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Nur in wenigen Landstrichen Deutschlands prägt der Fußball das gesellschaftliche Leben so wie im Ruhrgebiet. SPORT1 zeigt, wie die Menschen dort mit Corona umgehen.

Das Ruhrgebiet. Herz des deutschen Fußballs. Nirgendwo sonst in Deutschland gibt es so viele Fußballvereine auf einem Fleck wie hier. Allein acht Vereine tummeln sich hier von der Bundesliga bis zur Regionalliga West.

Im Pott ist Fußball Religion und Lebenselixier. Die Corona-Krise trifft die fußballbegeisterten Menschen in der ohnehin sozialschwachen Industriegegend besonders hart. 

Wie sehr blutet das deutsche Fußball-Herz während der Pandemie? SPORT1 taucht während einer Ruhrpott-Rundreise in die Vereinsseelen ein. 

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Corona macht Lebenstraum kaputt 

Dortmund. Signal Iduna Park. Dort, wo das Pott-Herz vielleicht am lautesten schlägt. Mit über 80.000 Zuschauern ist es das größte Stadion Deutschlands, mit fast 25.000 Fans ist die "Süd" die größte Stehtribüne Europas. Aktuell herrscht hier absolute Stille. Bis auf das Corona-Behandlungszentrum ist das Stadion momentan verwaist. Eine Tatsache, die vor allem Marc Körner wehtut.  

Der 41-Jährige ist ein so genannter "Allesfahrer" und zählt zu den 500 Auswärts-Dauerkartenbesitzern. "Der BVB ist mein Leben", sagt der gebürtige Bielefelder, der vor 20 Jahren extra wegen der Borussia nach Dortmund zog. "Ich wollte in der Stadt wohnen, für die mein Herz schlägt." 

Bitter: Corona lässt einen lang ersehnten Traum des Vollblut-Anhängers wie eine Seifenblase platzen. "Ich war kurz davor, zehn Jahre am Stück bei jedem Bundesliga-Spiel des BVB dabei zu sein", erzählt Körner, der nach eigenen Angaben im Jahr rund 6000 Euro für Fußball-Reisen ausgibt.

Bei 331 Spielen liegt er aktuell. Neun Spiele hätte er noch gebraucht. "Das war ein großer Traum von mir. Auch wenn es in der aktuellen Situation natürlich wichtigere Dinge gibt, berührt mich das schon sehr." Von vorne werde er nicht noch einmal anfangen. "Das schaffe ich nicht. Das Ding ist durch. Jetzt heißt es: abhaken und nach vorne gucken!"

Was ihm ohne den Fußball besonders fehlt? "Der soziale Kontakt. Man macht das Ganze ja auch für die Gemeinschaft. Das fehlt mir komplett."

Das Vonovia Ruhrstadion liegt in Bochum derzeit vereinsamt an der Castroper Straße
Das Vonovia Ruhrstadion liegt in Bochum derzeit vereinsamt an der Castroper Straße © Patrick Berger/Lukas Rott

Imbiss-Inhaberin: "Der VfL fehlt uns sehr" 

Auch 16 Kilometer weiter an der Castroper Straße ("anne Castroper") in Bochum geben sie sich kämpferisch. Klaudia Post, Inhaberin des Kult-Imbiss "Zum Stadion Grill", hat seit wenigen Tagen wieder geöffnet.

Sie bietet Speisen und Getränke ausschließlich zum Mitnehmen an. "Der VfL fehlt uns sehr. Wir spüren das an allen Ecken und Enden. Ohne Fußball bricht unser Umsatz völlig ein", sagt sie und blickt wehmütig aus ihrem Imbiss auf die Stadionflutlichter des Vonovia Ruhrstadions.  

Dort sitzt Ilja Kaenzig (46) an seinem Schreibtisch. Weil der VfL Bochum in Corona-Zeiten keine direkten Interviews zulässt, ist der Geschäftsführer und Vorstandsprecher SPORT1 per Skype zugeschaltet. "Die Situation ist für uns – so wie für die meisten Vereine - dramatisch", sagt Kaenzig.  

Einnahmen in Höhe von rund 10 Millionen Euro stehen beim Zweitligisten auf dem Spiel. Geisterspiele müssen her – und zwar schnell. Kaenzig macht klar: "Es hängen große Einnahmen seitens des Fernsehens an diesen Geisterspielen. Es wird unsere Herausforderung sein, dass wir diese Krise bestehen. Wir müssen unsere Strukturen so anpassen, dass wir diese wirtschaftliche Delle überstehen."

Die Unterstützung der Fans ist in der Universitätsstadt ungebrochen groß. Eine halbe Million Euro kam kürzlich durch den Verkauf eines schwarzen Sondertrikots rein. 

Wie nimmt Kaenzig als Schweizer den Fußball im Ruhrgebiet wahr? "Fußball hat hier eine große Bedeutung. Die Schicksale der Klubs gehen den Menschen schon sehr nah, das spürt man." 

