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Mönchengladbach - Mit dem schlechtesten Saisonstart der Vereinsgeschichte ist Gladbach in die Krise gerutscht. Wie es dazu kommen konnte? SPORT1 beleuchtet die Gründe.

Granit Xhaka ist für deutliche Worte bekannt.

Nach dem harten Aufschlag auf den Boden der Tatsachen gab der Schweizer dann auch mal wieder einen unverfälschten Einblick in seine Gefühlswelt.

"Momentan macht es überhaupt keinen Bock mehr", hatte Xhaka zuletzt erklärt.

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Borussia Mönchengladbach ist innerhalb von nur wenigen Wochen nach dem schlechtesten Saisonstart der Vereinsgeschichte vom strahlenden Champions-League- zum Krisenklub geworden. Ernüchterung statt Euphorie also vor dem Heimspiel gegen den Hamburger SV am vierten Spieltag am Freitag (ab 20 Uhr im LIVETICKER und in unserem Sportradio SPORT1.fm). Ein Kellerduell. Für beide ein wegweisendes. 

Eine Erklärung, warum die Borussia sich in der noch jungen Saison bereits in einer ersten Schaffenskrise befindet, konnte auch Xhaka nicht wirklich auf den Punkt bringen. Denn für solche Durchhänger gibt es selten simple Erklärungen, oft sind es komplizierte Verzahnungen verschiedener Umstände.

SPORT1 beleuchtet die Gründe, warum es in Gladbach nicht läuft.

  • Anführer

Borussia fehlt es derzeit an Spielern, die voran gehen und die anderen mitreißen. Martin Stranzl ist seit März immer wieder verletzt und fehlt nicht nur als Abwehrorganisator, sondern auch als Anführer auf dem Platz. Xhaka ist mit sich selbst beschäftigt, im Angriff sucht Raffael nicht nur seine Form, sondern auch seinen idealen Partner.

Die Abgänge Christoph Kramer und Max Kruse fehlen im Gesamtkonstrukt vor allem auch als Typen. Mit den beiden Abgängen sowie den verletzten Stranzl und Alvaro Dominguez "ist die komplette Zentrale weggebrochen", analysiert Ex-Profi Thorben Marx im Bitburger Fantalk auf SPORT1.

Die Jungen wie Marvin Schulz oder Andreas Christensen brauchen Zeit, die der Klub ihnen auch gibt. Dabei benötigt Gladbach gleichzeitig aber auch Geduld. Was Mut macht: Unter Trainer Lucien Favre gab es solche Schwächephasen immer mal wieder.

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  • Zugänge

Lars Stindl und Josip Drmic haben noch nicht so eingeschlagen wie erhofft. Drmic konnte sich noch nicht an das Favre-System anpassen, ist noch nicht wirklich angekommen, dem Zehn-Millionen-Einkauf fehlt noch die Bindung zum Spiel. Man kann Drmic zumindest nicht nachsagen, dass er sich hängen lässt. Der 23-Jährige arbeitet an sich und legt Sonderschichten ein, um die nötigen Fortschritte zu erzielen.

Lars Stindl
Lars Stindl © Getty Images

Stindl versuchte sich zunächst erfolglos neben Xhaka auf der Sechs, das noch unharmonische Zusammenspiel des offensiv ausgerichteten Duos in der Schaltzentrale geht aber zu Lasten der Defensive. Zuletzt in Bremen rückte Stindl weiter nach vorne, jedoch noch ohne den gewünschten Effekt.

  • System

Die Suche nach der idealen Konstellation auf dem Feld wiederum führt zum wohl größten Problem: die fehlende Balance. In Favres System greift im Kollektiv im Idealfall ein Rädchen ins andere. Die Defensivarbeit war dabei immer die Basis, die Stabilität darin eine wichtige Voraussetzung, das Umschaltspiel zwischen Defensive und Offensive und umgekehrt ein Erfolgsmerkmal.

Funktioniert das nicht, funktioniert auch Gladbach nicht. Dass die Gladbacher Kontertore und insgesamt acht Treffer kassierten, war nach der vergangenen Saison nicht nur fast schon unvorstellbar. Es ist vor allem ein Beweis dafür, dass diese Stabilität zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen abhandengekommen ist, an den entscheidenden Stellen ein paar Prozentpunkte fehlen.

Die Details sind es, die wichtig sind, hatte Favre schon immer betont. Im Moment gibt ihm die Realität Recht. "Ich wusste, dass die Saison schwer für uns und für mich als Trainer wird", sagte er.

  • Selbstvertrauen

Fußball ist zu einem Großteil auch Kopfsache. In der vergangenen Rückrunde sprangen die Fohlen mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, vom eigenen Erfolg und Selbstverständnis angetrieben, in die Champions League.

Momentan durchläuft die Borussia im Grunde dasselbe Phänomen, nur umgekehrt. Das Selbstvertrauen geht mit jeder Niederlage flöten.

Das macht sich dann auch vor dem gegnerischen Tor bemerkbar. Gegen Mainz und Bremen vergab die Borussia insgesamt fünf Großchancen.

Und so wird dann auch die Krise eine Art Selbstläufer.

Marx sieht bei SPORT1 noch ein Kopfproblem der anderen Sorte. "Du hast letztes Jahr eine super Saison gespielt, immer am oberen Limit, bist Dritter geworden und in die Champions League eingezogen. Und wenn dann ein Spieler den einen odere anderen Meter weniger macht, weil er vielleicht denkt, dass er besser wäre als er eigentlich ist, macht sich das schon bemerkbar. Dann kann man in der Bundesliga auch keine Punkte holen."

  • Champions League

Natürlich wird es kaum jemand einräumen, aber die Königsklasse ist in den Köpfen offenbar bereits jetzt präsenter als sie es sollte. Sie hat euphorisiert, die erstmalige Teilnahme an der Champions League ist nun mal etwas Besonderes, keine Frage.

Doch es macht den Eindruck, als vergesse die Mannschaft bei aller Vorfreude das, was sie in der Vergangenheit überhaupt erst dorthin gebracht hat.

"Die Liga ist der Alltag und das Wichtigste. Und da müssen wir zusehen, dass wir schleunigst in die Spur kommen", sagte Tony Jantschke. Denn die englischen Wochen mit Liga, Pokal und Königsklasse und der damit verbundenen Dreifachbelastung fangen jetzt erst an.

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