Wut auf Schalke! Fans beschimpfen Goretzka
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München - Schalke muss den Abgang von Leon Goretzka verkraften. S04-Legende Ebbe Sand erklärt im SPORT1-Interview, was er über den Wechsel des Leistungsträgers denkt.

Der Wechsel von Schalkes Nationalspieler Leon Goretzka im Sommer zum FC Bayern ist perfekt. S04-Legende Ebbe Sand hatte wie alle Fans und Verantwortlichen bis zuletzt darauf gehofft, dass der 22-Jährige seinen im Sommer auslaufenden Vertrag bei den Königsblauen verlängert.

Sand spielte von 1999 bis 2006 für Schalke und erzielte in dieser Zeit 73 Tore. Aktuell betreibt der Däne eine Fußball-Akademie in Schanghai, seinen Ex-Klub Schalke hat der frühere Stürmer nie aus den Augen verloren.

Vor dem Heimspiel von S04 gegen Hannover 96 (So., 18 Uhr im LIVETICKER) spricht Sand im SPORT1-Interview über Goretzka, Trainer Domenico Tedesco und Sportvorstand Christian Heidel.

Heidel: "Haben alle Wünsche von Goretzka erfüllt!"

SPORT1: Herr Sand, was sagen Sie zur Entscheidung von Leon Goretzka Gelsenkirchen im Sommer in Richtung München zu verlassen?

Ebbe Sand: Das ist ganz bitter für Schalke, den Spieler ausgerechnet an die Bayern zu verlieren. Aber ich wünsche Leon viel Glück und Erfolg weiterhin. Ich bin aber nicht enttäuscht. Das Problem war, dass der Vertrag nicht frühzeitig verlängert worden ist. Dass es jetzt keine Ablöse gibt, gehört leider zum Geschäft. Die Münchner werden jetzt noch stärker, Schalke wird deutlich geschwächt.

SPORT1: Wie sehr schwächt sein Wechsel das Projekt von Heidel und Tedesco?      

Sand: Die Zukunft und gute Ergebnisse dürfen nie von einer Person abhängen. Für Schalke geht das Leben auch ohne Goretzka weiter, obwohl es sehr unglücklich ist, so eine Persönlichkeit und so einen Leistungsträger an einen Konkurrenten ablösefrei zu verlieren. Ich traue S04 auch ohne Goretzka gute Ergebnisse zu.

Kult-Video: Als Goretzka Bayern noch ablehnte

SPORT1: Muss Schalke jetzt Ersatz verpflichten?

Sand: Ja. Wenn man einen Leistungsträger verliert, muss man ihn ersetzen. Deswegen tut es auch doppelt weh, wenn du für so einen Spieler keine Ablösesumme bekommst.

SPORT1: Heidel wollte im Sommer mit Goretzka verlängern und man war sich einig, dann wollte der Spieler Bedenkzeit. Hat er alles richtig gemacht?

Sand: Jeder Spieler ist sein eigener Geschäftsführer. Goretzka hat gepokert und wahrscheinlich jetzt finanziell gewonnen. Ob auch sportlich, muss man erst einmal abwarten.

SPORT1: Wie werden die Fans auf seine Entscheidung reagieren? Ähnlich wie damals bei Manuel Neuer?

Sand: Die Fans sind sicher sehr enttäuscht, auch weil Heidel alles versucht hat, um den Vertrag mit Goretzka rechtzeitig zu verlängern. Deshalb muss er - wie Manuel Neuer - wohl auch mit Pfiffen rechnen.

SPORT1: Noch ist Goretzka da und hat den Fans bei Facebook einen Titel versprochen. Sind Sie zufrieden mit der bisherigen Saison?

Sand: Ich bin absolut zufrieden. Die Hinrunde war ganz stark. Man sieht endlich eine Mannschaft, die füreinander da ist, gemeinsam rennt, kämpft und die nicht aufgibt. Das beste Beispiel war das 4:4 bei Borussia Dortmund. Nach einem 0:4 noch ein 4:4 zu schaffen, das war großartig. Das sagt viel über das neue Schalke aus. Da steht eine Mannschaft auf dem Rasen, die lebt und wieder Freude bereitet.

SPORT1: Schalke belegt aktuell Platz drei. Die Champions League ist also zum Greifen nah...