Alarm in Essen: "Bei uns geht es um 2,5 Millionen Euro" 

Auch rund um die bekannte Hafenstraße in Essen sehnen sie sich zutiefst nach dem Spiel mit dem runden Leder. 11.000 Fans strömen im Schnitt zu den Heimspielen von Rot-Weiss Essen. Verglichen mit den Profiligen ist aber in der Regionalliga West klar: Geisterspiele sind keine Option!

Das macht RWE-Boss Marcus Uhlig (49) deutlich. "Bei uns geht es um 2,5 Millionen Euro, die sich aus möglichen Rückerstattungsforderungen von Dauerkarteninhabern und Sponsoren sowie fehlenden Heimspieleinnahmen zusammensetzen. Geisterspiele würden uns die Existenzgrundlage entziehen. Wir leben von den Einnahmen aus unseren Heimspielen." 

Deshalb haben sich die Essener, die sportlich eigentlich um den Aufstieg in die 3. Liga spielen würden, etwas einfallen lassen und virtuelle Tickets, Bratwürste und Biere für das Heimspiel gegen den unsichtbaren Gegner FC Corona verkauft.

Uhlig verkündet stolz: "Die Resonanz ist überragend. Wir haben dadurch 150.000 Euro eingenommen, das ist unfassbar. Wir können uns mal wieder auf die große RWE-Familie verlassen. In Krisenzeiten rücken wir hier zusammen."  

Das sieht auch Jörn Nowak (33) so. Der Sportchef sagt: "Es ist sensationell, wie sehr uns die Fans helfen." In diesen Tagen ist Nowak vor allem auch als mentaler Helfer gefragt. Die Spieler sind nämlich, wie auch die Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle, in Kurzarbeit. 

Für viele Kicker geht es ums finanzielle Überleben. "Ich ziehe den Hut vor den Jungs, wie sie das angenommen haben und da an einem Strang ziehen. Der eine oder andere muss schon zusehen, wie er am Ende des Monats über die Runden kommt."

Man sei in dieser Phase mehr denn je als Psychologe gefragt, führt Nowak aus. "Als die Spieler im Home Office waren, habe ich viele Telefonate geführt und in sie reingehorcht. Jeder hat persönlich seine eigenen Ängste und Sorgen. Das ist eine schwierige Situation für uns alle." 

Jörn Nowak, Sportchef von Rot-Weiss Essen, freut sich über Einfallsreichtum und Unterstützung des RWE-Anhangs
Jörn Nowak, Sportchef von Rot-Weiss Essen, freut sich über Einfallsreichtum und Unterstützung des RWE-Anhangs © Patrick Berger/Lukas Rott

"Uralte Schalker versauern jetzt Zuhause"

Von Essen geht es zwölf Kilometer weiter nach Gelsenkirchen-Schalke-Nord. Die berühmte Schalker Meile, die direkt zur Arena führt. Überall blau und weiß – mit Ausnahme eines mit blauen Farbbomben beworfenen gelben Hauses. Feinstaub liegt auf heruntergekommenen Nachkriegsbauten. "Hier dreht sich alles um Fußball und Schalke", sagt Ronald Marcinkowski. 

Die Corona-Krise trifft den Inhaber des Vereinslokals "Bosch" hart. In der Kult-Kneipe, die neben der nostalgischen Glückauf-Kampfbahn liegt, trank einst schon der legendäre Ernst Kuzorra sein Pils (und hat hier bis heute einen Stammplatz auf einer Holzbank).  

Ronald, den alle nur Ronny nennen, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. "So etwas wie jetzt habe ich noch nie erlebt. Ich bin jetzt seit 40 Jahren in der Gastro. So lange hatte ich noch nie frei. Ich hoffe, dass wir die Scheiße hier durchstehen." 

Seit 16 Jahren schon betreibt der 59-Jährige, der auf Schalke geboren wurde, das königsblaue Vereinslokal. Bei S04-Spielen platzt es normalerweise aus allen Nähten. "Das ist total traurig", sagt er. "Es ist ja nicht nur der Fußball, der fehlt, sondern auch der persönliche Kontakt. Zu mir kommen uralte Schalker, die jetzt Zuhause in ihren vier Wänden versauern."

Aber Ronny ist zuversichtlich: "Hier im Ruhrgebiet gibt es einen sehr großen Zusammenhalt. Da ist es egal, ob in Bochum, Oberhausen oder bei den Zecken. Der Ruhrpott ist wie eine große Familie und wir helfen uns, wenn es drauf ankommt." 

"Fußball ist für das Ruhrgebiet friedensstiftend"

Auch in Oberhausen hat man an der aktuellen Situation mächtig zu knabbern. Präsident Hajo Sommers (61) kämpft um die Zukunft von Rot-Weiß. 100 Sponsoren und 600 Dauerkarteninhaber hat der Regionalligist.

"Wir haben aktuell aber keine Einnahmen", sagt Sommers. "Geisterspiele kommen für uns nicht infrage, weil wir von unserer Bratwurst und unserem Bier leben und weil die Sponsoren nicht zahlen wollen, wenn keiner ins Stadion kommt. Geisterspiele wären der Tod für uns. Das ist keine Option."  

