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Markus Wiebusch und Kettcar sind vom 25.1. bis 24.3. auf ihrer "Ich vs. Wir"-Tour unterwegs
Markus Wiebusch und Kettcar sind vom 25.1. bis 24.3. auf ihrer "Ich vs. Wir"-Tour unterwegs © SPORT1-Grafik: Getty Images/ Picture Alliance
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München - Marcus Wiebusch ist Sänger der Indie-Band Kettcar. Der St. Pauli-Fan spricht bei SPORT1 über den früheren Kiezkicker Bernd Hollerbach und Pierre-Emerick Aubameyang.

Marcus Wiebusch nennt die Dinge gerne beim Namen. 

Der Sänger der Hamburger Indie-Band Kettcar (aktuelles Album: "Ich vs. Wir") ist glühender Fan des FC St. Pauli. Die Querelen beim Erzrivalen, dem Hamburger SV, nimmt er schmunzelnd zur Kenntnis.

Außerdem blickt er gern über den Tellerrand hinaus. So schrieb Wiebusch 2014 den Song "Der Tag wird kommen" - eine Kampfansage für Freiheit, Toleranz und gegen Homophobie - nicht nur im Fußball.

Im SPORT1-Interview spricht der 49-Jährige über dieses Thema und auch über St. Pauli, den HSV, die Entwicklungen im Fußball und findet deutliche Worte für Borussia Dortmunds Pierre-Emerick Aubameyang.

SPORT1: Herr Wiebusch, was sagen Sie dazu, dass mit Bernd Hollerbach ein früherer Paulianer jetzt den HSV vor dem Abstieg retten soll?

Marcus Wiebusch: Das ist schon schwierig. Hollerbach ging damals von St. Pauli mit einem kurzen Umweg über Kaiserslautern zum HSV. Seitdem ist er in der Fan-Szene von St. Pauli nicht unbedingt der beliebteste aller ehemaligen Profis der Braun-Weißen, um es vorsichtig zu formulieren. Ich hatte nie eine Beziehung zu Hollerbach, weil ich das damals auch ziemlich uncool fand, dass er zum HSV ging. Wir haben in unserer Band einen glühenden HSV-Fan und deshalb wird intern auch viel darüber diskutiert, ob Hollerbach der richtige Trainer für den HSV ist. Ich bin da emotionslos. Ich glaube, dass es der HSV langsam mal verdient hätte abzusteigen. Hollerbach ist die letzte Patrone, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie es mit der Truppe ernsthaft schaffen.

SPORT1: Bei einem Abstieg der Rothosen käme es wieder zu einem Stadtderby. Würden Sie sich das wünschen?

Wiebusch: Ich bin kein HSV-Hater, habe sehr gute Freunde, die HSV-Fans sind. Die leiden schon lange richtig und das tut mir natürlich auch leid. Aber ich muss das auch sportlich sehen. Bei den Rothosen ist einiges schlecht gelaufen, auch diese Sache mit dem Kühne ist einfach nur mies. Im Klub gibt es seit Jahren ein katastrophales Management und für das ganze Geld wurde eine schlechte Mannschaft zusammengestellt. Ich kann da einfach kein Mitgefühl haben, wenn sie jetzt absteigen sollten.

SPORT1: Hollerbach ist seit 2000 der 22. Trainer des HSV...

Wiebusch: Es ist unglaublich, wie viele Trainer da waren. Man kann nur Erfolg haben, wenn man Kontinuität auf der Trainer-Position hat. Und es kann mir keiner erzählen, dass die Trainer dort alles blinde Pfeifen waren. Auch Markus Gisdol ist kein schlechter Trainer. Ich habe keine Ahnung, was da los ist. Und viele HSV-Fans auch nicht. Ich glaube, sie haben sich irgendwie aufgegeben.

SPORT1: Hat der FC St. Pauli den Charme und Kult vergangener Tage auch aufgegeben?

Wiebusch: Wenn man es einfach runterknüppelt, hat man damit recht. Die Anforderungen, die die Verantwortlichen haben, sind natürlich einerseits einen modernen Verein zu haben, der aber immer noch für die Werte des Klubs einsteht, den Oldschool-Gedanken des Fußballs, der heute in keinem einzigen Verein stattfindet, auch nicht bei Union Berlin. Man muss einfach als moderner Verein bestimmte Dinge machen, sonst kann man sich aus dem professionellen Dasein als Klub verabschieden. Der aktuelle Präsident Oke Göttlich ist ein Freund von mir und ein glühender Fußballfan. Er saß - bis er Präsident wurde - immer zwei Reihen hinter mir im Stadion und muss aber natürlich diese Gesetzmäßigkeiten des Fußballs erfüllen, da gehört dieser Dreck wie Sponsoren und VIP-Lounge dazu. Und von außen entsteht dann der Eindruck, dass St. Pauli nicht mehr der Klub ist wie vor 20 oder 15 Jahren. Das stimmt auch, aber es ist leider alternativlos. Man kann nicht bestehen mit den alten Tribünen, einem Stadion mit 15.000 Plätzen, morschen Containern und dem alten Kult.

