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Aufgrund der Coronakrise steht der deutsche Fußball still. Für viele Klubs könnte es zum finanziellen Kollaps kommen. Sie wären nicht die ersten.

Die Aussagen von DFL-Geschäftsführer Christian Seifert am Montag verblüfften die Fußballfans. Er malte das Schreckgespenst einer Pleitewelle im deutschen Profifußball an die Wand, sollte die Saison nicht zu Ende gespielt werden.

Erstmals seit Bestehen der DFL sei dann mit Insolvenzen zu rechnen. Pleiten im Milliardengeschäft Bundesliga? Kaum vorstellbar. Auch deshalb weil es seit DFL-Bestehen (2001) in der Tat keine gegeben hat.

Jedenfalls nicht unmittelbar. Mancher Ex-Zweitligist musste dann eben in unteren Ligen den Laden dicht machen wie aktuell Wattenscheid 09 oder Rot-Weiß Erfurt, zwei Oberligisten, die mit 0 Punkten am Tabellenende stehen und als Absteiger feststehen.

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Als es noch keine DFL, kein Pay-TV und keinen Zuschauerboom gab, gab es Insolvenzen und Konkurse aber auch schon mal im Profibereich, oft verbunden mit Lizenzentzügen. SPORT1 gibt eine Übersicht:

1973 - Tasmania Berlin:

Die Berliner litten noch lange unter den Auswirkungen ihrer einzigen Bundesligasaison 1965/66, die sportlich (Letzter) und finanziell ein Fiasko wurde. Schon 1966 beantragten sie vom DFB Überbrückungsgeld, um die Gehälter zahlen zu können. Der angehäufte Schuldenberg wuchs in der zweitklassigen Regionalliga Berlin auf 800.000 DM, 1973 kam es zum Lizenzentzug - und zum Neustart in der C-Klasse unter neuem Namen. Aus Tasmania 1900 wurde Tasmania 1973.

1976 - Mainz 05:

Der heutige Bundesligist gab seine Lizenz für die 2. Liga Süd als erster deutscher Profiklub wegen "wirtschaftlicher Schwierigkeiten" freiwillig zurück.

1977 - Bonner SC:

Der damalige Hauptstadtklub hatte die Liga (2. Liga Nord) zwar sportlich gehalten, doch wurde ihm die Lizenz entzogen. "Ich begreife den DFB nicht, mit diesem Urteil droht uns der Konkurs", klagte Präsident Heinz Bode. Doch der DFB blieb angesichts von damals exorbitanten Schulden in Höhe von 1,2 Millionen DM hart.

Bezeichnend für die damalige wirtschaftliche Situation der Zweitligisten, dass die ersten möglichen Nachrücker Göttingen 05 und Wacker 04 Berlin darauf verzichteten, Bonns Platz einzunehmen. Den bekam dann der Vorletzte, Union Solingen.

1977 - Röchling Völklingen:

Einer der ersten Werksklubs im deutschen Profifußball gab nach drei Jahren 2. Liga Anfang Mai 1977 seine Lizenz freiwillig zurück. Die wirtschaftliche Lage mache es unmöglich, die Spieler weiter zu bezahlen, teilte der Vorstand mit. So rettete sich Aufsteiger Eintracht Trier in die nächste Saison der 2. Liga Süd.

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1979 - FC St. Pauli:

Ein Jahr nach der ersten Bundesligasaison stieg St. Pauli auch aus der 2. Liga ab. Der 6. Platz war nach dem Lizenzentzug Makulatur. Das Desaster bahnte sich schon früh an und wurde offensichtlich, als der Ex-Spieler Dieter Schiller im August 1978 die Einnahmen des ersten Heimspiels direkt von den Kassenhäuschen wegpfänden ließ, da ihm noch 39.000 DM Gehalt und Prämien zustanden. Bei der Gesamtschuldensumme von sechs Millionen DM beinahe Peanuts für den Kiezklub.

