Lesedauer: 5 Minuten
teilenE-MailKommentare

München - Der Videobeweis sorgte in seiner Premierensaison in der Bundesliga für hitzige Diskussionen. Reformen sind nun geplant, die WM gilt als Vorbild. SPORT1 erklärt, welche.

Es war die typische Aufreger-Szene der vergangenen Bundesliga-Saison: Eine Mannschaft erzielte ein Tor, jubelte mit ihren Fans ausgelassen - bis plötzlich ein schriller Pfiff ertönte und alle aus den Emotionen riss. Alle bis auf den Schiedsrichter. Der lief zum Monitor am Seitenrand, fummelte an seinem verschwitzten Headset herum und besprach sich mit seinen Assistenten in Köln.

Wieso, weshalb, warum – keiner außer dem Schiedsrichter-Gespann wusste es. Nach einigen Sekunden, manchmal auch Minuten wurde dann inmitten protestierender Spieler und Funktionäre entweder auf Tor entschieden oder nicht.

Transparenz im Stadion? Fehlanzeige! Den Gipfel der Absurdität erreichte das Ganze beim Spiel zwischen Mainz und Freiburg, als beide Mannschaften in der Halbzeitpause aus der Kabine geholt wurden, um nachträglich einen Elfmeter ausführen zu lassen.

Anzeige

WM dient als Vorbild

Zur neuen Spielzeit sollen diese negativen Szenarien nun der Vergangenheit angehören.

Als Vorbild dient das Erfolgsmodell der FIFA bei der jüngsten Weltmeisterschaft. Die Debatte über die eine oder andere Entscheidung blieb zwar auch in Russland nicht aus, der Weltverband setzte das technische Hilfsmittel dort jedoch ohne Irritationen für Zuschauer und Spieler ein.

Jede vom Referee untersuchte Szene wurde nämlich nicht nur im TV, sondern auch auf sämtlichen Videowänden in den Stadien angezeigt. Alle Beteiligten konnten sofort nachvollziehen, was passiert war.

Daran wollen sich auch die Deutsche Fußball-Liga (DFL) und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) orientieren. SPORT1 erklärt, welche Neuerungen geplant sind, um die Kritik am Videobeweis zu verringern.

Textblöcke als Informationsquelle

Wie die Sport Bild berichtet, werden anders als bei der WM keine Einblendungen von untersuchten Spielszenen in den Stadien zu sehen sein. Hier bestehen demnach Zweifel an der technischen Qualität derartiger Übertragungen sowie der einheitlichen Umsetzung durch die jeweilige Stadionregie.

Als Ersatz hierfür sollen künftig kurze Textblöcke auf den Videowänden und im Fernsehen den Zuschauern das Geschehen erklären.

Zum Beispiel: Ein Spieler geht nach einem Zweikampf im Strafraum zu Boden, der Schiedsrichter lässt erst einmal weiterlaufen, bekommt bei der nächsten Unterbrechung aber ein Signal aus dem Kölner "Kontrollkeller". Während die Unparteiischen kommunizieren, gibt ein zusätzlicher Assistent in Köln kurz und knapp in eine Maske ein, worum es geht. 

Das Ergebnis wird in dem Moment auf den Videowänden und im TV eingespielt, in dem der Referee zum Monitor läuft, um sich die Szene genau anzusehen. In diesem Fall würde etwa "Prüfung Elfmeter" auf den Videowänden stehen. So die Theorie.

Der frühere Bundesliga-Schiedsrichter Bernd Heynemann hat allerdings Zweifel an der reibungslosen Umsetzung. Er schlägt vor, die Öffentlichkeit erst nach und nicht während der Entscheidungsfindung über die Sachlage zu informieren.

Alles andere sei "tödlich" für den Schiedsrichter. "Er muss ja erst einmal selbst die Entscheidung treffen. Sonst steht er direkt unter Zugzwang und wird noch mehr von Spielern und Zuschauern beeinflusst", sagt SPORT1-Schiedsrichterexperte Heynemann.

Heynemann sieht generelles Problem

Der 64-Jährige sieht nach wie vor ein generelles Problem beim Videobeweis in Deutschland. Er sei "gut gedacht", aber "schlecht gemacht".

Bei der WM habe das Hilfsmittel nur deshalb ein positives Bild hinterlassen, "weil der Schiedsrichter auf dem Platz seine Autorität bewahren durfte und der Videoassistent nur bei klaren Fehlentscheidungen eingriff". Das sei in der Bundesliga bislang "kaum" der Fall gewesen, meint Heynemann.

Als prominentes Beispiel führt der Magdeburger die Szene im DFB-Pokalfinale zwischen dem FC Bayern und Eintracht Frankfurt an, als das zweite Tor des Frankfurters Ante Rebic wegen dessen Ballmitnahme noch einmal überprüft, schließlich aber korrekterweise gegeben wurde.

"Da jubeln 40.000 im Stadion und Millionen am Fernseher. Und dann wird tatsächlich noch einmal untersucht, ob Rebic den Ball mit dem Arm mitgenommen hat oder nicht. Ich brauche doch keinen Schiedsrichter mehr, wenn jeder Zweikampf bewertet und dokumentiert wird", sagt Heynemann.

Klappt's diesmal mit den Abseitslinien?

Gleiches gelte auch beim Einsatz von kalibrierten Abseitslinien, die laut der Sport Bild ebenfalls eingeführt werden sollen. Das virtuelle Hilfsmittel dürfe "ausschließlich bei klaren Fehlentscheidungen" zum Tragen kommen, betont Heynemann.

Es mache keinen Sinn, "wenn wir in Zukunft über Kniescheiben oder Schnürsenkel diskutieren, die sich im Abseits befinden. Der Videobeweis ist nur dann hilfreich, wenn er klare Fehlentscheidungen ausmerzt."

Ob das Experiment mit den Abseitslinien Früchte trägt, bleibt ohnehin noch abzuwarten. Die DFL hatte sie schon im vergangenen Sommer getestet, aufgrund technischer Schwierigkeiten aber wieder zügig abgeschafft. 

DFB-Schiedsrichterchef Lutz Michael Fröhlich hofft, dass der zweite Anlauf von Erfolg gekrönt ist. "Es wäre enorm hilfreich, weil dieses Instrument einen quasi objektiven Status besitzt", sagte Fröhlich bereits Anfang Juni dem kicker: "Dann fielen zumindest bei Abseitsszenen die vielen Diskussionen weg."

Aktuell befinden sich DFL und DFB in den finalen Abstimmungen zu den Neuerungen. Eine Einigung soll möglichst zeitnah erzielt werden, damit bis zum Liga-Auftakt am 24. August noch ausreichend Zeit für Schulungs- und Übungsmaßnahmen bleibt.

Die DFL wollte den Stand der Verhandlungen am Mittwoch auf SPORT1-Anfrage nicht kommentieren.

-----

Lesen Sie auch:

DFL reagiert auf Videobeweis-Kritik

Videobeweis: Fröhlich zieht Bilanz

Nächste Artikel
previous article imagenext article image