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Christian Streich
Christian Streich © Getty Images
Lesedauer: 4 Minuten
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München - In einem hochstilisierten Geschäft bildet Christian Streich die Antithese zur Konvention. Mit seiner Art macht sich Freiburgs Trainer aber nicht immer nur Freunde.

Christian Streich ist kein braver Phrasendrescher. Streich polarisiert, er nervt, eckt an und steht für eine offen gelebte Kritik. Das nennt man dann wohl menschlich, authentisch, echt.

Das alles würde nicht so sehr auffallen, bewegte sich Streich nicht in einem Geschäft, in dem ein schiefer Halbsatz gefühlt eine Staatskrise auslösen kann.

In der Fußballlehrerausbildung des DFB ist die Vorbereitung auf die veränderten medialen Anforderungen eines Trainers zu einem gewichtigen Inhalt geworden. Seminare für Trainer (und Spieler) sollen die Grundlagen im Umgang mit den Medien vermitteln, um sich in einem rasant wandelnden Metier geschickt zu bewegen.

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"Politisch korrekt" können andere

Christian Streich will sich aber nicht immer geschickt bewegen. Und nicht so wachsweich daherkommen, wie der große Rest. Der gibt seine Antworten nach Schema F, Streich gibt Antworten nach Schema Streich.

Und die klingen dann so wie zum Ende der vergangenen Saison: "Wenn Leute gegen diese Mannschaft dann wegen eines taktischen Rückspiels pfeifen, sollen sie zu Hause bleiben. Was kommt, wenn wir einmal sieben oder acht Spiele nicht gewinnen? Steigen diese Leute dann von der Tribüne herab? Ich möchte solche Leute nicht im Stadion haben."

Das hatte Streich den Freiburger Fans mit auf den Weg gegeben, zumindest jenen, die wenige Tage nach dem Aufstieg in die Bundesliga mit der Darbietung beim letzten Heimspiel nicht zufrieden waren. Die Partie gegen Heidenheim endete 2:0 für Freiburg.

Grund zur Unzufriedenheit haben die Freiburger Anhänger übrigens kaum. Diese Saison liegt der Aufsteiger nach 16 Spielen auf Platz acht.

"Ich finde es großartig, was Christian Streich in Freiburg macht", sagte Bundestrainer Joachim Löw zuletzt in der BamS.

Plädoyer für den Kollegen

Doch wenn es nötig ist, legt sich Streich auch mit den eigenen Fans an. Oder halt mit dem allgemeinen Konsens. So wie er zum Beispiel im Fall Roger Schmidt gepflegt wurde. Viele Kollegen wurden danach zur Causa befragt, ob denn Schmidt so mit seinem Kollegen Julian Nagelsmann umgehen dürfe. Gesprochen haben viele, gesagt hat im Prinzip nur Streich etwas dazu.

Ein regelrechtes Plädoyer wurde am Ende daraus. "Ich muss doch mal 'Halt die Schnauze' sagen können. Manche Dinge müssten halt mal raus. Wenn zu mir einer sagt 'Halt mal die Klappe jetzt‘,  ja meint Ihr, dass mich das auch nur einen Millimeter tangiert? Ja, wo sind wir denn?"

Und einmal so richtig in Fahrt: "Und jetzt komm‘ mir bloß nicht mit Pädagogik und die Kinder… Dass bloß die Kinder nicht mitkriegen sollen, wie einer mal sagt: 'Halt die Schnauze'. Weil es niemand sagt, und daheim auch nicht."

Manchmal übers Ziel hinaus

Am Ende geht es Streich um konstruktive Kritik und die inhaltliche Auseinandersetzung damit. Seit 1995 arbeitet er jetzt als Trainer beim SC Freiburg, 16 Jahre etwas verborgen in der Jugendausbildung, seit Ende 2011 als Trainer der Profis. Streich hat kein explizites Mediencoaching genossen so wie viele andere der neuen Trainer in der Liga. Und er hat auch als Spieler nicht jahrelang Erfahrungen sammeln können im Umgang mit den Medien.

Vielleicht ist diese Unbeflecktheit zusammen mit einer Portion Normalität, die er sich gewahrt hat, das Geheimnis seiner ungewöhnlichen Art. Manchmal zielt er damit übers Ziel hinaus, wenn er wie vor einigen Jahren Schiedsrichtern den latenten Hang zu Fehlentscheidungen zu Ungunsten des SC Freiburg unterstellt oder sich auf diskussionswürdige Art mit seinem Kollegen Gertjan Verbeek anlegt.

Hoffenheims Manager Alexander Rosen warf er vor einigen Wochen "eine Kampagne" vor, "um Schiedsrichter und Umfeld zu beeinflussen". Rosen wollte vor dem Duell beider Klubs eine Freiburger Aggressivität teilwiese im Grenzbereich erkannt haben.

Standhafter Typ

Wie auch immer. Streich ist keiner, der eisern schweigt. Oder seine Sätze chemisch gereinigt formuliert.

Einige halten ihn deshalb für einen nervigen Besserwisser.

Andere für den letzten standhaften Typen in einem schwammigen Geschäft.

Richtig ist auf jeden Fall: Streich sagt seine Meinung, wenn er meint, dass es notwendig ist, etwas zu sagen.

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