Theaterbetreiber Sommers geht davon aus, "dass wir 500.000 Euro weniger in der Kasse" haben werden.  

Beim Ex-Bundesligisten laufen in diesem Sommer 19 (!) Spielerverträge aus. Sommers: "Die Jungs wissen gar nicht, wie es weitergeht und wo sie demnächst spielen." Doch nicht nur das: "Ich habe hier alle 60 Mitarbeiter – inklusive der Spieler - in Kurzarbeit geschickt. Da fallen einige von 1400 auf 800 Euro netto. Vier Spieler von uns mussten sogar Wohngeld beantragen." 

RWO-Präsident Hajo Sommers (o.) sprach mit SPORT1-Chefreporter West Patrick Berger über den positiven sozialen Einfluss des Fußballs
RWO-Präsident Hajo Sommers (o.) sprach mit SPORT1-Chefreporter West Patrick Berger über den positiven sozialen Einfluss des Fußballs © Patrick Berger/Lukas Rott

Aber auch bei RWO ist der Rückhalt spürbar. Über 3800 Geistertickets und 5.000 Biere hat der Traditionsklub bereits verkauft. Sommers: "Wir haben Geistertickets nach Sylt und Bad Tölz verkauft an Oberhausener, die seit 20 Jahren nicht mehr hier waren. Das hat viel mit Lokalpatriotismus zu tun.  

Im Pott hilft man sich eben. "Fußball, das klingt vielleicht kitschig, ist fürs Ruhrgebiet friedensstiftend. Das war immer so und das wird auch so bleiben. Wir sind in einer Gegend, die vom sozialen Gefüge nicht gerade high class ist. Wir haben den höchsten und buntesten Ausländeranteile in Deutschland. Hier machen die Menschen ihren vierten Strukturwandel durch. Der Fußball hält hier alles zusammen und ist großer Bestandteil des sozialen Gefüges." 

"Wer hier beim MSV ist, meint es ernst!" 

17 Kilometer weiter in Richtung Westen, am Rande des Ruhrgebiets, liegt Duisburg. In der Stahlstadt wollten sie im Mai eigentlich die große Wiederaufstiegsparty des MSV feiern. Seit 14 Spieltagen stehen die Zebras auf Rang eins in der 3. Liga. 

Doch wie geht es weiter? Eine Frage, die auch Michael Kazmierski beschäftigt. Der 38-Jährige ist in Meiderich aufgewachsen, "in der gleichen Straße wie Vereinslegende Joachim Hopp", wie er selbst sagt, und glühender Fan.

"Wenn hier was schiefgeht, gibt es meist eine Euphorie. Das mag schizophren klingen, aber das zeichnet uns Duisburger aus. Der MSV ist immer dann am stärksten, wenn es ihm am schlechtesten geht. Das hat man 2013 nach dem Lizenzentzug gesehen und auch jetzt. 140.000 Euro sind dank Spenden und Bestellungen im Fanshop innerhalb kürzester Zeit zusammengekommen. Das ist massiv viel Geld für den Verein."  

Die Duisburger Ultragruppierung "Kohorte" hat vor dem Eingang der Kurve ein Banner angebracht mit der Aufschrift: "Kein Virus kann uns von dir trennen". Kazmierski fragt rhetorisch: "Wenn du die Wahl hättest – würdest du dann Duisburg-Fan werden? Das Schöne bei uns ist: Wir haben keine Event- und keine Erfolgs-Fans, weil wir weder Event noch Erfolg haben. Wer hier ist, meint es ernst.“  

Abschließend sagt er: "Auch wenn wir an der Grenze zum Rheinland wohnen, verstehen wir uns als Ruhrpottler. Wir sind aus viele Krisen hervorgegangen und werden auch aus dieser hervorgehen." 

Das Ruhrgebiet ist einer der größten industriellen Ballungsräume Europas und erstreckt sich innerhalb Nordrhein-Westfalens rechts vom Rhein auf 121 Kilometern von West nach Ost und 126 Kilometer von Nord nach Süd. 5,3 Millionen Einwohner hat der Ruhrpott, der vor allem aufgrund seines Bergbaus bekannt ist.

Fußballerisch hat das Revier viel zu bieten. Acht Vereine tummeln sich hier von der Bundesliga bis zur Regionalliga. Spielten in den Neunziger Jahren mit Dortmund, Schalke, Bochum, Duisburg und Wattenscheid noch fünf Pott-Teams in der Bundesliga, sind es heute allerdings nur noch der BVB und Schalke 04.

In der 2. Liga kickt aktuell der VfL Bochum und in der 3. Liga der MSV Duisburg. In der Regionalliga West sind die Revier-Vereine Rot-Weiß Oberhausen, Rot-Weiss Essen, TuS Haltern und VfB Homberg vertreten. Die SG Wattenscheid ist insolvent und startet im kommenden Spieljahr in der fünftklassigen Oberliga Westfalen.

16 Deutsche Meister (BVB, Schalke, Rot-Weiss Essen) und 11 Pokalsieger (BVB, Schalke, Rot-Weiss und Schwarz-Weiss Essen) gingen aus dem Ruhrgebiet hervor.

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