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Ex-Nationalspielerin Anja Mittag ist zu Gast bei "Flutlicht an!" mit Autorin Mara Pfeiffer
Ex-Nationalspielerin Anja Mittag ist zu Gast bei "Flutlicht an!" mit Autorin Mara Pfeiffer © SPORT1-Grafik: Privat/SPORT1
Lesedauer: 5 Minuten
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Ex-Nationalspielerin Anja Mittag hat in ihrer Karriere viel erlebt, ist aber auf dem Boden geblieben. In ihrem Podcast spricht sie unangenehme Wahrheiten an.

Was macht einen sportlichen Titel eigentlich perfekt? Für Anja Mittag ist es die Mischung aus einem gelungenen Turnier und dem guten Gefühl, selbst viel beigetragen zu haben zu dem Erfolg.

"Dass alles passt, hast du nicht so oft", findet die ehemalige Nationalspielerin, für die deshalb der Olympiasieg 2016 in Rio einen besonderen Stellenwert hat. "Grundsätzlich hatte ich eine sehr schöne, erfolgreiche Karriere", resümiert die 35-Jährige dankbar und gelassen.

"Flutlicht an. Im Gespräch mit der Wortpiratin", der Podcast von Autorin Mara Pfeiffer auf SPORT1

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In deren Verlauf hat sie in knapp 20 Jahren alles erreicht - oft genug sogar mehrfach. Sechs Mal wurde die in Karl-Marx-Stadt geborene Mittag deutsche Meisterin, gewann dreimal den DFB-Pokal, wurde ebenfalls dreimal Europameisterin, einmal Weltmeisterin und in Schweden zweimal Meisterin, Spielerin des Jahres und Torschützenkönigin. Und mittendrin eben der Titel: olympisches Gold nach einem tollen Turnier 2016.

Bei all diesen Erfolgen ist sie immer auf dem Boden geblieben, was den Umgang mit ihr zutiefst angenehm macht.

Mittag schwer beeindruckt von Schweden

Ihre Profikarriere beginnt beim 1. FFC Turbine Potsdam, für den Mittag von 2002 bis 2011 die Schuhe schnürte - mit einer Unterbrechung: Im Frühsommer 2006 wechselt sie nach Schweden, um beim QBIK Karlstadt die zweite Saisonhälfte zu spielen. Das zeitlich begrenzte Abenteuer endet aufgrund einer Verletzung schon nach wenigen Wochen, aber Schweden beeindruckt die Stürmerin nachhaltig. "Das kann man gar nicht richtig beschreiben, es gibt sofort einen Wohlfühleffekt."

Im Dezember 2011 unterschreibt sie beim LdB FC Malmö, später FC Rosengard, und spielt anschließend bis 2015 in ihrer vorübergehenden Wahlheimat.

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In dieser Zeit erlebt Mittag neben den sportlichen Erfolgen auch die Selbstverständlichkeit, mit der Fußball in Schweden medial behandelt wird - und das nicht nur, wenn Männer gegen den Ball kicken. "Es ist irgendwie so normal und das finde ich schön." In Sachen Stellenwert habe das skandinavische Land dem Umgang hierzulande einiges voraus, findet die 158-malige Nationalspielerin, die anschließend nach Frankreich zu Paris Saint-Germain wechselt.

Zur Not schnürt Mittag nochmal selbst die Schuhe

Mit dem VfL Wolfsburg gewinnt die Chemnitzerin ihre sechste deutsche Meisterschaft, bevor sie erneut nach Schweden geht und schließlich den RB-Frauen mit ihren Toren zum Aufstieg in die 2. Liga verhilft. In Leipzig ist sie geblieben, arbeitet seit letztem Sommer im Trainerteam - und schnürt, wenn Not an der Frau ist, auch nochmal selbst die Schuhe. Darum will sie aber keinen Rummel machen, schließlich geht es um ihre jungen Schützlinge, von denen sich Mittag aber sehr gut aufgenommen fühlte beim Kurz-Comeback. Einen Treffer hat sie auch erzielt.

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Fußball spielt aber nicht nur auf dem Platz weiterhin eine wichtige Rolle für Anja Mittag, der Sport verbindet sie auch mit vielen wichtigen Menschen in ihrem Leben. Eine davon ist ihre ehemalige Mitspielerin Josephine Henning, kurz Josy, mit der sie seit einem Jahr den Podcast "Mittag's bei Henning" produziert. Darin quatschen die beiden, mal zu zweit, mal mit Dauer-Gästin Tabea Kemme, dann wieder mit wechselnden Gäst*innen, über Fußball und alles, was dazugehört. Die Offenheit, mit der sie ihre Themen bereden, ist erfrischend und toll.

Lustig geht es zu, wenn die Fußballerinnen mit Chiffre und viel Gelächter über ihr Freud und Leid in der Zeit bei der Nationalmannschaft sprechen oder wenn Mittag und Hennig zu einer spielerischen Fragerunde einladen, in der es stets darum geht, ob ihr*e Gäst*in eine bestimmte Aufgabe lieber der einen oder der anderen anvertrauen möchte. Nah an ihren Fans sind die Frauen, wenn sie deren Fragen beantworten oder im sozialen Netz mit ihnen interagieren.

Bewegende Themen im Podcast

In vielen Folgen steckt aber so viel mehr als Anekdoten und gute Laune. Wenn sie über Themen wie Schmerzmittel im Sport sprechen, philosophieren, was es bedeuten würde, Menstruation im Trainingsplan zu berücksichtigen oder sich mit Kolleginnen über Schwangerschaft und die Rückkehr in den Leistungssport unterhalten, entstehen sehr bemerkenswerte Gespräche. Und jene, die den Frauenfußball als Sport zweiter Klasse behandeln, könnten dabei viel lernen.

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Diskussionen wie die um faire Bezahlung von Sportlerinnen und angemessene Bedingungen, wenn diese zu Turnieren reisen, sind wichtig und müssen geführt werden. Die Lebensrealität der Frauen im Sport beinhaltet aber noch viele andere Themen, und die sind nicht abstrakt, sondern - oftmals nerviger und herabsetzender - Alltag. Beispielsweise, weil sie oftmals erst dann trainieren können, wenn bis runter zur U12 alle Männer und Jungs durch sind.

Wie ungezwungen Mittag und ihre Kolleginnen in dem Podcast darüber sprechen, kann nicht hoch genug geschätzt werden. Es wäre an der Zeit, dass die (zumeist) Herren im DFB sich diese Gespräche anhören und so viel Offenheit an den Tag legen, wie die Frauen es tun. Um es mit den Worten Anja Mittags zu sagen: "Es geht ja auch irgendwo um Respekt."

Der sollte doch bitteschön Minimalkonsens sein - in Theorie und Praxis.

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