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© ESL – Helena Kristiansson
Lesedauer: 8 Minuten
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Im Interview mit SPORT1 lässt Timo "Spiidi" Richter von mousesports den Erfolg bei der ELEAGUE Revue passieren.

Von Danny Singer

Die Mäuse erreichten vergangene Woche in der 1,4-Millionen-Liga das Halbfinale. Es handelt sich um den größten Erfolg eines deutschen Teams in der Geschichte von CS:GO.

SPORT1: Wenn man sich eure Erfolge in letzter Zeit anschaut, konntet ihr unter anderem oft gegen G2 Esports punkten. Sowohl bei der Major-Quali, als auch bei der ELEAGUE habt ihr die Franzosen bezwungen. Denkst du, dass Thorin Recht hat, wenn er sie als zweitbestes Team der Welt betitelt?

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Spiidi: Thorin und seine Meinung interessieren mich absolut nicht. Es ist seine Perspektive und vielleicht hat sie etwas mit der Wahrheit zu tun - jedem das seine. G2 ist ohne Frage ein Top-Team und hätten in der ELEAGUE trotz Stand-in auf jeden Fall gewinnen müssen, wenn sie so gespielt hätten, wie in ihren guten Turnieren zuvor. Wir haben die Spiele in der ELEAGUE nicht dominiert - es war für Zuschauer und auch für uns ein Krimi. Im Endeffekt sind diese Meinungen von Analysten immer so eine Sache - am Ende entscheidet immer die Tagesform.

SPORT1: Auf der anderen Seite waren eure Leistungen gegen FlipSid3 Tactics oft sehr enttäuschend - wir betiteln sie gerne als euren Erzrivalen. Was hat es damit auf sich?

Spiidi: Gegen FlipSid3 haben wir wirklich immer Probleme. Oft haben Leute die Auffassung, dass sie deutlich unter uns stehen auf dem Papier, doch das würde ich gar nicht so sagen. Das Team hat beim Major die Top 8 nun mal erreichen können und sich seit dem Abgang von bondik unglaublich gesteigert. Ihre Entwicklung ist beeindruckend. Ich sehe sie spielerisch nicht so weit unter uns. Bei unseren Begegnungen spielt natürlich auch noch hinein, dass der Spielstil von FlipSid3 uns überhaupt nicht liegt. Sie spielen sehr strategisch, extrem taktisch - das ist unser schlechtestes Match-up. Auf der gamescom werden wir übrigens ein Showmatch der anderen Art mit FlipSid3 haben - bei der "HP Omen Challenge" können dann Zuschauer Bestrafungen festlegen, während wir CS:GO spielen: Maus verstellen, Windgebläse ins Gesicht und solche Späße. Da sind wir natürlich jetzt schon in der Vorbereitung! (lacht)

SPORT1: Auf der gamescom wird die ESL Meisterschaft wieder stattfinden, sodass man mal wieder etwas von der nationalen Szene zu sehen bekommt. Besteht bei euch noch Interesse daran?

Spiidi: Die ESL Meisterschaft steht auf unserer Prioritätenliste nicht weit oben. Klar würden wir für unsere deutschen Fans gerne mitspielen aber der Terminkalender ist jetzt bereits so voll, ein weiteres Turnier wäre da eher kontraproduktiv.

SPORT1: Welchen Anteil hat kassad an eurem großen Erfolg bei der ELEAGUE? Ist er inzwischen vollwertiger Ansager?

Spiidi: Ursprünglich war es unser Plan, dass kassad bereits während der ELEAGUE unsere Taktiken ansagen würde, doch bei unseren Matches hat immernoch NiKo diese Rolle übernommen. kassad hat ihm aber strategisches Input geliefert. 
 Uns gegenüber gibt sich kassad vor allem als Motivator: Er klopft uns auf die Schultern, wenn es gut läuft und gelegentlich schlägt er uns taktische Tricks vor, wenn er bei den Gegnern beispielsweise eine Lücke entdeckt. Langfristig wird sich das ändern, denn NiKo möchte nicht Ansager bleiben. Dazu hatte er sich ja auch bereits bekannt. So ein Prozess funktioniert allerdings auch nicht von heute auf morgen. 

SPORT1: NiKo wird öffentlich oft für seine individuelle Spielweise gepriesen, doch ihm wird auch eine sehr temperamentvolle Umgangsweise nachgesagt. Wie ist es für euch als Teamkollegen, wenn NiKo mal einen verbalen Ausfall hat?

