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Julian Nagelsmann und Thomas Tuchel
Julian Nagelsmann und Thomas Tuchel © SPORT1-Grafik: Eugen Zimmermann/Getty Images/Imago
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München und Dortmund - Von einer besonderen Beziehung zueinander wollen Julian Nagelsmann und Thomas Tuchel nichts wissen. Dennoch verbindet die beiden Trainer mehr als sie unterscheidet.

Jetzt kommen die alten Geschichten wieder. Die vom Meister und seinem Lehrling. Thomas Tuchel und Julian Nagelsmann bildeten mal ein Trainer-Spieler-Gespann. Das war vor acht Jahren, bei der zweiten Mannschaft des FC Augsburg in der bayerischen Landesliga Süd.

Und es stimmt auch, dass der Sportinvalide Tuchel den Sportinvaliden Nagelsmann dann förmlich zu einer Laufbahn als Trainer nötigte. Oder ihm zumindest einen entsprechenden Ratschlag erteilt hat.

Am Freitag treffen beide als Trainer wieder aufeinander. In der Bundesliga (ab 20.30 Uhr LIVE in unserem Sportradio SPORT1.fm und im LIVETICKER). Aber die alten Bande zählen dabei schon lange nicht mehr. "Thomas Tuchel ist ein Kollege wie die anderen 16 Trainer in der Bundesliga auch", sagte Nagelsmann vor der Partie - und man nimmt ihm das auch ab.

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Speerspitzen einer Bewegung

Hoffenheims Trainer ist keiner, der kokettiert. Das hat er zumeist mit seinem Gegenüber gemein. Beide gehören dieser anderen Generation von Trainern an, die in den letzten Jahren brachial in die Bundesliga gedrängt ist. Jene Trainer, die auf keine große Karriere als Spieler verweisen können.

Zwölf von 18 Trainern der Liga waren nachweislich keine gestandenen Profis, ehe sie sich für den Trainerjob entschieden. Nagelsmann und Tuchel sind zusammen mit Markus Weinzierl und Roger Schmidt so etwas wie die deutsche Speerspitze dieser Bewegung.

Beide wurden recht überraschend in ihre Ämter gespült. Tuchel vor einigen Jahren über Nacht und vor dem ersten Bundesliga-Spieltag für den gefeuerten Jörn Andersen in Mainz. Nagelsmann in prekärster Lage im Februar in Hoffenheim. Und sie beide scheuen nicht das Risiko.

Mutig und risikofreudig

Als Nagelsmann in Bremen seine Premiere feierte - Hoffenheim war zu diesem Zeitpunkt Vorletzter - packte er ein ziemlich offensives 3-5-2 aus und den A-Jugendspieler Philipp Ochs.

"Es hat ein bisschen Mut gebraucht, dies der Mannschaft zu verklickern. Die Spieler haben gemerkt, dass der Trainer ein bisschen verrückt ist. Sie haben gemerkt: Wir können das noch schaffen. Danach haben wir viele Spiele gewonnen", erinnerte sich Nagelsmann in einem Interview mit der WAZ.

Tuchel hat in Mainz und nun beim BVB schon so ziemlich jede Variation einmal durch. Angesichts der aktuell sehr angespannten Personallage beim BVB mit sieben Ausfällen und drei angeschlagenen Spielern dozierte der Trainer am Donnerstag schon über eine "Einerkette" in der Defensive.

Ganz so drastisch werden die Maßnahmen vor dem Duell der beiden überaus flexiblen Mannschaften nicht werden. Und trotzdem darf man sich aus taktischer Sicht auf ein hochinteressantes Spiel freuen.

Neue Wege beschreiten

Nagelsmann und Tuchel gehen in der Trainingskonzeption schon lange alternative Wege. Sie verlangen mehr von ihren Spielern, überschreiten Grenzen, verrücken Maßstäbe, variieren und fordern kognitive Lernprozesse ein.

Das eröffnet den Spielern nicht nur andere Blickwinkel, sondern hebt durch die gewünschte Reizüberflutung, die Penetration und Provokationsregeln das Niveau - und am Ende fühlen sich Abläufe im Spiel dann vergleichsweise leichter an als noch im Training. Eine Reaktion auf die sich ständig verändernden Situationen im Fußball - die man eben nicht genau nach Schema F einüben kann. Aber man kann die Spieler darauf vorbereiten.

Das meint Nagelsmann wohl damit, wenn er sagt, Tuchel habe ihn als sein Trainer beim FC Augsburg sehr geprägt. "Jedes Training war sehr anspruchsvoll. Das war in der Zusammenarbeit sehr anstrengend für die Spieler, weil Thomas positiv nervig war."

"Einschätzung hat sich bestätigt"

Tuchel ist ein Stück weiter weg von seiner Mannschaft, vielleicht nicht ganz so empathisch wie Nagelsmann. Vielleicht täuscht dieser Eindruck aber auch und kommt nur medial bisweilen so rüber. Ganz sicher einig sind sich beide aber in der Annahme, dass nur ein guter Menschenführer auch ein guter Trainer sein kann.

"Wenn du fachlich top, aber ein Idiot bist, wirst du vielleicht nicht absteigen, aber richtig erfolgreich kannst du nur sein, wenn du ein guter Typ bist und ein gutes Verhältnis zur Mannschaft hast", sagte Nagelsmann.

Eine besondere Beziehung pflegen die beiden Trainer nicht mehr miteinander. Aber der gegenseitige Respekt ist nicht zu überhören. "Julian hat sehr gute Transfers gemacht", sagte Tuchel auf SPORT1-Nachfrage, "und eine sehr gute Mannschaft mit einem herausragenden Trainer ergibt jetzt dieses Bild. Meine Einschätzung zu Julian von vor einem Jahr hat sich bestätigt."

Und obwohl Nagelsmann vor dem Spiel um Normalität und Nüchternheit bedacht war, sagte er am Ende doch noch, Tuchel habe immer wieder sehr gute Ideen. Wie viele und welche genau, wird man am Freitagabend sehen können.

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