nur gewonnen, sie haben sich auch von Spiel zu Spiel gesteigert. Vor allem gegen die Slowakei hat die Mannschaft in einem sehr emotionalen Spiel Comeback-Qualitäten gezeigt.

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Deutschland-Dämpfer gegen Kanada

Vielleicht hat sie zum richtigen Zeitpunkt gegen Kanada dann auch einen Dämpfer erhalten, um den Schritt nach vorne zu machen. Einen großen Schritt – der dann im Sieg gegen Finnland mündete.

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Da war fast alles perfekt. Und auch, wenn das erste Tor von den Finnen eigentlich Torraumabseits war, haben sich die Jungs dadurch nicht entmutigen lassen, einen Weg gefunden, das Spiel zu gewinnen, einen Großen zu schlagen und vor dem Viertelfinale noch einmal eine große Portion Selbstvertrauen zu tanken.

Mit einer perfekten Mannschaftsleistung, mit einem unheimlich starken Philipp Grubauer im Tor und mit dem Spieler, der den Unterschied ausmachen kann, dem Ausnahmespieler in Deutschland, der ein Drei-Punkte-Spiel bei vier erzielten Toren macht, zwei Tore selbst schießt. Leon Draisaitl hat die Kritik mit seiner mentalen Stärke einfach weggesteckt.

Und die Mannschaft hat im Kollektiv gespielt, spielerisch stark nach vorne, aber in der Defensive kompakt, eng, hart, unangenehm. Genau das braucht sie auch im Viertelfinale, diesen Verbund, diese Größe, vom Torhüter über die Verteidiger bis zum Stürmer.

Finnland-Spiel als Vorbild

Und so, wie die Jungs es mit mannschaftlicher Geschlossenheit geschafft haben, die Top-Reihe der Finnen um Kaapo Kakko rauszunehmen, genauso muss sie gegen die Tschechen und deren Top-Reihe um Michal Frolik, Jakub Voracek und Dominik Simon agieren. (Viertelfinale: Deutschland - Tschechien, Mittwoch, ab 19.00 Uhr LIVE im TV und Stream auf SPORT1)

Aber: Sie dürfen sich nicht nur allein auf diese Reihe konzentrieren. Die Tschechen haben noch mehr Power. Wieder gilt es, über die Defensive und über einen starken Grubauer zum Spiel zu finden. Und wer weiß, was alles möglich ist.

Blicken wir auf die weiteren Viertelfinals: So wie die Russen spielen, wie sie zaubern, wie sie Eishockey in höchster Kunst demonstrieren – ich erinnere nur mal kurz an das zweite Drittel gegen die Schweden –, das war schon Eishockey vom Allerfeinsten. Das war eine Machtdemonstration. Und nicht nur, was die Offensive angeht. Schaut Euch mal die Anzahl der Gegentore an. Sieben bisher im ganzen Turnier erst – und drei der vier gegen die Schweden erst, als die Partie schon lange durch war! Russland ist die Mannschaft, die man schlagen muss, um Weltmeister zu werden, und den USA wird das im Viertelfinale nicht gelingen.

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Für die Schweizer wird es ein harter Brocken gegen die Kanadier. Die haben sich von Spiel zu Spiel gesteigert, spielen auch mit mannschaftlicher Geschlossenheit. Aber die Schweizer zeigen auch tolles Eishockey, schnelles, hartes und begeisterungsfähiges Eishockey. Warum sollte nicht eine Überraschung drin sein? Vergangene WM standen sie bereits im Finale. (DATENCENTER: Der Spielplan der Eishockey-WM 2019)

Finnland gegen Schweden wird ein echter Kracher mit Derby-Charakter, wenn man es so sagen will, ein Hass-Duell. Die beiden mögen sich einfach nicht. Nach den letzten Partien sehe ich aber die Schweden leicht im Vorteil.

Im Eishockey alles möglich

Nach dem Blick auf die Viertelfinals noch ein kleiner Blick zurück. Was ist von dieser WM-Vorrunde hängengeblieben? Zwei unglaubliche Abstiegsfinals. Beide mit mehr als 60 Minuten Dramatik – und dann erwischt es nicht einmal die Aufsteiger. Das waren besondere Emotionen. Dass Großbritannien die Klasse gehalten hat, ist vielleicht die Geschichte des Turniers. Ein kleines Miracle on Ice. Aber es zeigt auch, was alles in unserem Sport möglich ist.

Auch bei der deutschen Mannschaft. Und sie hat weiterhin Zeit, es zu zeigen. Ich würde der Mannschaft und dem Eishockey insgesamt in Deutschland den nächsten großen Erfolg wünschen. Nur über eine starke Nationalmannschaft schaffst du Aufmerksamkeit für Eishockey und bringst damit auch mehr Menschen in die Hallen. Das müsste inzwischen auch der größte Ignorant, der nur in seiner Vereinsblase lebt, verstanden haben. Also lasst uns auf großen Sport und tolle Viertelfinals hoffen.

Wir hören uns bei den Spielen auf SPORT1 und lesen uns dann nach dem Finale wieder.

Euer Rick

Rick Goldmann, 42, stand 126-mal für die deutsche Nationalmannschaft auf dem Eis. Der Verteidiger, der beim NHL-Draft 1996 an 212. Position von den Ottawa Senators gezogen wurde, bestritt ein Spiel in der NHL. Nach einer schweren Sprunggelenksverletzung beendete er 2008 beim EHC München seine Laufbahn. In seiner Karriere bestritt er für den EV Landshut, Adler Mannheim, Kaufbeurer Adler, Moskitos Essen, ERC Ingolstadt und Iserlohn Roosters 500 DEL-Spiele. Für SPORT1 kommentiert Goldmann seit 2008 die Spiele der Nationalmannschaft und der DEL.

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