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München - Die DEB-Auswahl führte Marcel Goc Olympiasilber, jetzt greifen seine Nachfolger bei der WM nach einer Medaille. Im SPORT1-Interview erklärt Goc den deutschen Höhenflug.

Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft greift nach einer WM-Medaille! (WM 2021: Alle Spiele und Ergebnisse)

Die Auswahl von Trainer Toni Söderholm steht nach dem sensationellen Sieg im Penalty-Krimi gegen die Schweiz im Halbfinale und trifft erneut auf Finnland. Gegen die Skandinavier hatte Deutschland in der Gruppenphase mit 1:2 verloren. (WM-Halbfinale: Deutschland - Finnland ab 16.30 Uhr auf SPORT1 im Free-TV und Livestream).

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Nun will sich die DEB-Auswahl revanchieren. Einer, der sich mit großen Duellen auskennt, sit Marcel Goc. Der 37-Jährige spielte über zehn Jahre in der NHL, absolvierte insgesamt 699 Spiele in der stärksten Eishockeyliga der Welt.

Dazu absolvierte er 388 DEL-Spiele und war 112-mal für die DEB-Auswahl auf dem Eis. Goc war Kapitän des Teams, das 2018 bei Olympia in Pyeongchang sensationell die Silbermedaille gewann. Mit den Adler Mannheim gewann er 2019 die deutsche Meisterschaft. 

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Seit seinem Karriereende 2020 ist Goc Teil des Trainerstabs der Adler. Im SPORT1-Interview spricht er über den irren Penalty von Marcel Noebels und den Kult-Kommentar von SPORT1-Kommentator Basti Schwele. Außerdem spricht er über die deutschen Stärken und erklärt, worauf es gegen die Finnen ankommt. (Zach: Darum ist der WM-Titel drin)

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SPORT1: Herr Goc, hätten Sie gedacht, dass Deutschland nach dem 0:2-Rückstand gegen die Schweiz die große Wende schafft und zurückkommt? 

Marcel Goc: Es war ein 0:2, aber es war ja nicht so, dass die Deutschen total unterlegen gewesen wären. Das spricht für die Jungs, für den Charakter und den Einsatz, den sie bisher in jedem Spiel zeigen konnten. Dass das erste Tor noch rechtzeitig gefallen ist, war unglaublich wichtig. Im dritten Drittel haben sie wirklich stark gespielt und verdient den Ausgleich geschossen. In der Verlängerung hätte das so oder so ausgehen können. Natürlich sind wir jetzt alle froh, dass das für uns entschieden wurde. Für den deutschen Eishockey ist jedes Halbfinale ein Erfolg. 

SPORT1: Sie haben es schon angesprochen, dass jedes Halbfinale für Deutschland als Erfolg gewertet werden kann. Sie selbst waren ja bei Olympia 2018 sogar im Finale. Wie würden Sie den Olympia-Erfolg im Vergleich zur aktuellen WM einordnen? 

Goc: Olympia ist nochmal eine andere Hausnummer. Das ist die größere Bühne, auf der du dich bewegst, die ganze Welt schaut zu. Klar, je länger du dabei bist, desto mehr Leute und Anhänger findest du, das war ein fantastisches Gefühl damals, hat unglaublich Spaß gemacht und jeder - Leo Pföderl ist ja aktuell auch noch dabei - wird das denke ich ähnlich oder genauso sehen wie ich. Aber die WM ist, rein in Bezug auf Eishockey, natürlich super. Je mehr Erfolge wir mit der Nationalmannschaft feiern können, umso populärer machen wir den Sport. Und das bedeutet hoffentlich, dass sich mehr Kinder anfangen für Eishockey zu begeistern. Ich habe ein paar Statistiken gelesen, wir haben in Deutschland rund 20.000 Eishockeyspieler. Allein die kanadische Provinz Calgary hat so und so viele mehr. Jeden Spieler, den wir gewinnen, der hilft.  (Alles Wichtige zur WM 2021)

Marcel Goc (Mitte) gewann mit der DEB-Auswahl Silber bei Olympia 2018
Marcel Goc (Mitte) gewann mit der DEB-Auswahl Silber bei Olympia 2018 © Imago

SPORT1: Haben Sie schon Glückwünsche an die Nationalspieler geschickt oder hat man während des Turniers zu den Spielern eher weniger Kontakt? 

