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Tennis Tennisarm Der Tennisarm kann auch bei Tätigkeiten im Alltag auftreten
Tennis Tennisarm Der Tennisarm kann auch bei Tätigkeiten im Alltag auftreten © Getty Images
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München - Der Tennisarm ist eine der bekanntesten Beeinträchtigungen durch Sport. Aber er kann auch im Alltagsleben auftreten. SPORT1 erklärt Ursachen, Symptome und Therapien.

Die meisten Menschen haben schon vom Tennisarm gehört und auch bei vielen Hobby- und Freizeitärzten gehört die "Diagnose" zum Standardrepertoire. Dabei kursieren viele Halbwahrheiten und Fehleinschätzungen rund um die Erkrankung.

SPORT1 erklärt den Tennisarm mit seinen Symptomen und Ursachen. Dazu gibt SPORT1-Experte Dr. med. Florian Dreyer Tipps zur Behandlung und Vermeidung des ärgerlichen Dauerschmerzes.

Für den schnellen Leser

  • Was steckt hinter dem Tennisarm? Schmerzhafte Entzündung des Sehnenapparats im Ellenbogen durch eine Überbelastung
  • Was sind die Symptome? Druck- und Belastungsschmerz an der Außenseite des Ellenbogens, Einschränkung der Beweglichkeit im Ellenbogen, Kraftverlust der Muskeln im Handgelenk und den Fingern
  • Was sind die Ursachen? Starke körperliche Tätigkeiten und monoton wiederkehrende Bewegungsabläufe
  • Wie läuft die Diagnose? Provokationstests (coffee-cup-Test, Stuhl-Test), andere Ursachen für die Schmerzen können mit Röntgen, Kernspintomografie, Ultraschall überprüft werden
  • Wie läuft die Behandlung? Ruhigstellen und Entlastung des Ellenbogens, Dehn- und Kraftübungen für die Muskeln, in den seltensten Fällen: Operation
  • Wer ist der Ansprechpartner? Orthopäde
  • Wie ist die Prognose? Heilungsprozess über mehrere Monate, gute Chance auf vollständige Heilung

Symptome

Der Tennisarm, oft auch als Tennis-Ellenbogen bezeichnet, ist eine Form der Epicondylitis. Die Erkrankung entsteht durch eine Reizung der Sehne am äußeren Ellenbogen, genauer am äußeren Knochenvorsprung des Oberarmknochens (Epicondylitis radialis humeri). Liegt die Entzündung am inneren Knochenvorsprung des Oberarmknochens, handelt es sich um eine andere Erkrankung, nämlich einen Golfer-Ellenbogen, die Epicondylitis ulnaris humeri. Wegen der gleichen Symptome und ähnlichem Ort der Schmerzen, werden Tennisarm und Golferellenbogen im Alltag oft synonym verwendet.

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Anfangs sind die Schmerzen nur bei einer Belastung des Ellenbogens zu spüren, mit der Zeit entwickelt sich aber ein dauerhaftes Schmerzgefühl an der betroffenen Sehne, das auch in den Unterarm ausstrahlen kann. Dies kann bis zu einem Kraftverlust in Hand und Fingern führen. Wer unter einem Tennisarm leidet, kann meist das Ellenbogengelenk nicht mehr ganz strecken.

Symptome im Überblick

  • Anfangs Belastungsschmerz, später dauerhafter Druckschmerz
  • Bewegungseinschränkung im Ellenbogen
  • Kraftverlust in Hand und Fingern

Ursachen

Über die Sehnenansätze an den beiden Knochenvorsprüngen des Oberarmknochens wird die gesamte Unterarmmuskulatur, das Handgelenk und die Fingerbewegung gesteuert. Daher sind diese Sehnen einer hohen Beanspruchung ausgesetzt. Eine Überlastung und dadurch ausgelöste kleine Geweberisse und Veränderungen des Sehnengewebes stellen die häufigste Ursache für einen Tennisellenbogen dar.

