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München - Der Hamburger SV bricht gegen den VfB Stuttgart erneut ein. Verspielt der HSV erneut den Aufstieg in die Bundesliga?

Zwischen purer Glückseligkeit und maximaler Frustration lagen beim Hamburger SV am gestrigen Abend gerade einmal 45 Minuten.

Noch zur Halbzeit führten die Rothosen im Top-Spiel der 2. Bundesliga beim VfB Stuttgart mit 2:0 und schienen auf dem besten Weg zu sein, den zweiten Tabellenplatz zu sichern und den Vorsprung auf Stuttgart auszubauen. Erst traf Leih-Stürmer Joel Pohjanpalo nach einem Eckball zur Führung (16.), kurz vor dem Pausenpfiff erhöhte Kapitän Aaron Hunt (45.) per Elfmeter auf 2:0.

Die Mannschaft von Trainer Dieter Hecking legte bis dahin einen souveränen Auftritt hin und wirkte im Gegensatz zum VfB stabiler.

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Davon war in der zweiten Halbzeit dann nichts mehr zu sehen: 1:2 nach gerade einmal 120 Sekunden, Ausgleich per Elfmeter durch den starken Nicolas Gonzales (60.), Knock-Out in der Nachspielzeit. Stuttgart drehte das Spiel, der HSV versinkt in Ratlosigkeit. Wiederholt sich die Geschichte von zerplatzten Aufstiegsträumen etwa schon wieder?

Droht dem HSV ein Déja-vu?

Bereits in der vergangenen Saison sind die Hamburger an dieser Herausforderung im letzten Drittel der Saison gescheitert. Zwei Schlüsselerlebnisse haben diesen Verlauf maßgeblich geprägt. Einerseits der furiose 4:0-Sieg im Stadtderby gegen den FC St. Pauli Anfang März, der eine riesige Welle der Euphorie ausgelöst hat. Spieler feierten bis in die Morgenstunden, als hätten sie gerade ein Finale um die deutsche Meisterschaft gewonnen.

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Eine Woche später bekam der HSV das andere Extrem zu spüren: Nach einer 2:0-Führung im Heimspiel gegen den SV Darmstadt gab die Mannschaft das Spiel noch aus der Hand und verlor am Ende – wie gestern in Stuttgart – doch noch mit 2:3. Die negative Dynamik war fortan nicht mehr aufzuhalten. Aus den restlichen sieben Ligaspielen gewann der HSV nur noch eines und landete am Ende auf Platz Vier. Aufstieg verspielt.

HSV nahm radikale Korrekturen vor

Damit sich diese Geschichte nicht wiederholt, nahmen die Verantwortlichen im vergangenen Sommer eine radikale Kurskorrektur vor.

Sportvorstand Ralf Becker wurde durch Jonas Boldt ersetzt, Hannes Wolf musste auf der Trainerbank für den erfahrenen Dieter Hecking weichen. Bloß keine Experimente mehr, lautete die Devise aus den Vorstandsbüros. Ein zweites Mal am Ziel Wiederaufstieg in die Bundesliga zu scheitern würde dieser Klub nicht mehr so einfach verkraften.

Auch der Kader wurde massiv umgekrempelt. Mehr als ein Dutzend Spieler mussten gehen, mindestens genauso viele kamen neu hinzu. Zumindest im ersten Drittel der laufenden Saison schien dieser Plan voll aufzugehen. Das zwischenzeitliche Highlight: ein 6:2 gegen den VfB Stuttgart im eigenen Stadion, Tabellenführer mit 24 Punkten, nur einer Niederlage aus den ersten elf Spielen.

Zu diesem Zeitpunkt sprach nichts dafür, dass die Saison noch mal einen dramatischen Verlauf erleben würde. Unter Hecking wirkte der HSV im Gegensatz zu seinen Vorgängern deutlich stabiler. Endlich war so etwas wie Ruhe in den Verein eingekehrt.

HSV mit desaströser Bilanz

Seit diesem 6:2 im Hinspiel sieht die Bilanz für einen Aufstiegsaspiranten allerdings desaströs aus. Aus den letzten 17 Spielen gewann der HSV gerade einmal vier Spiele und holte insgesamt nur 19 Punkte. Ganze 13 Punkte ließen die Hamburger in dieser Spielzeit liegen, weil es mehrfach nicht gelang, eine Führung über die Zeit zu bringen (Service: Tabelle der 2. Bundesliga).

Auch im ersten Spiel nach der Corona-Pause gegen Greuther Fürth (2:2) fiel der Ausgleich kurz vor Spielende. Die Entwicklung des HSV seit Ende des vergangenen Jahres ist wie ein Spiegelbild der letzten Saison. Der Mannschaft scheint immer dann die Puste auszugehen, wenn es drauf ankommt. Eklatante Schwächen bei Standardsituationen konnten genauso wenig behoben werden wie Probleme beim Herausspielen von Torchancen.

Dabei fällt besonders auf, wie sehr dieses Team von individueller Qualität abhängig ist. Wenn Linksverteidiger Tim Leibold (13 Vorlagen, 1 Tor) oder Außenstürmer Sonny Kittel (11 Tore, 4 Vorlagen) nicht funktionieren, kommen aus der Mannschaft sonst kaum Impulse. Vor der Saison wurden jedoch über zwölf Millionen Euro in Neuzugänge investiert. Für einen Zweitligisten ist das viel Geld.

Nach dem herben Rückschlag in Stuttgart wird in Hamburg wohl oder übel wieder eine Grundsatzdiskussion ausbrechen. Woran liegt es denn diesmal? Ist der Kader doch nicht so gut wie gedacht? Kommt die Mannschaft mit dem Druck nicht klar? Oder muss schon wieder ein Trainerwechsel herhalten?

Zweifel an Hecking wachsen

"Ein extrem bitterer Abend. Das sind Dinge, die kann man nicht erklären. Wir müssen die mentale Enttäuschung verarbeiten", analysierte Dieter Hecking bei Sky. Dafür bliebt ihm nicht viel Zeit. Sein eigenes Standing im Klub hat durch die Entwicklung der letzten Wochen und Monate ein paar Schrammen abbekommen.

Glaubten die meisten rund um den HSV vor der Saison, dass der 55-Jährige der Einzige sei, dem diese Herausforderung zuzutrauen ist, mehren sich inzwischen die kritischen Stimmen gegen ihn.

Allerdings ist es höchst fragwürdig, ob sich dieser Verein, der in letzten Jahren alles mehrfach ausgetauscht hat, was man so austauschen kann – Spieler, Trainer, Manager oder Vorstände – schon wieder eine Trainerdiskussion erlauben darf. Die Ursache für die immer wiederkehrenden Krisen liegt wahrscheinlich woanders.

Die Frage ist nur: Wo sonst, wenn nicht beim verantwortlichen Personal?

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