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München - Der Virologe Prof. Dr. Bodo Plachter spricht im SPORT1-Interview über den Fall Gnabry, verschiedene Corona-Testverfahren, "falsche" Testergebnisse und mehr.

Prof. Dr. Bodo Plachter ist derzeit ein gefragter Mann.

Denn der 62-Jährige ist stellvertretender Direktor des Instituts für Virologie an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz.

Im Interview mit SPORT1 klärt der Virologe über verschiedene Corona-Testverfahren, "falsche" Testergebnisse, die Unterschiede von Profi- und Berufssport, einen möglichen Impfstoff, Langzeitschäden und den Fall Gnabry auf. 

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SPORT1: Herr Prof. Dr. Plachter, wie sehen Sie die Unterschiede in Berufs- und Freizeitsport in Sachen Testung und Covid-19? 

Prof. Dr. Bodo Plachter:  Wenn man ein Umfeld hat, das man gut kontrollieren kann, dann ist es nicht nur im Sport, sondern generell so, dass man dadurch Vorteile hat. Weil man schnell Infektionsketten unterbrechen kann. Wenn das logistisch machbar ist, dann ist das im Profisport wie auch im Freizeitsport sinnvoll. Es ist halt die Frage, wie weit das umsetzbar ist. Am Profisport gibt es natürlich ein hohes öffentliches Interesse. Deshalb wird dort mehr umgesetzt als im Freizeitsport. Aber grundsätzlich: Wenn man kontrollieren kann, dann ist es auch eine sichere Umgebung. 

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SPORT1: Hat der Sport einen Vorteil gegenüber dem Rest der Gesellschaft? 

Plachter: Grundsätzlich muss man sagen, das Testen alleine wird diese Pandemie nicht verhindern. Es ist ja auch in anderen Bereichen z.B. der Klinik so, dass man niederschwellig testet. Das heißt, dass der Sport nicht ganz alleine ist. Es gibt viele Bereiche des öffentlichen Lebens, wo getestet wird. Aber grundsätzlich sind die Ressourcen endlich, auch zur Testung. Außerdem kann diese Testung natürlich nicht die Hygiene aufheben, nicht die Zurückverfolgung aufheben. Es muss auch im Profisport gelten: Wenn dort ein Ausbruch zu erkennen ist, dann ist trotz der Tests natürlich Quarantäne angesagt. Da kann man nicht einfach weitermachen. 

Plachter: "Das lässt sich auch nicht verbessern"

SPORT1: Wie kann es sein, dass ein Corona-Test an einem Tag positiv und bei Nachtestungen plötzlich negativ ist? 

Plachter: Solche Labortests können natürlich immer falsch-negativ oder falsch-positiv ausfallen. Das liegt in der Natur der Sache, dass nicht alles 100-Prozentig funktioniert. Üblicherweise ist es so: Wenn man den positiven Test hat, dann schaut man sich das im Labor genauer an. Man hat nicht nur positiv oder negativ, sondern auch entsprechende Daten. Dann kann es sein, dass man Zweifel hat, ob das so stimmt. Und dann macht man am nächsten Tag nochmal einen Abstrich, man testet nochmal. Dann kann es gut sein, dass dieser Test nicht bestätigt wird und dass der Test negativ ausfällt. Das kann natürlich so bleiben, wenn man es noch zwei oder dreimal testet. Dann muss man irgendwann zu der Entscheidung kommen: Der Test ist negativ, auch wenn da mal initial irgendwas positiv angezeigt wurde. Aber das ist Sache des Labors und des Fachmanns, das zu entscheiden.  

SPORT1: Also gibt es bei diesen Testungen nicht nur schwarz und weiß, sondern auch eine große Grauzone? 

Plachter: So groß ist das Feld der Grauzone nicht. Es ist wie bei allen Labortests. Es gibt eine gewisse Empfindlichkeit und eine gewisse Treffsicherheit. Die ist nie 100 Prozent. Die ist unter Umständen mal nur 99 Prozent. Dann gibt es halt dieses eine Prozent, wo man nochmal nachschauen muss. Bei diesem PCR-Verfahren gibt es Menschen, die ihre Infektion schon lange hinter sich haben und immer noch positiv sind, aber dann mit einem relativ geringen Wert, einer geringen Viruslast. Die sind dann unter Umständen auch nicht mehr infektiös. Die haben irgendwann eine Infektion durchgemacht, haben noch Zeichen davon zurückbleibend, aber sind eigentlich problemfrei und müssen auch nicht in Quarantäne. 

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SPORT1: Welche Testungen gibt es denn und welche ist am zuverlässigsten? 

Plachter: Es gibt zwei Möglichkeiten. Den klassischen PCR-Test und den Antigen- oder sogenannten Schnelltest. Letzterer liefert ein schnelleres Ergebnis, ist aber unempfindlicher...

SPORT1: Sind das Schwachstellen im Testverfahren oder liegt das in der Natur der Sache? 

Plachter: Das liegt in der Natur der Sache. Bei Infektionserkrankungen gibt es nicht einen Fixwert. Da gibt es nicht diesen genauen Schwellenwert, ob positiv oder negativ. Da ist es einfach so, wenn man was nachweisen kann, dann muss man dem nachgehen. Wenn man glaubt, dass es positiv ist, muss man es genau angucken. Die Schwachstellen, die zum Beispiel beim Antigentest existieren, liegen also in der Natur der Sache. Das lässt sich auch nicht verbessern. Diese Antigentests gibt es für andere Erreger auch schon seit langer Zeit. Es ist bekannt, dass die Empfindlichkeit Grenzen hat, weil man nur das nachweisen kann, was da vorhanden ist. 