Ausgelöst werden kann diese Überbeanspruchung durch monotone und immer wiederkehrende Bewegungen. Dabei spricht man auch von einem RSI-Syndrom (Repititive-Strain-Injury-Syndrom). Auch eine plötzlich ansteigende Belastung kann die Ursache für einen Tennisellenbogen sein. Beispielhaft, und daher namensgebend, sind Tennis und Golf. Aber grundsätzlich sind alle Schlagsportarten anfällig für den Tennisarm. 

Dr. Dreyer drückt die Ursache ganz einfach aus: "Es ist immer ein Missverhältnis zwischen Belastung und Belastbarkeit vorhanden."

Ursachen im Überblick

  • Schlagsportarten und Sportarten mit wiederholendem Bewegungsablauf (z.B. Rudern)
  • Handwerksarbeiten
  • außerordentliche Kraftanstrengungen
  • Spielen von Musikinstrumenten
  • Computerarbeit

Obwohl mit dem Tennisarm oft eine sportliche Aktivität assoziiert wird, können auch Nicht-Sportler daran leiden. Auch monotone Tätigkeiten, die nur einen geringen, aber dafür stetigen, Krafteinsatz mit den Händen erfordern, können zu einem Tennisarm führen. Dies betrifft vor allem Computerarbeit, Hausarbeit oder bestimmte Musikinstrumente.

Schätzungen zufolge leiden etwa 2% der Bevölkerung in Deutschland an einem Tennisarm. Zumeist tritt das Symptom ab dem 40. Lebensjahr auf, Frauen und Männer sind ähnlich häufig betroffen.

Diagnose

Die Diagnose eines Tennisarms kann über sogenannte Provokationstests stattfinden. Bei diesen Tests wird gezielt eine körperliche Reaktion, in der Regel ein Schmerz, hervorgerufen. Ein Beispiel für einen solchen Provokationstest ist der "Cofee-cup-Test", bei dem der Patient eine gefüllte Tasse hochhebt. Eine andere Möglichkeit ist der Stuhl-Test: Der Patient muss mit ausgestrecktem Arm und nach innen gedrehtem Unterarm einen Stuhl anheben. Für beide Tests gilt: Treten Schmerzen auf, deutet das auf einen Tennisarm hin.

Meist ist eine körperliche Untersuchung zur Diagnose ausreichend. Nur wenn der Verdacht auf eine andere Verletzung vorliegt, wird mit bildgebenden Verfahren wie Röntgen, Kernspintomografie oder Ultraschall gearbeitet.

Was tun gegen den Tennisarm?

Zuerst sollte die Ursache der Überbelastung ausgeschaltete werden. Das bedeutet in der Regel eine Ruhigstellung und Schonung des Arms und eine Sportpause. Um die Schmerzen zu lindern, ist es ratsam, die betroffene Stelle zu kühlen und Schmerzmittel einzunehmen.

Meist reicht bei einem Tennisarm eine Kombination aus Krankengymnastik und entzündungshemmenden Medikamenten aus. Mit einer zusätzlich dazu verwendeten Bandage, die bis zur kompletten Ausheilung getragen werden muss, sind die Symptome meist schnell in den Griff zu bekommen.

Die Dauer der Behandlung hängt dabei vom Grad der Entzündung und der Kooperation des Patienten ab. In der Regel tritt nach fünf Wochen die Heilung ein, bei etwa 80% der Betroffenen verschwinden die Schmerzen innerhalb eines Jahres.

Eine operative Behandlung ist nur der letzte Ausweg, wenn alle anderen Therapien versagt haben.