Goc: Ich habe nicht vielen Leuten geschrieben, ich glaube, die Jungs haben im Moment genug zu tun mit Pressearbeit. Die Reise ist noch nicht beendet und wir werden uns im Sommertraining sehen, wenn sie wieder einsteigen und auch die anderen, die ich kenne, werden eine Nachricht kriegen. Aber jetzt sollen sie sich erstmal auf das Wesentliche konzentrieren und alles andere kommt danach. 

Goc feiert Schwele: "Hat richtig Spaß gemacht"

SPORT1: Es gibt in dieser deutschen Mannschaft nicht den einen herausragenden Star, auch dadurch, dass Leon Draisaitl nicht dabei ist. 

Goc: Ich würde schon sagen, dass wir herausragende Spieler haben. Klar, Leon hat sich einen großen Namen gemacht, vollkommen zu Recht. Aber wenn man die Liste durchgeht, haben wir schon ein paar gute Jungs dabei, sonst wären wir nicht so weit gekommen. (Draisaitl im SPORT1-Interview: Der WM-Titel ist drin)

SPORT1: Was zeichnet das Team aus? 

Goc: Das Spiel wird immer offensiver, darum ist der Einsatz in der Defensive sehr viel wert. Es geht nicht nur ums Tore schießen, es passieren immer Fehler und die Jungs merzen das gut aus. Gerade auch in Unterzahl, das funktioniert gut, da ist sich keiner zu schade und man sieht, sie wollen die Schützen blocken. Das müssen Sie auf jeden Fall beibehalten.

SPORT1: Kommentator Basti Schwele ist bei dem entscheidenden Penalty gegen die Schweiz richtig aus dem Sattel gegangen. Was sagen Sie dazu, wenn jemand beim Eishockey so mitgeht und die Leute damit auch für den Sport begeistern kann? 

Goc: Das, was der Basti da abgeliefert hat, war super. Er war voll dabei, er hat das Spiel nicht nur kommentiert, vielleicht hat er auch ein Stück die Scheibe noch über die Linie mitgeschoben. Das hat schon richtig Spaß gemacht, ihm da zu zuschauen, wie er sich freut und voll dabei ist mit Herz und Leidenschaft. Das zeigt, wie viele Emotionen in den Spielen drinstecken und was sich auch vom Spiel auf die Fans und die Zuschauer und andersherum übertragen kann. 

SPORT1: Wie verfolgen Sie die Spiele, gerade wenn Deutschland solche Krimis spielt, wie in letzter Zeit? 

Goc: Ich bin zwar nicht live dabei, aber ich bin ganz konzentriert bei der Sache. Ich weiß noch, was die Jungs fühlen, was vielleicht dann in ihnen vorgeht. So lange ist es ja jetzt auch noch nicht her, dass ich gespielt habe. Ich glaube, ich schaue die Spiele immer noch mehr als Spieler wie als Trainer an (lacht). Ich bin da genauso dabei, fast so als würde ich auf der Bank sitzen und auf meinen nächsten Wechsel warten.

"Niederberger strahlt unglaubliche Ruhe aus"

SPORT1: Mittlerweile sind Sie selbst Trainer. Gefällt Ihnen denn ein deutscher Spieler aus Trainersicht bei diesem Turnier besonders? 

Goc: Einen hervorzuheben, das kann man machen, aber da gibt es nicht nur einen. Die Verteidigung, die echt solide spielt, auch wenn es hektisch wird, aber da gehören die Stürmer ja auch dazu. Ich würde sagen der Mix zwischen Offensive und Defensive passt. Es ist wichtig, wie du in Situationen, bei denen im eigenen Drittel Fehler passieren, reagierst. Wie reagieren die Jungs auf dem Eis, wenn es mal eng wird? Aber auch in diesen Situationen haben sie bislang die Abgezocktheit in der Offensive bewahrt.