Plachter über Fall Gnabry: "Dann kann man natürlich weitermachen"

SPORT1: Kann es theoretisch auch sein, dass es einen negativen Test gibt, der sich im Nachhinein als positiv herausstellt? 

Plachter: Solche Tests können natürlich auch falsch-negativ ausfallen. Wir brauchen für den Test ja einen Nasen-Rachen-Abstrich. Da gibt es tatsächlich unterschiedliche Qualitäten, wie gut diese Abstriche gemacht werden. Davon hängt es ab, ob eine Infektion im Material nachweisbar ist. Außerdem kann natürlich auch im Laborbetrieb die Maschine mal nicht ordentlich laufen, was man normalerweise merkt. 

SPORT1: Wie verfolgen Sie so etwas wie den Fall Gnabry? Der wird (falsch-)positiv getestet und muss als einziger in Quarantäne, während ansonsten ganze Schulklassen in Quarantäne geschickt werden.  

Plachter: Das ist immer die Entscheidung des Gesundheitsamtes, wie da vorzugehen ist. Das heißt, das Gesundheitsamt wird hingehen und bewerten, ob da überhaupt ein Risiko vorhanden ist. Das gilt auch für die Schule. In der Schule wird auch geschaut, ob eine Klasse, der ganze Jahrgang oder eventuell die gesamte Schule in Quarantäne geschickt werden muss. Wenn das Gesundheitsamt sagt, die Kriterien sind nicht erfüllt, dass ein Risiko besteht, dann kann man natürlich weitermachen. Aber das ist wie gesagt immer eine Einzelfallentscheidung. 

SPORT1: Sind die Messwerte überall die gleichen? 

Plachter: Die Prinzipien sind überall vergleichbar, aber es gibt natürlich unterschiedliche Hersteller, die die Tests bereitstellen. Aber diese Tests sind auch alle zugelassen und zertifiziert. Das Labor selber ist das Entscheidende, denn der Laborarzt, Mikrobiologe, Virologe muss das Ergebnis bewerten und schauen, ob das stimmt oder nicht. Mir anderen Worten: Jeder hat ein Gefühl für den eigenen Test. 

SPORT1: Welche Fehler können bei Abstrichen gemacht werden? 

Plachter: Medizinisch geschultes Personal kann die Abstriche normalerweise sehr gut abnehmen. Menschliche Fehler sind aber natürlich immer möglich. Problematisch ist eher, wenn ein Laie es macht. 

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Plachter: "Es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir dieses Virus wieder loswerden"

SPORT1: Gibt es einen großen Unterschied zwischen Schnelltests und Labortests? 

Plachter: Alle Tests, die durchgeführt werden, werden mit einer entsprechenden Maschine und unter kontrollierten Bedingungen durchgeführt. Der einzige Unterschied ist, dass manche etwas länger und manche weniger lange dauern. Es gibt eigentlich keine wirklichen "Schnelltests". Es gibt einige Hersteller, die die Zeitspanne verkürzen. Die haben dann tatsächlich unter Umständen ein bisschen Probleme mit der Empfindlichkeit. Aber normalerweise sind die Tests so zuverlässig, dass man sicher Infektiosität detektiert. Das heißt, wenn jemand so viel Virus im Rachen hat, dass er jemand anderes anstecken kann, dann wird das in der Regel auch entdeckt. 

SPORT1: Glauben Sie, dass das Virus mit einem zuverlässigen Impfstoff in den Griff zu bekommen ist? 

Plachter: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir dieses Virus wieder loswerden. Wir werden mit diesem Erreger leben müssen. Mit Impfstoffen, möglicherweise auch mit Medikamenten. Es könnte dann deutlich erträglicher werden. Eigentlich ist bislang nur ein einziger Erreger wirklich komplett verschwunden und das sind die Pocken. Da war der Vorteil, dass nur der Mensch empfänglich war und es kein Tierreservoir gab. Bei Covid gibt es ein Tierreservoir. Das ist wahrscheinlich die Fledermaus. Wir werden wahrscheinlich eher sehen, dass sich die Viren an uns anpassen und dann weniger krankmachend wirken, also weniger pathogen. 

SPORT1: Für wie gefährlich halten Sie die Langzeitfolgen? 

Plachter: Es gibt zunehmend Berichte über Langzeitschäden. Das betrifft anscheinend nicht nur ältere Menschen, sondern auch jüngere, die eine schwere Erkrankung durchgemacht haben. Das sind vielfältige Symptome, über die da im Augenblick berichtet wird. Man muss da jetzt ein bisschen abwarten und sortieren, was wirklich davon bleibt. Wo man dann sagen kann, dass die anderen Symptome eher statistisches Rauschen waren. Aber es ist leider offensichtlich so, dass wirklich Langzeitschäden in verschiedenen Organsystemen zu sehen sind. Ob das dann wirklich Dauerschäden sind, die über Jahre hinweg bestehen, das kann man jetzt noch nicht sagen. Aber man muss vorsichtig sein. Es gibt immer wieder Berichte von jungen, sportlichen Menschen, ohne Risikofaktoren, die schwer erkranken und längere Zeit eine Einschränkung davontragen. 

SPORT1: Kann besonders hohe sportliche Aktivität auch zu besonders schweren Schäden führen? 

Plachter: Bislang gibt es keine Hinweise darauf. Das kann man noch nicht abschließend beurteilen, aber es gibt keine Hinweise darauf. Man weiß aber auch noch nicht genau, warum einzelne schwer erkranken und andere merken gar nichts. Man kann noch nicht wirklich vorhersagen, der eine kriegt es jetzt und der andere kriegt es nicht. 

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