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1979 - Westfalia Herne:

Den Klub Hans Tilkowskis hatte es schon zum Start in die Saison 79/80 erwischt, als der einst schwerreiche Mäzen und Tankstellenbesitzer Erhard Goldbach wegen Steuerhinterziehung inhaftiert wurde und sein Unternehmen Konkurs anmelden musste. Besonders fatal, da Westfalia als einer der ersten Klubs seine Fußballabteilung ausgegliedert hatte, sie wurde nur von Goldbachs Geld getragen.

Nun wurde Westfalia aus dem gerade anlaufenden Spielbetrieb der 2. Liga Nord herausgezogen und durch RW Lüdenscheid (eigentlich abgestiegen) ersetzt, das Auftaktspiel gegen Herford vor dem Anpfiff kurzerhand zum Freundschaftsspiel erklärt. "Wir schwimmen unter Wasser - ohne Luft", schilderte Hernes Geschäftsführer Exner die Lage des Vereins, der in der Amateur-Oberliga verschwand und bis heute kein Profispiel mehr absolviert hat.

1982 - TSV 1860 München:

Mit Gründung der eingleisigen 2. Liga wollte der DFB eigentlich seine Profiklubs stabilisieren, wenn er auch die Anzahl der Zweitligisten halbierte. Trotzdem erwischte es gleich in der Auftaktsaison einen Ex-Meister. Die Löwen, gerade aus der Bundesliga abgestiegen, stellten zwar mit Rudi Völler den Torschützenkönig (37 Treffer sind Rekord bis heute) und wurden Vierter, aber wegen acht Millionen Mark Schulden in die Oberliga Bayern versetzt: Lizenzentzug.

Auch Notverkäufe wie ein Teil der Turnhalle (!) und von Supertalent Herbert Waas konnten den DFB nicht mehr umstimmen. Sogar eine Klage vor dem Landgericht Frankfurt wurde geführt - vergebens. Für zehn Jahre verschwanden sie im Amateurfußball.

1988 - Rot-Weiß Oberhausen:

RWO feierte noch am letzten Spieltag den vermeintlichen Klassenerhalt dank einer um fünf Treffer besseren Tordifferenz gegenüber Bayreuth, doch der Brief vom DFB machte der Party ein Ende: Lizenzentzug. Grund: 1,5 Millionen DM Schulden und frisierte Bilanzen. DFB-Justiziar Götz Eilers: "Wir sind jahrelang von RWO an der Nase herumgeführt worden." Bayreuth blieb drin.

1989 - Kickers Offenbach:

Fünf Jahre nach dem letzten Bundesligaabstieg mussten die Hessen auch das Unterhaus verlassen. Wegen einer Lappalie, im Vergleich zu anderen Pleiteklubs: eine Bank. Über 800.000 DM fehlte in den Lizenzierungsunterlagen. Als der OFC eine private Bürgschaft in gleicher Höhe nachlieferte, war die Frist schon abgelaufen.

Wieder ersparte das Bayreuth den Abstieg. Der OFC kehrte noch zweimal für insgesamt vier Jahre zurück (1999 und 2005), kämpft heute in der Regionalliga Südwest ums Überleben.

1991 - Rot-Weiß Essen:

Obwohl dem Traditionsklub und Meister von 1955 noch über 6000 Zuschauer pro Heimspiel die Treue hielten, wurde er 1991 der Liga verwiesen: Lizenzentzug wegen einer Liquiditätslücke von 1,3 Millionen DM – und Darmstadt 98 blieb drin.

1992 - Blau-Weiß 90 Berlin:

Die Achterbahnfahrt des Berliner Klubs, der 1984 in die 2.Liga und 1986 gar in die Bundesliga aufstieg, erfuhr die nächste Wendung: Am 28. Juni 1992 musste der hochverschuldete Verein Konkurs anmelden und seinen Platz an Fortuna Köln übergeben. Blau-Weiß gründete sich neu und begann als SV BW 92 ganz unten.