Konservative Therapiemöglichkeiten im Überblick

  • Entlastung / Unterbrechung der Sportaktivität
  • Kühlen und Schmerzmittel gegen die Beschwerden
  • Krankengymnastik: Dehnen und Kräftigen der Muskulatur
  • Physikalische Therapie: Massagen, Kältebehandlung im akuten Stadium und nach intensiver Belastung, Wärmebehandlung im chronischen Stadium
  • Tapeverband oder Unterarmspange (kann auch zur Prävention dienen)
  • Einnahme von Entzündungshemmern
  • Elektrotherapie zur Verbesserung der Durchblutung
  • Infiltrationstherapie (Bestimmte Medikamente wie Betäubungsmittel oder Cortison werden im betroffenen Bereich gespritzt)
  • Weitere Therapien sind möglich, deren Wirksamkeit wurden aber bislang nur durch wenige Studien belegt

Tennisarm operieren?

Grundsätzlich ist eine konservative Therapie vorzuziehen, da ein operative Therapie immer ein Risiko birgt und den Körper in eine Stresssituation bringt. Zumal die konservative Therapie beim Tennisarm eine gute Heilungschance bietet. Lediglich bei einer Minderheit der Betroffenen ist eine Tennisarm-OP unvermeidlich.

Lassen sich über mehrere Monate keine erfolgreichen Ergebnisse erzielen oder treten Begleitverletzungen auf, ist ein operativer Eingriff ratsam. "Operiert wird, wenn die konservative Therapie frustran ist, also wenn konservative Maßnahmen nicht erfolgreich sind", erklärt Dr. Dreyer.

Dabei wird der Sehnenursprung der Streckermuskeln durchtrennt. Manchmal werden zusätzlich zwei Millimeter der Knochenkuppe des Knochenvorsprungs am Oberarmknochen abgeschlagen. Ziel der OP ist es, das Gewebe zu entlasten.

Prävention

Vorbeugend empfehlen sich gymnastische Übungen zur Stärkung der Unterarm-Muskeln und der Ellenbogensehnen, um die Gesamtbeweglichkeit des Arms zu unterstützten.

Des Weiteren empfehlen sich gerade bei sportlichen Aktivitäten oder im Berufsleben Kinesio-Tapes oder Schienen, die den Ellenbogen entlasten. Tape kann sowohl präventiv als auch zur Behandlung eingesetzt werden. Allerdings bringt es auch Nachteile mit sich: "Das Tape kann auch eine Bewegungseinschränkung und Fehlbelastung nach sich ziehen", weiß Dr. Dreyer.

Tennisarm tapen

Um den Ellenbogen richtig zu tapen, benötigt man zwei Tapestreifen in I-Form. Vor dem Anbringen sollte die Haut von Cremes und Ölen gereinigt und mit Alkohol abgerieben werden.

So funktioniert's:

  • Arm nach vorne ausstrecken und Handgelenk beugen
  • Ein Ende des Tapes ohne Zug auf den Handrücken kleben
  • Das Tape unter Zug bis unterhalb des Ellenbogens kleben
  • Das zweite Tape unterhalb der Ellenbogenbeuge unter Zug schräg über das erste Band kleben
  • Mehrmals über das Tape fahren, um die Haltbarkeit zu vergrößern

Das Tape sollte ungefähr eine Woche halten. Duschen, Schwimmen und sonstiger Sport ist mit dem Tape jederzeit möglich.

Unterarmspange statt Tape

Oft wird statt dem Tape auch eine Unterarmspange verwendet, eine sogenannte Epicondylitis-Spange. Diese wird kurz unter dem Ellenbogengelenk auf den Unterarm gesetzt. Dort entlastet sie die Unterarmsehnen und stabilisiert die Muskulatur. Diese sind aber eine reine Präventionsmaßnahme. Bei bereits vorhandenen Schmerzen hat die Spange keine heilende Wirkung.

Grundsätzlich gilt es, dass ein verantwortungsbewusster Umgang mit dem eigenen Körper die beste Prävention ist. Bei ersten Schmerzen oder Ermüdungserscheinungen ist eine Ruhepause ratsam, die oft schon zur Erholung des Ellenbogengelenks ausreicht.

Prävention im Tennis

Für Sportler gilt bei der Vermeidung eines Tennisarms wie immer: Die Prophylaxe steht über allem. Gerade für Anfänger ist es daher wichtig, die eigenen Fertigkeiten richtig einzuschätzen und das passende Sportgerät zu wählen.

