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Darmstadt - Darmstadt 98 ist die ungewöhnlichste Erscheinung seit Jahrzehnten. Auf vielen Ebenen sind die "Lilien" eigentlich nicht erstligareif. Teil 1 des SPORT1-Bundesligachecks.

Am 14. August startet die Bundesliga in ihre 53. Saison. (SERVICE: Der Spielplan)

SPORT1 nimmt in der Serie "Bundesliga - der Countdown" alle 18 Teams genau unter die Lupe und gibt eine Prognose ab.

Los geht es mit einem absoluten Underdog: SV Darmstadt 98.

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  • Das ist neu

Vergangene Woche hat der Klub in seinem alten Stadion am Böllenfalltor sein neues Markenbild präsentiert: Der Claim: "Wir Lilien. Aus Tradition anders."

Die Bundesliga darf sich auf einen ungewöhnlichen Exoten freuen, der vieles anders, weil weitaus weniger professionell, dafür aber ungemein familiär angeht. Daran wird auch nach dem Aufstieg festgehalten.

Unabdingbar aber für den Neuling, erstligataugliche Verstärkungen an Land zu ziehen. Konstantin Rausch (VfB Stuttgart), Mario Vrancic (SC Paderborn), oder Luca Caldirola (SV Werder Bremen, Leihe) erfüllen dieses Kriterium. Aber das wird kaum ausreichen.

Trainer Dirk Schuster, der gleichzeitig auch die sportlichen Planungen vorantreibt, möchte noch "vier, fünf weitere Zugänge" holen, die die erste Liga nicht nur vom Hörensagen kennen. Doch das kann dauern. Darmstadt will und kann nicht viel Geld ausgeben. Vermutlich erst Ende August in der Kader zusammen.

  • Spieler im Fokus

Aytac Sulu verkörpert am besten, was diese Ansammlung Verkannter und Verbannter auszeichnet: Der Kapitän spielte 2012 noch in der zweiten österreichischen Liga und kam im Januar 2013 nach Darmstadt, als der Klub Letzter der Dritten Liga war und nur die Klasse hielt, weil den Kickers Offenbach die Lizenz entzogen wurde.

SV Darmstadt 98 v Karlsruher SC  - 2. Bundesliga
SV Darmstadt 98 v Karlsruher SC - 2. Bundesliga © Getty Images

Heute führt der 29-jährige Deutsch-Türke einen Erstligisten an.

Der aufrechte Recke ist auch deshalb bemerkenswert, weil er dafür sorgt, dass Jonathan Heimes eingebunden wird - ein krebskranker Junge, der bei der Aufstiegsfeier zeitweise im Mittelpunkt stand.

Vor dem Relegationsrückspiel in Bielefeld vor einem Jahr hatte Schuster auf das Schicksal des an den Rollstuhl gefesselten 25-Jährige aufmerksam gemacht und Motivationsarmbändchen verteilt.

"Jeder von uns hat damals ein paar Prozent mehr Leistung herauskitzeln können", sagte Sulu kürzlich in einem Doppel-Interview in der FAZ. Sein Leitspruch: "Wer schwere Zeiten erlebt hat, akzeptiert das alte Stadion oder den teils schlechten Trainingsplatz leichter. Und er akzeptiert jeden seinen Mitspieler so, wie er ist."

SV Darmstadt 98 v FC St. Pauli  - 2. Bundesliga
SV Darmstadt 98 v FC St. Pauli - 2. Bundesliga © Getty Images
  • Saisonziel

Das kann bei den Südhessen nur der Klassenerhalt sein. Ganze 15 Millionen Euro beträgt der Lizenzspieleretat. Halb so viel wie die meisten Mittelklassevereine.

Selbst der unmittelbare Nachbar Eintracht Frankfurt steckt inzwischen 38 Millionen in Gehälter. Trainer Schuster bezeichnet seinen Klub als "Außenseiter unter den Außenseitern", denn: "Wir sind noch eine Spur krasser als der SC Paderborn."

Was aber hat denn Darmstadt überhaupt zu bieten? Der 47-jährige Schuster verspricht: "Eine einsatzstarke Mannschaft, die alles abfeuert und versuchen wird, dem Gegner durch Willen und Leidenschaft auf Augenhöhe zu begegnen." Der Charakter der Mannschaft soll unbedingt beibehalten werden und der Teamspirit darf nicht leiden.

  • Das muss sich ändern

Vor allem das Umfeld ist nicht erstligatauglich. Das Stadion, Spitzname "Bölle", mag ja alle Romantiker bedienen, ist aber nicht mehr zeitgemäß. Dadurch sind auch die Bedingungen für den Verein eingeschränkt.

SV Darmstadt 98 v RB Leipzig - 3. Liga
SV Darmstadt 98 v RB Leipzig - 3. Liga © Getty Images

Der Klub hofft darauf, 2017 eine neue Spielstätte zu bekommen, aber sicher ist das nicht. Auch die weitere Infrastruktur hat Mängel, die Personalausstattung auf der Geschäftsstelle liegt unter der eines normalen Zweitligisten.

Wie räumt Präsident Rüdiger Fritsch ein: "Der Erfolg hat uns ein bisschen rechts überholt." Selbst im direkten Umfeld der Mannschaft - medizinische Betreuung eingeschlossen - läuft vieles auf ehrenamtlicher Basis ab. Auf lange Zeit kann das eigentlich nicht gutgehen.

  • SPORT1-Prognose

Wenn der Neuling nicht noch einen neureichen Gönner auftreibt, der vier oder fünf gestandene Bundesliga-Spieler verpflichtet, dann ist das Schicksal vergleichbarer Vorgänger Greuther Fürth, Eintracht Braunschweig oder Paderborn unvermeidlich: Letztlich reichte auch dort die Qualität nicht aus, um die Bundesliga zu halten.

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