Sand: Ganz langsam. Mit dem zweiten Platz, den Schalke bis zum Spiel bei RB Leipzig inne hatte, konnte keiner rechnen. Das war eine echte Überraschung. Jetzt ist es Rang drei und das zeigt, dass weiter alles möglich ist. Momentan mache ich mir keine Sorgen, dass es wieder einen Einbruch geben kann. Die Truppe wirkt absolut gefestigt und selbst eine Niederlage wie die in Leipzig wirft Schalke nicht um. Man darf nicht zu euphorisch werden, aber die Königsblauen machen wieder Freude.

Schalke 04 v Arminia Bielefeld
Ebbe Sand (l.) spielte von 1999 bis 2006 bei Schalke 04 © Getty Images

SPORT1: Trainer Domenico Tedesco müsste von Ihnen also viel Lob bekommen?

Sand: Auf jeden Fall. Er ist ein Glücksfall für Schalke, denn es ist ganz hervorragend, was er geleistet hat. Er ist noch sehr jung, wirkt aber total souverän. Zu meiner Zeit im Beirat des Klubs habe ich Tedesco zwei, dreimal getroffen und es war immer sehr angenehm. Er ist ein feiner Kerl und macht einen sehr guten Eindruck auf mich. Und das war nicht klar als er kam, denn bei Erzgebirge Aue war er nur elf Spiele Cheftrainer.

SPORT1: Was gefällt Ihnen besonders an Tedesco?

Sand: Tedesco gibt einem ein gutes Gefühl. Als Mensch passt er perfekt zu Schalke. Und zu den Leuten dort. Er ist bescheiden und bodenständig und spricht die Sprache der Fans. Er lässt nicht den großen Star raushängen. Schalke ist ein Klub zum Anfassen und Tedesco hat vom ersten Tag an mit den Leuten gesprochen. Er wirkte nie unnahbar. Es gab eigentlich keinerlei Bedenken bei ihm, denn ab und zu ist es ganz gut, einen jungen und unerfahrenen Trainer zu haben. Das Risiko wurde belohnt. Tedesco will sich bestimmt immer weiter steigern, er sieht Schalke als Riesen-Herausforderung. Das kommt gut an.

SPORT1: Waren Sie sehr überrascht als Sportvorstand Christian Heidel im Sommer Tedesco aus dem Hut zauberte?

Sand: Ich war schon überrascht. Aber nicht nur ich, sondern es ging sicher vielen so. Schalke ist ein großer Verein und der Druck ist extrem groß. Für jeden. Da ist es nicht so einfach als Trainer zu arbeiten. Das haben in den vergangenen Jahren schon einige vor Tedesco gemerkt. Seine Verpflichtung war nicht ohne Risiko, man weiß nie, ob so etwas zu 100 Prozent funktioniert. Aber Tedesco hat das super hinbekommen. Auch dem ganzen Klub ein großes Kompliment, wie man dieses Risiko angenommen hat.

Heidel schwärmt von Tedesco

SPORT1: Heidel hat es geschafft, Ruhe in den Verein zu kriegen. Blüht er jetzt richtig auf?

Sand: Ja. In seinem ersten Jahr war es nicht leicht für ihn. Nach vielen Jahren bei Mainz 05 war es für ihn bestimmt schwierig auf Schalke anzukommen. Dass das mit Weinzierl nicht geklappt hat, war natürlich unglücklich für Heidel. Aber wer liegt nicht mal daneben? Natürlich braucht Heidel Erfolg und er hat den Fehler mit Tedesco wieder gut gemacht. Auf Schalke war es wichtig, wieder Ruhe in den Laden zu kriegen und das hat Heidel geschafft. Ich hoffe jetzt nur, dass der Verein einen Trainer und einen Sportdirektor über viele Jahre hat. So wie zu meiner Zeit mit Trainer Huub Stevens und Manager Rudi Assauer. Das war Konstanz pur. Natürlich ist es nicht möglich immer oben mitzuspielen, aber damals herrschte wie jetzt auch Ruhe. Wenn man ständig den Trainer und auch noch den Manager wechseln muss, kann das nicht gut gehen. Da ist Geduld notwendig. Ich hoffe wirklich, dass man auf Schalke mit Heidel und Tedesco das richtige Duo auf Jahre hinaus gefunden hat.

SPORT1: Sollte Heidel den Vertrag mit Tedesco frühzeitig verlängern, bevor der FC Bayern anklopft?

Sand: Ich glaube, dass Tedesco länger auf Schalke bleibt. Ich sehe ihn als bodenständigen Menschen, er hat noch nichts gewonnen. Bayern käme noch zu früh für Tedesco. Wenn er sich weiter so entwickelt, wird er vielleicht mal in München landen oder einen anderen Topklub übernehmen. Obwohl in meinem Herzen nur Schalke ein Topklub ist. (lacht)

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