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München - Bei den European Games feiert der neue Teamwettbewerb der Leichtathletik Premiere. Die deutschen Athleten freuen sich, doch es gibt nicht nur einen Nachteil.

Michael Pohl musste lange warten. Sehr lange. Acht geschlagene Stunden nach seinem Lauf über die 100 m wusste der deutsche Sprinter noch immer nicht, ob er bei den Europaspielen eine Einzelmedaille gewonnen hatte.

Erst um 20.11 Uhr Ortszeit, als auch der letzte seiner Sprint-Konkurrenten im Dinamo-Stadion in Minsk die Ziellinie überquert hatte, war klar: Der Leichtathlet ging wie seine Teamkollegen leer aus.

Zurückzuführen ist das auf das neue Team-Format, das bei den European Games (täglich LIVE im TV auf SPORT1 und im LIVESTREAM) erstmals angewendet wird. "Dynamic New Athletics", kurz "DNA". Hinter diesen drei Worten verbirgt sich eine der größten Revolutionen in der Leichtathletik. Pohl fand den Modus dennoch "ein bisschen komisch".

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Kurz zusammengefasst treten die Athleten aus verschiedenen Disziplinen gemeinsam für ihr Land an und sammeln mit ihren Individualergebnissen Punkte für die Mannschaft. Der Sieger erhält zwölf Punkte, der Zweitplatzierte zehn Punkte bis zum Sechstplatzierten, der einen Punkt erhält.

"Es ist eine interessante Erfindung, die Leichtathletik hat Probleme, sich der Öffentlichkeit zu präsentieren. Durch den Teamwettkampf ist es besser für die Zuschauer", zog die deutsche Speerwerferin Annika Fuchs bei SPORT1 ein erstes positives Fazit. "Für den Athleten ist es mehr ein Teamfeeling, wenn man patzt, schadet man auch dem Team", ergänzte sie.

"Teamgeist wird gefördert"

Auch Sprinter Pohl zeigte sich zunächst begeistert: "Ich finde es spannend. Es ist etwas Neues, das man nicht kennt. Der Teamgeist wird gefördert, was vor allem für uns Sprinter neu ist."

Sonderlich fair ist der neue Modus aber nicht, das erkannte auch der Sprinter an. Die deutschen Athleten mussten am Sonntag um 12 Uhr mittags zu ihren Wettkämpfen antreten. Dabei waren vollkommen andere Wetterbedingungen vorzufinden, als bei den Durchläufen am Abend. 

Während bei Pohls Rennen 1,2 m/s Rückenwind herrschten, waren es am Abend 1,4 m/s Gegenwind. Der deutsche Sprinter kritisierte das, obwohl er ja eigentlich Wind-Glück hatte, schon unmittelbar nach seinem Lauf: "Das ist nicht zu vergleichen."

Neben den Punkten für das Team kämpfen die Athleten in Minsk auch um Einzelmedaillen in ihrer jeweiligen Disziplin. Diese wurden bereis nach dem ersten Wettkampftag, an dem die 24 Teams in vier Sechsergruppen um den direkten Einzug ins Halbfinale kämpften, gekürt. 

Aufgrund der wechselnden Wetterverhältnisse war die Medaillenvergabe aber wenig aussagekräftig. 

Keine Einzelmedaille für Deutschland

Für die deutschen Athleten gab es ohnehin keinen Platz auf dem Treppchen, als Team eroberte Deutschland dafür in seiner Quali-Gruppe am Montag den ersten Platz und ist damit bereits für das Halbfinale am Mittwoch qualifiziert.

Neben den vier Erstplatzierten kommen die beiden besten Zweiten aus den vier Gruppen ebenfalls ins Semifinale. Die restlichen Teams ermitteln im Viertelfinale sechs weitere Teilnehmer fürs Halbfinale.

Die sechs besten Teams erreichen dann das Finale. Insgesamt braucht es also mindestens drei Mal eine starke Teamleistung, um eine Medaille bei "Dynamic New Athletics" abzuräumen. 

"Frühstart schadet dem ganzen Team"

Bereits kleine Fehler haben eine enorme Auswirkung: "Wenn wir einen Frühstart machen, schadet das dem ganzen Team", erklärte Marc Koch, Mitglied der deutschen Hunt-Staffel den besonderen Nervenkitzel des neuen Systems. Die Hunt-Staffel ist der krönende Abschluss des Teamwettkampfs. Dabei laufen je zwei Männer und zwei Frauen 200, 400, 600 und 800 Meter hintereinander.

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Während die Läufer ihren Wettkampf wie gewohnt angehen können, müssen sich die Athleten in einer technischen Disziplin deutlich umstellen. "Man muss sich bei jedem Versuch konzentrieren. Es gibt nur drei statt sechs Versuche, das ist für die Nerven nicht einfach", erklärte Speerwerferin Fuchs.

Direkt-Duelle sorgen für Spannung

Läufer Koch pflichtete ihr bei und erklärte, dass es für die technischen Disziplinen "auf jeden Fall schwieriger" sei. 

Auch für die Zuschauer bedarf es einer gewissen Zeit, um das neue "DNA"-System zu verstehen. Doch durch die direkten Duelle gepaart mit ganz neuen taktischen Möglichkeiten entsteht in jedem Durchgang und in jedem Lauf Spannung.

Als Beispiel nannte Koch die Situation im Weitsprung: "Wenn es eins gegen eins darum geht, wer weiter gesprungen ist, macht es das schon interessanter für die Zuschauer."

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"Keine Höchstleistungen"

Hürdenläuferin Franziska Hoffmann pflichtete ihrem Teamkollegen am SPORT1-Mikro bei: "Gerade das Pokern beim Hochsprung ist sehr interessant für die Zuschauer, aber sehr schwer für die Athleten." Für die Sportler in den technischen Disziplinen ist es in der Tat eine ungewohnte Situation, denn im klassischen Wettkampf haben sie mehrere Versuche, während im "DNA"-Modus bereits nach einem Durchgang alles vorbei sein kann.

"Ich glaube, dass dieses Format keine Höchstleistungen produziert, weil man gezwungen ist gültige Versuche zu machen", merkt Mittelstreckenläufer Koch demnach auch einen großen Nachteil der neuen Wettkampfform an. Kann das, bei aller Begeisterung der Athleten, im Sinne des Sports sein?

Die weiteren Wettbewerbe in Minsk werden eine erste Antwort liefern.

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