SPORT1: 2014 schrieben Sie den Song "Der Tag wird kommen", mit dem Sie auf Homophobie im Sport aufmerksam machen wollten. Was hat sich seitdem verändert?

Wiebusch: Leider nicht viel. Es ist ein langer und schwerer Gang. Es herrscht leider immer noch das gleiche Klima und tabuisierte Umfeld wie vor drei Jahren. Es hat sich noch keiner getraut, sich zu outen. Und leider ist es noch nicht normal im Fußball, dass ein Profi homosexuell ist. Anders als zum Beispiel in der Politik, da ist es normal. Es wird aber hoffentlich irgendwann passieren.

SPORT1: Wie präsent ist das Thema noch bei Ihnen?

Wiebusch: Ich habe immer noch Kontakt zu dem einen oder anderen schwul-lesbischen Fanclub in Deutschland. Die berichten mir zwar, dass es besser wird, aber das Profidasein für junge Kicker ist immer noch gnadenlos mit der ganzen Kohle, die da im Umlauf ist. Ein junger Spieler hat 16 gute Jahre, wechselt alle drei Jahre den Verein und wenn er sagen würde, er wäre schwul und würde dann zum FC Barcelona wechseln, dann hätte er schlechtere Karten. Er hätte keine Chance. Und deswegen hält er die Fresse. Das ist so bitter. Dieser Fußball ist immer gnadenloser und geldgieriger geworden. Das sieht man an Spielern wie Neymar, Ousmane Dembele oder ganz aktuell an Pierre-Emerick Aubameyang. Was ist denn da nur los? Ein junger Spieler outet sich einfach nicht, sondern lebt lieber in diesem Schattendasein.

SPORT1: Kennen Sie persönlich einen schwulen Profi, der noch aktiv ist?

Wiebusch: Ich kenne persönlich keinen einzigen schwulen Profi und würde auch nie einen namentlich nennen. In der Recherche des Songs "Der Tag wird kommen" habe ich damals von mindestens drei Menschen, die ich schätze, glaubhaft gehört, dass es einige gibt. Das haben mir der frühere St. Pauli-Präsident Coni Littmann, Aljoscha Pause (deutscher Filmemacher, Regisseur, d. Red.) und ein Sportjournalist, der mich einst auf den Song gebracht hatte, erzählt.

Wenger nennt Stand bei Aubameyang

SPORT1: Ein Thema ist gerade omnipräsent: Was denken Sie über das Transfer-Theater um Aubameyang?

Wiebusch: Eine ganz heftige Entwicklung. Ein zwölf Jahre alter Fan von Borussia Dortmund, der sich am Anfang der Saison ein Aubameyang-Trikot gekauft hat, fragt sich doch, was das soll. Das ist grausam. Was erlaubt sich dieser Typ? Aubameyang vergiftet den Fußball. Ich habe auch keine Antwort auf diesen Wahnsinn. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das, was gerade beim BVB passiert, in irgendeiner Weise hilfreich ist, aber ich kann da nichts raten. Der aktuelle Fußball ist einfach pervers. Viele ausländische Vereine werden von Scheichs und Oligarchen regiert und diese Jungs haben begonnen, dieses große, fiese Rad zu rollen und verdrehen manchen Spielern den Kopf. Das ging nicht in der Bundesliga los, sondern in England, Spanien oder bei Paris Saint Germain. Wenn ich jetzt höre, was Real Madrid angeblich mit Ronaldo, Benzema und Bale plant, das ist ja unfassbar.

SPORT1: Ein anderes trauriges Thema im Fußball ist gerade wieder Rassimus. Wie sehen Sie hier die Entwicklung?

Wiebusch: Als ich es in den 80ern mit dem HSV probiert habe, war ich gegen Wattenscheid im Volksparkstadion. Damals musste ich auch erleben, wie Leroy Sanes Vater Souleymane von  HSV-Fans mit deutliche Affenlaute beleidigt und mit Bananen beworfen wurde. Ich war sowas von geschockt. Ich wusste, dass es zuletzt wieder schlimmer geworden ist und habe auch davon gehört, dass Kevin-Prince Boateng in seiner Zeit beim AC Mailand schon mal beleidigt wurde. Aber ich wusste nicht, dass es inzwischen wieder so krass ist. Das ist erbärmlich. In den vergangenen zehn Jahren hatte ich auch schon Fortschritte ausgemacht, weil jeder Verein mehrere farbige Spieler hat. Es ist so irrsinnig, dass Fans andere farbige Spieler beschimpfen, obwohl in ihrem eigenen Klub auch einer spielt. Da muss man jetzt mit allem, was man hat, dagegen vorgehen und kämpfen. Ich unterstütze Boateng zu 100 Prozent. Von mir aus können alle Fans Stadionverbot kriegen, die dunkelhäutige Spieler beleidigen.

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