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Karl-Heinz Schnellinger (l.) im Dress des AC Mailand mit Uwe Seeler vom HSV
Karl-Heinz Schnellinger (l.) im Dress des AC Mailand mit Uwe Seeler vom HSV © imago
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Ein Tor hat Karl-Heinz Schnellinger unvergessen gemacht, seine Karriere aber ein wenig in den Hintergrund gerückt. Am 31. März wurde Carlo der Blonde 80 Jahre alt.

Man kann eine Karriere auf ein Minimum reduzieren. Auch wenn es unfair ist. Unangemessen. Doch es kommt vor. Und manchmal ist es schwierig ist, sich dagegen zu wehren.

"Ausgerechnet Schnellinger" - diese beiden von Reporter-Legende Ernst Huberty trotz des hochemotionalen Moments für die heutige Zeit so ungewohnt lapidar und nahezu desinteressiert dahingesagten Worte verfolgen Karl-Heinz Schnellinger bis heute.

Seine Laufbahn mit zwei Worten zusammengefasst. Weniger geht kaum, obwohl sie so viel mehr ist als das. Und dann auch noch ausgerechnet diese Szene, möchte man hinzufügen. Das 1:1 im WM-Halbfinale 1970 gegen Italien in der 90. Minute. Ja, okay, Schnellinger war zu der Zeit Italien-Legionär.

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WM-Halbfinale 1970 "ein Scheiß-Spiel"

Aber zum einen war es in den ersten 90 Minuten "ganz einfach ein Scheiß-Spiel. Da ist nicht viel passiert. Hätte es nicht die Verlängerung gegeben, würde heute kein Hahn mehr danach krähen", sagte Schnellinger einmal. 100.000 Zuschauer im Azteken-Stadion in Mexiko-City, 50 Grad im Schatten, dazu ein frühes italienisches Tor durch Roberto Boninsegna – man kann nicht behaupten, dass sich danach ein Offensivspektakel entwickelte. Trotzdem fieberten in der Heimat mitten in der Nacht Millionen mit.

Das Tor gegen Italien von Karl-Heinz Schnellinger, das erst die legendäre Verlängerung im WM-Halbfinale ermöglichte © Imago

Und doch ist dieses Tor kein Fluch, sondern auch ein Segen. Es war sein einziges im Trikot der Nationalmannschaft, für die der Abwehrspieler zwischen 1958 und 1971 vier Weltmeisterschaften und 47 Spiele absolvierte. Eine Erinnerungstafel am Azteken-Stadion verweist auf dieses Spiel, das er erst ermöglichte. "Ohne dieses Tor hätte man mich vergessen", sagt Schnellinger, der es als ein Geschenk vom lieben Gott bezeichnet.

Als "ein Geschenk von oben. Das ist die einzige Sache, an die man sich im Zusammenhang mit mir noch erinnern wird: Sie bleibt für immer. Selbst wenn ich gestorben bin, werden die Leute darüber sprechen."

Schnellingers Vermächtnis

Dabei hat er in seiner Karriere viele andere erinnerungswürdige Erfolge gefeiert. Im Grunde sind die weitaus erinnerungswürdiger als ein Tor, das letztlich sportlich bedeutungslos war. Und auch nicht mal schön. Er grätschte eine Flanke von Jürgen Grabowski mit rechts ins Tor, warf sich mehr oder weniger in den Ball, eine Verzweiflungstat, die historisch wurde. Sein Vermächtnis sozusagen.

Schnellinger begann seine Karriere in der Heimat bei der SG Düren 99 und schaffte 1958 bei dem damaligen Zweitligisten den Sprung in die Nationalmannschaft, mit gerade einmal 19 Jahren. Anschließend wechselte er zum 1. FC Köln, wurde 1962 Meister und Deutschlands Fußballer des Jahres.

Karl-Heinz Schnellinger (Mitte) mit Günter Netzer (r.) © Getty

Was heute der typische Werdegang ist, war damals eine echte Seltenheit: Schnellinger verließ den Klub noch vor der Gründung der Bundesliga 1963 in Richtung Italien. Er war einer der ersten Legionäre, der dem Ruf des Geldes folgte: 500.000 D-Mark Ablöse strich der FC ein, Schnellinger bekam ein Handgeld von 350.000 Mark. Er gibt aber rückblickend auch zu: Hätte es die Bundesliga damals etwas früher gegeben, wäre er wohl nicht gegangen. Aber es habe keine andere Möglichkeit gegeben damals, als man laut Schnellinger nur 24 Mark verdiente.

Titel um Titel in Italien

"Wir haben damals Pionierarbeit geleistet. Im Gegensatz zu Deutschland konnte man in Italien als Fußballer wirklich gut verdienen", erklärt Schnellinger, der nach wie vor in Mailand lebt. Dort feierte er auch seinen Geburtstag, ohne Tamtam, dafür mit der ganzen Familie, also mit Frau Ursel, den drei Töchtern und den vier Enkelkindern.

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Denn in Italien wurde er berühmt, ein Weltstar, kam herum, sah etwas von der Welt, und konnte weit mehr feiern als nur ein Tor: Nach je einer Saison beim FC Mantua und dem AS Rom wechselte er zum AC Mailand. Dort gewann er in neun Jahren einen Titel nach dem anderen: Italienischer Meister 1968, Pokalsieger 1964, 1967, 1972, 1973, Europapokalsieger der Pokalsieger 1968, 1973, Europapokalsieger der Landesmeister 1969 und Weltpokalsieger 1969.

Was bleibt, sind viele Momente, an die er sich immer noch erinnert. Auch an die Bundesliga, in der er als 35-Jähriger eine einzige Saison (19 Spiele für Tennis Borussia Berlin) spielte, ehe er seine Karriere 1975 beendete.

An ihn wiederum erinnern sich die meisten aufgrund seines Tores, denn es waren andere Zeiten. Ohne die mediale Aufmerksamkeit, ohne die ganz große Berichterstattung, durch die man als Legionär im Ausland in Deutschland mehr oder weniger unter dem Radar blieb. Kein Twitter, kein Instagram, kein Hype, kein Trara. Aber auch deutlich weniger Geld, Legionär hin oder her.

200 Euro im Monat

Es war eine ganz andere Welt als heute.

Dem heutigen Geschacher im Fußball um Menschen und Millionen kann Schnellinger deshalb nicht viel abgewinnen. "Es ist nicht so, dass die Fußballer daran schuld sind", sagte er der dpa. "Ich glaube, es gibt keinen Fußballer, der alleine zum Präsidenten oder zu einem Verein gegangen wäre und gesagt hätte, ich will soundso viel Millionen. Heute machen das die anderen, die Promoter und die Manager, die verdienen wahrscheinlich noch mehr als die Fußballspieler."

Er verrät kein Geheimnis, wenn er sagt: "Wir haben damals keine Millionen verdient, die bis zum Lebensende reichten." Er hat nach der Karriere als PR-Mann bei einem Lebensmittelunternehmen sein Geld verdient.

"Stellen Sie sich vor: Ich habe für Deutschland mehr als 40 Länderspiele gespielt, vier Weltmeisterschaften, und dann ist der Dank, dass man 200 Euro im Monat bekommt. Da kann man nichts machen, da kümmert sich keiner drum, das ist den Leuten egal."

Ausgerechnet Schnellinger, möchte man fast entgegnen.

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