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Mara Pfeiffer (l.) sprach für Flutlicht an! mit Franziska Blendin
Mara Pfeiffer (l.) sprach für Flutlicht an! mit Franziska Blendin © SPORT1-Grafik: iStock/Willi Heimberger/SPORT1
Lesedauer: 5 Minuten
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Franziska Blendin kennt sich mit Vorurteilen aus: Die Industriemechanikerin liebt Bier und Fußball. In Schubladen lässt sie sich nicht stecken, Klischees lacht sie weg.

Im Gespräch mit Franziska Blendin fallen häufig zwei Worte: purer Zufall. Oftmals sind sie gefolgt von ihrem herrlich freimütigen Lachen. Wieso denn auch nicht dem Zufall die Regie überlassen?

Manchmal hat der eben die besten Ideen.

Hin und wieder braucht er dabei freilich Unterstützung – wie ein Punkerfrühstück. Auf der Heimreise von einem solchen befindet sich Blendin, als sie im Zug mit jemandem über einen Job in der Behindertenassistenz ins Gespräch kommt.

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Sie hat damals nach abgebrochener Schullaufbahn eine Ausbildung zur Sozialassistenz im Bereich Pflege gemacht und daneben das Fachabitur nachgeholt. Im Krankenhaus fühlt sie sich nicht wohl: zu wenig Zeit für die einzelnen Patient*innen – also wechselt sie den Job.

"Flutlicht an. Im Gespräch mit der Wortpiratin", der neue Podcast auf SPORT1 in dem Journalistin und Autorin Mara Pfeiffer Menschen in den Mittelpunkt stellt, die im schnelllebigen und lauten Fußballgeschäft oft zu wenig im Rampenlicht stehen.

Eine der Frauen, für die sie arbeitet, merkt schnell, dass Blendin nicht glücklich ist mit ihrer Situation und beginnt, sie "überall mit hinzuschleifen". Auf einer Pflegehilfsmittel-Messe ist die junge Frau fasziniert von den Rollstühlen – und ehe sie es sich versieht, hat man ihr fünf Wochen freigeschaufelt für ein Praktikum beim Hersteller.

"Die haben mir relativ schnell eine Flex in die Hand gedrückt und da war ich sehr glücklich."

Blendin glücklich in "Männerberufen"

Blendin macht eine Ausbildung zur Industriemechanikerin und studiert nun neben dem Beruf Maschinenbau. Die Klischees über den vermeintlichen Männerberuf hat sie alle gehört, sieht für sich selbst aber einen entscheidenden Vorteil: Viele Jungs, die sie kennt, greifen zu derlei Berufen, weil es ihnen normal scheint. Sie wollte genau das.

Und ist sehr glücklich damit.

Zu ihrer Flex-Liebe gesellen sich die zu Bier und Fußball, die ähnlich in Stereotypen gelesen werden. Spricht man nun also über derlei Klischees, wenn man sie doch eigentlich brechen möchte? Schweigt man? Blendin findet einen dritten Weg: sie lacht.

Der perfekte Mann

Auch über den Satz, den sie schon halb scherzhaft von Freund*innen gehört hat: "Du wärst der perfekte Mann."

Die Liebe zum Bier hat nicht nur den "Braucast" hervorgerufen, sondern sie auch früh zur Anhängerin der Kneipenkultur gemacht. Im Lorbass, ihrer ersten Stammkneipe, steht einer hinter der Theke, der viel von Eintracht Frankfurt erzählt – und so landet Blendin mit einer Freundin zu ihrem ersten Spiel tatsächlich im Stadion der SGE.

Es bleibt eine Station auf dem Weg zu ihrer fußballerischen Liebe, dem FSV Frankfurt.

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Auch wenn die gebürtige Hessin aktuell mit ihrem Verein durchaus hadert, Liebe ist Liebe. Die lässt sich wunderbar nachlesen in der "Fußballfibel", die sie zu ihrem Klub verfasst hat. Darin spielen übrigens auch die Kneipen eine Rolle, die zur Kultur des Stadtteilvereins aus Bornheim gehören. Das Buch wird zurecht als eine Perle der Reihe gelobt.

Blendin mit Recherche-Meisterleistung

Schwierig zu recherchieren war bei der Arbeit daran vor allem die Geschichte der so erfolgreichen FSV-Frauen, ein Umstand, der Blendin dazu anstachelt, Wikipedia-Artikel rund um das Thema zu schreiben und ergänzen. In einer Diskussion auf Twitter fällt die Frage, ob nicht das erste Tor der 1990 gestarteten Bundesliga (f) von einer Spielerin des FSV geschossen wurde: Katja Bornschein.

Wikipedia und DFB führen Iris Taaken.

Blendins Interesse ist geweckt. In Sascha Düerkop findet sie einen Mitstreiter. Die beiden schreiben mehrfach den DFB an, wo man keine Spielberichte mehr haben will, kontaktieren Landesverbände und vergraben sich im Frankfurter Stadtarchiv. Gesichert ist, das Tor von Iris Taaken fiel früh im Spiel, unklar sind die exakten Anstoßzeiten.

Freddy Wenner, damals beim TuS Binzen gegen den FSV Frankfurt im Tor, glaubt, das Spiel habe schon um 11 Uhr angefangen – der SV Wilhelmshaven spielte aber erst um 14 Uhr.

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Es ist ein mühsames Puzzlespiel. Irgendwann findet man auch beim DFB die Spielberichte und nach monatelanger Recherche ist klar, die Geschichte wurde falsch geschrieben, erste Torschützin der Bundesliga ist: Katja Bornschein. Im Interview des DFB mit seiner Pionierin verzichtet der Verband darauf, Blendin und Düerkop für ihre tolle Arbeit zu würdigen.

"Legende verloren"

Die beiden sitzen vor einem Berg von Material und beschließen, etwas daraus zu machen. Sie starten mit Ellen Hanisch und Shary Reeves den Podcast "Legende verloren", in dem sie die erste Saison der Bundesliga mit zahlreichen Akteur*innen hörenswert nacherzählen.

Die technische Unterstützung kommt von Rebecca Görmann von FRÜF – Frauen reden über Fußball. Apropos: Wie offen und leidenschaftlich die ehemaligen Spielerinnen über ihre Karrieren sprechen, ist etwas ganz Besonderes.

Spannend sind auch ihre kritischen Auseinandersetzungen mit Strukturen in Verband und Gesellschaft, die Frauen am Ball so häufig ausgebremst haben und das vielfach bis heute tun.

Unbedingte Empfehlung!

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