vergrößernverkleinern
Reinhard Grindel ist Schatzmeister des DFB
Reinhard Grindel ist Schatzmeister des DFB © Getty Images
Lesedauer: 5 Minuten
teilenE-MailKommentare

München - Reinhard Grindel soll den größten Sportverband der Welt führen. Doch das Echo über den Berufspolitiker ist negativ. Der designierte DFB-Präsident im SPORT1-Porträt

Reinhard wer? So werden viele Fußball-Fans denken, die den Namen des designierten DFB-Präsidenten am Dienstag zum ersten Mal gehört haben.

Der Mann, der nach dem Willen der Amateurvertreter ab 2016 den größten Sportverband der Welt führen soll, war bisher in der DFB-Spitze nur ein Mitläufer.

Zwar gehört Reinhard Grindel seit rund zwei Jahren als Schatzmeister zur engeren Verbandsführung, doch selbst DFL-Vize und DFB-Präsidiumsmitglied Harald Strutz kennt seinen künftigen Präsidenten "nur vom Sehen", wie er kürzlich zugab.

Anzeige

Die Vertreter der Profiklubs mit Interimspräsident Reinhard Rauball an der Spitze hätten ohnehin lieber erst den WM-Skandal in Ruhe aufgeklärt und dann einen neuen DFB-Boss gesucht.

Profiklubs über Alleingang schwer verärgert

Entsprechend groß ist der Ärger über den Alleingang der Amateure. Borussia Dortmunds Vorstandsboss Hans-Joachim Watzke spricht von einem "sehr unfreundlichen Akt" und einer "sehr unschönen Geschichte": "Wir fühlen uns brüskiert", macht er im kicker deutlich und droht unterschwellig: „Man sollte die Möglichkeiten des Profifußballs nicht unterschätzen. Wenn man meint, man müsste uns vor vollendete Tatsachen stellen, muss man sich im Klaren sein, dass der größte Wert des DFB, die Nationalmannschaft, von Spielern gebildet wird, die wir bezahlen."

Dennoch haben die Vertreter der Regional- und Landesverbände, die bei der Wahl zwei Drittel der Delegierte stellen, mit ihrer einstimmigen Entscheidung für Grindel in Hannover bereits Fakten geschaffen. Was auch in der Politik für Unverständnis sorgt.

"Noch ist nichts aufgeklärt, aber Hauptsache die Posten beim DFB werden schnell verteilt. Ich frage mich, warum die Interimspräsidenten nicht bis zum nächsten DFB-Bundestag im Amt bleiben dürfen, um mit Bedacht eine neue Führung vorzuschlagen. Ich kann mir die Eile, mit der das jetzt durchgepeitscht wurde, nicht erklären", sagt der Sportpolitiker Özcan Mutlu zu SPORT1.

Der Grünen-Abgeordnete sieht seinen CDU-Bundestagskollegen Grindel auch aufgrund der gemeinsamen Arbeit im Sportausschuss skeptisch. In seiner Doppelrolle als DFB-Funktionär und Sportpolitiker habe der 54-Jährige "wenig Erhellendes" zur Aufklärung des WM-Skandals beigetragen und eher "Nebelkerzen gezündet".

"Machtmensch", "Geheimnisträger", "Karrierist"

Auch sonst ist außerhalb der DFB-Amateure wenig Positives über Grindel zu vernehmen, seit er plötzlich in der Öffentlichkeit steht. Er gelte als "karriereorientierter Machtmensch", schrieb die Süddeutsche Zeitung. Der Deutschlandfunk bezeichnete ihn als "DFB-Lobbyist" und "Geheimnisträger im Ehrenamt", und selbst die heimische Kreiszeitung aus seinem Wahlkreis Rotenburg betitelte ein Porträt mit der Überschrift "Der Karrierist".

Der Aufstieg des Juristen vom Mitarbeiter beim Privatradio zum ZDF-Studioleiter in Berlin und Brüssel und ab 2002 als Berufspolitiker scheint das zu bestätigen. Zumal sich Grindel mit einigen Aktionen im Bundestag angreifbar gemacht hat.

Etwa, als sich der frühere Antikorruptionsbeaufragte des DFB kurz nach seiner Wahl zum Schatzmeister im Bundestag bei der Abstimmung über ein Gesetz zur Strafbarkeit von Abgeordnetenbestechung als einer von nur sieben Abgeordneten enthielt - bei 582 Ja-Stimmen.

Umstrittene Rede, umstrittener Brief

Oder mit seiner Bundestagsrede gegen die geplante doppelte Staatsangehörigkeit für Jugendliche mit Migrationshintergrund vor zwei Jahren, die zu einem offenen Protestbrief mehrerer Mitglieder an den DFB führte. Darin heißt es unter anderem, Grindels "Ausführungen glichen Stammtischparolen" und seien "vorurteilsbeladen".

Der Verband antwortete darauf in einem von Präsident Wolfgang Niersbach und Generalsekretär Helmut Sandrock gezeichneten und zuletzt in der Berliner Zeitung veröffentlichten Schreiben, mit Grindel sei vereinbart, "dass er zukünftig parteipolitisch umstrittene Themenfelder nicht in den Mittelpunkt seiner politischen Arbeit stellen wird". Grindel bestreitet eine solche Absprache, bezichtigt also Niersbach und Sandrock somit, die Unwahrheit zu behaupten.

In dieses Bild passt Grindels fragwürdige Aussage nach seiner Wahl zum DFB-Schatzmeister. "Ich habe vor, bei meiner Arbeit in Berlin etwas kürzer zu treten", erklärte er damals - und verpasste seither 16 namentliche Abstimmungen im Bundestag.

Wenn du hier klickst, siehst du Youtube-Inhalte und willigst ein, dass deine Daten zu den in der Datenschutzerklärung von Youtube dargestellten Zwecken verarbeitet werden. SPORT1 hat keinen Einfluss auf diese Datenverarbeitung. Du hast auch die Möglichkeit, alle Social Widgets zu aktivieren. Hinweise zum Widerruf findest du hier.
Alle Akzeptieren
Einmal Akzeptieren

Erst seit 2011 als Fußball-Funktionär tätig

Vor seinem rasanten Aufstieg im Verband hatte Grindel, der selber nur bis zur B-Jugend kickte, mit Fußball wenig zu tun. Erst Ende 2011 machte ihn sein CDU-Parteikollege Karl Rothmund, Präsident des Niedersächsischen Fußballverbandes, dort zum Vizepräsidenten. Zwei Jahre später schaffte er dann bereits als Schatzmeister den Sprung in die engere DFB-Führung.

Daher sind die Zweifel groß, dass ausgerechnet ein solch ausgebuffter Polit- und Medienprofi ohne wirkliche Verwurzelung an der Basis für die dringend nötige Transparenz und den geforderten Neuanfang im DFB stehen soll.

"Ich würde mich freuen, wenn wir vom Gegenteil überzeugt werden und Reinhard Grindel tatsächlich einen echten Reformprozess von innen anstößt, um weiteren Schaden vom deutschen Sport und Fußball abzuwenden", sagt Özcan Mutlu zu SPORT1. "Die Hoffnung stirbt zuletzt."

Nächste Artikel
previous article imagenext article image