Spiidi: Jeder geht anders um mit einem Rückstand. Ich persönlich versuche, die Leute zu motivieren, wer anders neigt vielleicht dazu, sich eher aufzuregen. Das ist überall so und man muss eine Teamdynamik schaffen, die damit umgehen kann. NiKos Verhalten ist auch lange nicht so schlimm, wie es durch die Medien vielleicht dargestellt wird. Es werden nunmal nur solche extremen Momente festgehalten und so bleibt es eher im Gedächtnis. Das ist alles nicht so wild.

SPORT1: Wie würdest du eure Entwicklung seit dem Abgang von gob b bewerten? Wird der Fortschritt durch das Fehlen eines solchen "Masterminds" gehindert?

Spiidi: Ich persönlich bin seitdem auf jeden Fall viel weiter gekommen. Ich lerne auch ohne gob und merke, dass ich mich stetig weiterentwickle. Wenn ich mich heute mit Spiidi von vor einem Jahr vergleiche, dann bin ich schon 20 Schritte weiter. Wir haben alle noch so viel zu lernen und dessen sind wir uns auch bewusst. Da würde uns ein gob natürlich helfen, doch auch kassad und NiKo tragen zu unserer Entwicklung positiv bei. Wir selbst sind ja auch nicht auf den Kopf gefallen. Mit jedem Spiel lernen wir dazu und das wirkt sich auch sehr auf unsere Konstanz aus: Heute sind wir dafür bekannt, oft gegen gute Teams solide zu spielen, während uns Außenseiter auf dem falschen Fuß erwischen. Je mehr Zeit wir zum Lernen haben, umso schwieriger wird es sein, uns auszuspielen.

SPORT1: Was denkst du über die Turnierdichte in CS:GO?

Spiidi: Ich hoffe, dass sich die Anzahl an wichtigen Turnieren in den nächsten Monaten reduziert. Mir persönlich macht es nicht so viel aus - ich fahre gerne zu Events und sammle diese Erfahrung. Wenn ich mir aber die letzten vier Wochen mit ELEAGUE und ESL One Cologne anschaue, dann wurde es doch auch viel. 
 Es ist konstante Action und man ist für diese Zeit ja auch von Zuhause weg. Auch Wochen, in denen man nur ein Match bestreitet, sind nunmal etwas ganz anderes als Erholungsurlaub. Ich denke, dass sich eine gesündere Turnierfrequenz automatisch einstellen wird, das braucht nur etwas Zeit. 

SPORT1: Hat euer ernüchterndes Abschneiden beim Major mit dieser Überlastung zu tun?

Spiidi: Nein, das denke ich nicht. Wenn das so wäre, dann wäre ja auch das gute Resultat bei der ELEAGUE eine Woche später unerklärlich. Das Versagen bei der ESL One Cologne war einfach nur unser Fehler. Es lag eher an Faktoren, wie unserem zu kleinen Map-Pool. Dadurch, dass wir uns in der Vorbereitung auf andere Dinge fokussierten, waren wir in dieser Hinsicht sehr berechenbar. Unser Kontrahenten hatten die meisten Dinge schon einmal vorher von uns gesehen und wir gingen keine großen Risiken ein - das war definitiv verbesserungsfähig.

SPORT1: Was würdest du als wichtigsten Schritt in deiner Karriere betiteln?

Spiidi: Ich habe mich im Dezember, als ich mousesports für unser zweites Intermezzo beitrat, entschieden, das Studium auf Eis zu legen und Vollzeit-Gamer zu werden. Das war natürlich ein großer und wichtiger Schritt. Zuvor meisterte ich mit PENTA Sports zwar zweimal die Teilnahme an einem Major-Viertelfinale, doch das waren ganz andere Zeiten. Die Konkurrenz war damals wesentlich schwächer. Mit PENTA waren wir auch immer die Außenseiter, auf die sich niemand vorbereitet hatte. So konnten wir als schwächeres Team verhältnismäßig viel erreichen. Heute sind wir selbst besser und in Gruppen eher der Favoritenrolle nah, doch auch viele Kontrahenten sind professioneller geworden. Ich bin mir sicher, dass wir in naher Zukunft aber die Major-Playoffs wieder meistern müssen - das geht gar nicht anders. Wir zählen auf jeden Fall zu den acht besten Teams der Welt.

SPORT1: chrisJ hat uns gegenüber gesagt, dass er bei mouz das Potenzial sieht, dass ihr das beste Team der Welt werden könnt. Siehst du das genauso?

Spiidi: Wenn man nicht so denkt, kann man das Spielen auf dem höchsten Niveau gleich sein lassen. Egal, ob man es hat oder nicht. So ehrgeizig muss jeder von uns sein. Wir müssen das Ziel haben auch bei den Top-Events irgendwann ganz vorne zu landen.

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