Die Bespannungshärte des Schlägers sollte dabei 26-27 Kilopond nicht überschreiten. Der Griffumfang sollte dem individuellen Abstand von der Handflächenmitte bis zur Spitze des Mittelfingers entsprechen. Da insbesondere eine falsche Griff- und Schlagtechnik einen Tennisarm hervorrufen können, ist es sinnvoll, diese mittels einer Videoanalyse zu kontrollieren.

Die schnelle Checkliste vor und während der Sportaktivität

  • Gut aufwärmen und dehnen
  • Warmhalten bei Belastung
  • Bei ersten Anzeichen von Schmerzen eine Pause machen
  • Videokontrolle zum Technikstudium
  • Qualität von Schläger, Bespannung, Griffdicke überprüfen

"Volkskrankheit" auf der ATP-Tour?

Im professionellen Tennis würde man mit einem überproportionalen Auftreten des Tennisarms rechnen. Aber überraschenderweise sind Spieler, die daran leiden selten anzutreffen. Richard Gasquet litt an einem Tennisarm und bei Andy Roddick wurde immer wieder darüber spekuliert.

Vielleicht liegt die niedrige Quote daran, dass die Profis einfach nicht gern über einen Tennisarm reden. Eine der wenig bekannten Aussagen zum Tennisarm ist von Billy Jean King aus dem Jahr 1969. "Es war ein schlechtes Jahr für mich. Mein linkes Knie war OK, aber ich musste über sieben Monate mit einem schlimmen Tennisarm kämpfen."

Tennis French Open Billie Jean King Billie Jean King im Finale der French open 1972
Tennis French Open Billie Jean King Billie Jean King im Finale der French open 1972 © Getty Images

Der andere Grund könnte aber sein, dass die stärker ausgeprägte Arm- und Handmuskulatur der Profis sowie eine korrekte Technik die Belastung auf den Ellenbogen verringert. Auch SPORT1-Experte Dr. Dreyer behandelt selten Tennisspieler mit dieser Verletzung. "Der Profisportler kann auf Anzeichen besser prophylaktisch reagieren, weil er eine bessere medizinische Betreuung hat." Klassisch trete der Tennisarm auch während der Vorbereitung auf. "Viel machen, wenig trainiert sein, vielleicht sogar ein muskuläres Ungleichgewicht haben - dann kann ein Tennisellenbogen entstehen."

Dazu tritt der Tennisarm verstärkt ab dem 40. Lebensjahr auf. Ein Alter, in dem Tennis-Profis meist schon ihre Karriere beendet haben. Aber warum gerade in diesem Alter? "Oft sind die Leute ab 40 Jahren nicht mehr so fit, wollen aber in kurzer Zeit viel trainieren, ohne sich richtig darauf vorzubereiten. Gleichzeitig altert auch das Gewebe und die Regenerationszeit der Strukturen nimmt ab", erklärt der Mediziner.

Dr. med. Florian Dreyer ist Facharzt für Orthopädie und leitender Oberarzt im Zentrum für Fuß- und Sprunggelenkchirurgie der Schön Klinik München Harlaching. Neben der Durchführung von über 3500 Operationen an Fuß und Sprunggelenk werden hier in einem der weltweit größten Schwerpunktzentren internationale Sportler aus Breiten-, Leistungs- und Spitzensport mit medizinischen Fragestellungen zu Fuß und Sprunggelenk betreut und versorgt. Seit 2007 betreut er die Bob- und Skeleton-Nationalmannschaft des Bob- und Schlittenverbands für Deutschland. Dr. Dreyer war 2018 als Olympiaarzt bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang tätig. Seit einigen Jahren leitet er zudem das medizinische Team der Beachhandball-Nationalmannschaften des Deutschen Handballbundes. Neben der Versorgung von internationalen Leistungssportlern fungiert er zudem als Ansprechpartner für leistungsorientierte Mannschaften diverser Sportarten im Großraum München.

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