1994 - Rot-Weiß Essen:

Manche lernen's nie. Kaum zurückgekehrt, musste RWE schon wieder gehen. Bei der Lizenzierung hatten die Essener geschummelt und einen Vertrag mit dem Hauptgläubiger unterschlagen. "Bei Kenntnis des Sachverhalts wäre die Lizenz damals nicht erteilt worden", verkündete der DFB. Der vom Ex-Präsidenten Manfred Himmelreich geschlossene "Nachbesserungsvertrag" schickte RWE in die Hölle.

Mitten in der Saison wurde ihnen im Februar die Lizenz wegen "arglistiger Täuschung" wieder entzogen und die Spiele zählten nur für den Gegner. Kurios dass das Team in dieser Lage ins Pokalfinale kam, wo es Werder Bremen tapfer 1:3 unterlag. 1996 kam RWE letztmals zurück, stieg sofort wieder ab. Aktuell spielen sie im bundesligaerprobten Georg-Melches-Stadion in der Regionalliga West.

1995 - Dynamo Dresden:

In diesem Jahr erwischte es zum ersten Mal einen Bundesligisten, und dessen Fall war besonders hart. Dynamo war nach der Wiedervereinigung 1991 in die Bundesliga aufgenommen worden und kämpfte vom ersten Tag auch ums wirtschaftliche Überleben. Wegen Lizenzverstößen mussten die Sachsen 1993/94 schon einen Punktabzug verkraften und starteten bei minus vier.

Unter Trainer Siggi Held retteten sie sich trotzdem, sogar vorzeitig. 1994/95 wurden sie freilich Letzter. Wegen Überschuldung (18 Millionen DM) und Knebelverträgen mit Werbepartner SORAD gab es auch keine Lizenz für Liga 2 - gleich zwei Klassen tiefer auf einmal, das war ein Novum. Für die Fans kam der Schuldige aus dem Westen: Präsident Rolf-Jürgen Otto, ein Hesse. Der schob alles auf Vorgänger Rolf-Jürgen Ziegbalg: "Die Altlasten erdrücken uns." Heute spielt Dynamo 2. Liga, ins Oberhaus kamen sie nie mehr zurück.

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1995 - 1. FC Saarbrücken:

Das Gründungsmitglied der Bundesliga musste diese letztmals 1993 mit einem Batzen Schulden verlassen. 1995 wurden sie in der 2. Liga zwar beachtlicher Siebter, aber die Lizenz bekamen sie wegen nicht testierter Bilanzen und 4,3 Millionen DM Schulden nicht.

Ihrem Pech und dem der Dresdner verdankten der 1. FC Nürnberg und der FSV Zwickau ein weiteres Zweitligajahr. Saarbrücken kam wieder, stieg noch zweimal ab und hat die 2. Liga zuletzt 2006 verlassen. Wo sie jetzt spielen, hat jeder mitbekommen: schließlich sind sie aktuell der erste Regionalligist, der je ein Pokalhalbfinale erreicht hat: falls das denn noch stattfindet.

2002 - SSV Reutlingen:

Falsche Lizenzangaben und geplatzte Bürgschaften über 900.000 Euro zwangen die DFL zum ersten Lizenzentzug. Den konnte auch der vom SSV verpflichtete Promianwalt Reinhard Rauball (BVB-Präsident) nicht verhindern.

2013 - MSV Duisburg:

Nach 23 Jahren ununterbrochenem Profifußball und einigen Fahrstuhlfahrten mit den Stationen 1. und 2. Liga erwischte es den MSV nach Saisonende 2012/13 hart. Platz elf und trotzdem Zwangsabstieg: wegen einer nicht geschlossenen Finanzlücke von rund drei Millionen verweigerte die DFL den Zebras die Lizenz.

Der Verein sah das zwar anders, aber sein Protest fruchtete nichts. In der 3. Liga spielen sie jetzt wieder, immerhin als Tabellenführer.

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