SPORT1: Eine wichtige Qualität ist auch Keeper Mathias Niederberger. Rick Goldmann bezeichnete ihn schon als "Krake von Riga". Das ist durchaus berechtigt, oder? 

Goc: Er war überragend, nicht nur bei der WM, sondern die ganze Saison war echt stark. In den Playoffs hat er super gehalten und er führt den Weg so weiter. Man sieht er hat Spaß dabei und strahlt eine unglaubliche Ruhe aus. Das ist ja auch wichtig für die Mannschaft, aber das machen auch die Jungs vor ihm. Die geben da Sicherheit und Ruhe, damit er seinen Job machen kann. (Darum wurde Mathias Niedeberger von der NHL verschmäht)

SPORT1: Das ist ja vielleicht auch die Stärke von Deutschland, dass die ganze Mannschaft mitzieht und keiner abfällt. 

Goc: Ich finde durch die Bank knüpft jeder an seine Leistung an, die er abrufen kann - und das Spiel für Spiel. Das ist das Wichtige, die großen Aufs und Abs zu vermeiden. Jetzt sind nur noch vier Mannschaften im Turnier und dann schaust du auf die ganzen Namen, die ausgeschieden sind, beispielsweise Schweden. Und die packen ihre Tasche und gehen raus aus der Halle und du ziehst dich um und bereitest dich auf das nächste Spiel vor, das ist schon ein gutes Gefühl. 

Vor Noebels Penalty-Kunststück "kann man nur den Hut ziehen

SPORT1: Deutschland ist auch dank des "Kunststück-Penaltys" von Marcel Noebels dabei. Was sagen Sie zu dem Schuss? 

Goc: Es passt zur Leistung der Mannschaft, dass der so ein Ding da auspackt. Er hat das nötige Selbstvertrauen, er hat die letzten Jahre sehr solide gespielt für die Berliner. Jeder ist glücklich über den persönlichen Erfolg, den er hatte und wie er zum mannschaftlichen Erfolg beigetragen hat. Aber auch er ist noch nicht fertig und darf das gerne wiederholen. 

SPORT1: Hätten sie das technisch auch so hinbekommen? 

Goc: Ich glaube, ich hätte einen anderen Move probiert. Diesen habe ich jetzt nicht so oft geübt. In Nashville war ich auch einer der Penalty-Schützen, da hat das auch einigermaßen gut funktioniert. Aber das war schon nicht schlecht, da kann man nur den Hut ziehen. 

SPORT1: Das Gruppenspiel zwischen Finnland und Deutschland war sehr eng. Was glauben Sie ist jetzt im Halbfinale drin? Worauf wird es ankommen? 

Goc: Es kommt auf dasselbe an, wie in den letzten Spielen, da braucht man nicht viel ändern. Klar, das Spiel von Finnland ist ein bisschen anders, aber ich glaube, dass es doch recht ähnlich zu dem der Schweizer ist. Auch Finnland hat nicht die Topstars, die Topnamen, die es in der NHL gibt. Aber sie setzen glaube ich bewusst auf die Jungs, die in Europa spielen und fahren damit immer sehr gute Ergebnisse ein. Und da kann jeder mal einen Glücksmoment haben. Ich sehe die Mannschaften vom Prinzip her relativ ähnlich, sie haben genauso wie Deutschland auch Namen aus der NHL, die nicht dabei sind. Ich glaube der Toni braucht nicht nervös sein, egal wen er auf das Eis schickt. Die Jungs haben gezeigt, sie machen ihren Job und den machen sie sehr gut. Ich freue mich gegen Finnland auf ein schnelles und spannendes Spiel. 

SPORT1: Was glauben sie ist für Deutschland bei der WM noch drin? Kann Deutschland sogar noch Weltmeister werden? 

Goc: Da halte ich mich an meinen Vorsatz, dass ich mich mit Vorhersagen zurückhalte, weil die gehen dann meistens komischerweise in die Hose (lacht). Ich bin guter Dinge, dass wenn Sie die Leistung weiter so abrufen können, sich die Chance ergibt, das Spiel zu gewinnen.

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