vergrößernverkleinern
Joao Felix (l.), Luca Waldschmidt (2.v.r.) und Renato Sanches (r.) trugen alle schon das Benfica-Trikot
Joao Felix (l.), Luca Waldschmidt (2.v.r.) und Renato Sanches (r.) trugen alle schon das Benfica-Trikot © SPORT1-Grafik/Getty Images/Imago
Lesedauer: 6 Minuten
teilenE-MailKommentare

Lissabon - Benfica Lissabon beeindruckt jedes Jahr durch Transfereinnahmen in schwindelerregenden Höhen. Doch wie schafft es der Verein, so viele, so gute Spieler auszubilden?

Was die Jugendarbeit der beiden größten Klubs der Stadt angeht, scheiden sich die Geister. So kann es durchaus vorkommen, dass man von den Fanartikel-Verkäufern vor dem Estadio da Luz unter der Hand erzählt bekommt, der Rivale sei eigentlich der viel bessere Klub. Weil dort die Nachwuchsarbeit eben weit besser sei.

Königsargument der Anhänger dieser Theorie ist natürlich der im portugiesischen Fußball allgegenwertige Cristiano Ronaldo. Dieser wechselte im Sommer 2003 für 19 Millionen Euro von Sporting Lissabon zu Manchester United. Der Rest der Geschichte ist bekannt.

Doch das ist lange her und es hat sich einiges getan in Portugals Hauptstadt. Seit dem Sommer 2014 nahm Benfica Lissabon mehr als 850 Millionen Euro durch Spielerverkäufe ein. Stadtrivale Sporting kommt im gleichen Zeitraum auf Einnahmen in Höhe von "nur" 415 Mio. Euro. Benfica ist inzwischen die Star-Fabrik Europas.

Anzeige

Der Förderer der Jugend: Luís Filipe Vieira

Was hat sich bei Benfica in den vergangenen 20 Jahren geändert, das den Verein zu einem der besten Ausbildungsklub Europas werden ließ? Noch in den 80er- und 90er-Jahren "setzte man fast ausschließlich auf fertige Spieler", sagt Benfica-Experte Marcus Horn. Entscheidend für den Strategiewechsel sei eine Personalie: Luís Filipe Vieira. Er ist Präsident des Vereins und seit 2003 im Amt.

"Unter seiner Leitung wurde 2006 das Leistungszentrum in Seixal errichtet und die Maxime ausgegeben, mit möglichst vielen Eigengewächsen in der ersten Mannschaft zu spielen", erläutert Horn.

Auch interessant

Der Benfica Campus ist der ganze Stolz des Vereins. Er wurde unter anderem 2015 von Globe Soccer Awards als beste Jugendakademie des Jahres ausgezeichnet. "Hochqualifizierte Trainer, systematische Trainingsarbeit und ein Leistungszentrum, das mit seiner Infrastruktur zu den weltweit besten zählt", sind laut Horn die Hauptgründe für den Erfolg des Campus.

Julian Weigl machte erst kürzlich im Interview mit der Sport Bild deutlich, wie gut die Infrastruktur des Vereins im Vergleich zu der in Dortmund ist: "Bei Benfica gibt es aber noch mal Unterschiede. Es ist alles auf dem modernsten Stand. Bei diesem Umfeld hat man die besten Voraussetzungen, sich weiterzuentwickeln."

Starke Worte, ist doch der BVB in den vergangenen Jahren eines der beliebtesten Ziele für Europas Top-Talente. Doch Benfica zeichnet sich noch wesentlich stärker durch Eigengewächse aus, die schon als kleine Jungs den Adler auf der Brust trugen.

Ermittlungen gegen Klubchef Vieira

Auf Präsident Vieira indes hat sich in diesen Tagen ein Schatten gelegt.

Die portugiesische Polizei hat Büros von Benfica durchsucht. Es geht um den Verdacht der Korruption bei Spielertransfers sowie der Geldwäsche.

Im Zentrum der Ermittlungen steht Vieira. Es ist nicht das erste Mal, dass Benficas Klubchef mit der Justiz in Berührung kommt. Gegen Vieira laufen derzeit verschiedene Verfahren wegen Steuerbetrugs und Korruption.

Waldschmidt sieht einen "Schritt nach vorne"

Sportlich schreibt Benfica dagegen positive Schlagzeilen.

Das gilt auch für Luca Waldschmidt. Nach seinem Wechsel im Sommer vom SC Freiburg hat der 24 Jahre alte Angreifer in seinen ersten zehn Spielen für Benfica schon fünf Tore erzielt und drei Treffer vorbereitet.

"Mit meinem ersten Spiel, in dem mir gleich ein Doppelpack gelungen war, hatte ich einen kleinen Türöffner. Das hat mir natürlich vieles erleichtert, um anzukommen. Den Schwung aus diesem Auftaktspiel konnte ich gut mitnehmen", sagt Waldschmidt.

"Benfica ist ein Schritt nach vorne für mich – und nicht einer zurück! Ich habe diese Entscheidung bewusst getroffen. Wir haben die klaren Ambitionen, um Titel zu spielen. Wir spielen europäisch und ich kann mich international zeigen. Das war mir wichtig", erklärt Waldschmidt weiter: "Der Schritt ins Ausland war auch für meine Persönlichkeit wichtig. Ich kann mich hier in einem neuen Land entwickeln, eine neue Sprache lernen."

Das Paradebeispiel: João Félix 

In der Regel aber betreibt Benfica eine andere Strategie - junge Spieler finden, ausbilden - und dann in die erste Mannschaft zu integrieren oder mit großem Gewinn verkaufen.

Eines dieser Eigengewächse ist João Félix. Er wechselte im Sommer 2019 für astronomische 126 Millionen Euro zu Atlético Madrid. Der Offensivspieler wechselte mit 15 Jahren von der Jugendakademie Portos in die portugiesische Hauptstadt. Obwohl diese wesentlich weiter entfernt liegt von seinem Heimatort.

Tippkönig der Königsklasse gesucht! Jetzt zum SPORT1 Tippspiel anmelden

Weite Fahrtzeiten in Kauf zu nehmen oder weit von seinen Eltern entfernt zu leben, ist keine Seltenheit bei portugiesischen Talenten. "Es gibt Fälle, in denen Eltern Fahrtstrecken von bis zu 200 Kilometer in Kauf nehmen, um ihre Sprösslinge regelmäßig zum Training zu bringen", sagt Horn.

"Als der mit Abstand größte Fußballverein des Landes und angesichts der exzellenten Nachwuchsarbeit besitzt Benfica für talentierte Kinder und Jugendliche eine enorme Strahlkraft." Aktuell leben aber nur 65 Kinder vor Ort auf dem Benfica Campus. Die restlichen müssen pendeln. Deshalb plant der Verein, ein Internat für bis zu 800 Jugendliche zu errichten.

Der enorme Aufwand, den die Jugendakademie erfährt, zahlt sich durch hervorragend ausgebildete Spieler aus. Doch es ist eine Sache, einen jungen Spieler auszubilden und eine ganz andere, diesen auch in die Profimannschaft zu integrieren.

Benfica meistert diese schwierige Aufgabe regelmäßig mit Bravour. "Der Unterbau ist sehr professionell strukturiert. Die B-Mannschaft von Benfica spielt in der 2. Liga, hier sammeln die Nachwuchstalente bereits wertvolle Spielpraxis unter harten Wettkampfbedingungen", beschreibt Horn.

"Obendrein gibt es in Portugal mit der 'Liga Revelação' eine eigene U23-Liga, in der Benfica ebenfalls mit einem Team vertreten ist."

Rodrigo Magalhaes: Traum ist der Champions-League-Sieg

"Mein persönlicher Traum ist, dass Benfica die Champions League mit vier oder fünf Jungs aus der Akademie im Team gewinnt", verriet der technische Koordinator des Benfica Campus, Rodrigo Magalhaes, der BBC.

DAZN gratis testen und die Liga NOS live & auf Abruf erleben | ANZEIGE

Doch diesem ambitionierten Ziel steht laut Horn ein großes Problem im Weg: "Benfica ist auf Transferüberschüsse angewiesen, weil der Verein in dem relativ kleinen und wirtschaftsschwachen Portugal nur aus Spielbetrieb und Sponsoringeinnahmen nicht die notwendigen Erlöse erzielen kann, um eine international konkurrenzfähige Profimannschaft zu finanzieren."

Und so ist die Strategie, für die Benfica gerühmt wird, letztlich vor allem eins: Ein Mittel zum Zweck.

Markus Horn ist Autor. Er ist seit Jahren Mitglied von Benfica Lissabon und spricht fließend Portugiesisch. Er schrieb unter anderem das Buch "111 Gründe, Benfica Lissabon zu lieben".

Nächste Artikel
previous article imagenext article image