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München - Der FC Bayern hat den Rückstand auf den BVB nahezu wettgemacht, der Titelkampf ist spannend wie lange nicht. Was spricht für wen? SPORT1 macht den Titelcheck.

So spannend war der Kampf um die Meisterschaft lange nicht mehr.

In den vergangenen drei Wochen verspielte Noch-Spitzenreiter Borussia Dortmund einen Sieben-Punkte-Vorsprung auf den FC Bayern. Zehn Spieltage vor Saisonende trennen die beiden Schwergewichte nur noch zwei Tore.

"Was den Kampf um die Meisterschaft betrifft, gibt es nach den Wochen einige Sachen, die für Bayern München sprechen. Vieles sogar", sagt Sky-Experte Lothar Matthäus im Gespräch mit SPORT1.

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Wo aber sind die Münchner im Endspurt um die Meisterschale im Vorteil - und wo vielleicht doch die Dortmunder? SPORT1 macht den Titelcheck.

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- Form

Der BVB verlor am 24. Spieltag 1:2 bei Abstiegskandidat FC Augsburg. Die Bayern schossen Champions-League-Aspirant Borussia Mönchengladbach auswärts mit 5:1 ab und gewannen in der Liga zum elften Mal in den vergangenen zwölf Partien. Der BVB hingegen gewann nur eines seiner vergangenen sieben Pflichtspiele.

"Das war natürlich ein Top-Spieltag für uns. Das Momentum ist auf unserer Seite. Wir müssen jetzt so weitermachen", forderte Torschütze Thomas Müller.

Die Schwächeperiode, die der FC Bayern im vergangenen Herbst hatte, ist nun, ausgerechnet in der wichtigsten Phase der Saison, über Dortmund hereingebrochen.

SPORT1-Urteil: Vorteil Bayern.

- Stimmung

Hing in München vor allem im vergangenen Herbst der Haussegen schief, ist nun die Unruhe beim BVB spürbar.

Eurosport-Experte Matthias Sammer, zugleich BVB-Berater, sparte am Freitagabend nach der Pleite in Augsburg nicht mit Kritik und sagte: "Die Dortmunder sind unreif. Das Spiel wurde nicht sportlich entschieden, sondern im Kopf."

Manager Michael Zorc legte nach und tadelte erstmals öffentlich die Spieler. "Es kann nicht sein, dass verunsicherte und qualitativ unterlegene Gegner uns allein durch Laufbereitschaft und Begeisterung komplett aus dem Spiel nehmen", kritisierte Zorc in den Ruhr Nachrichten und fügte hinzu: "Die letzte Gier, das Tor zu machen, und dieser brachiale Wille, mit letzter Konsequenz zu verteidigen, haben mir gefehlt."

SPORT1-Urteil: Vorteil Bayern.

- Titelhunger

Die Bayern holten sechs Mal in Folge den Meistertitel, ließen der Konkurrenz in den Vorjahren nicht den Hauch einer Chance. "Was die Titelerfolge der Spieler betrifft, sind sie bei weitem voraus. Dann weiß man, wie man mit solchen Situationen umzugehen hat", erklärt Matthäus.

Zwar nehmen die Münchner in dieser Saison in Kauf, dass sie ob ihres eingeleiteten Umbruchs nicht Meister werden - sofern man den Worten von Uli Hoeneß im CHECK24 Doppelpass auf SPORT1 Glauben schenken kann. Dennoch ist die Lust natürlich groß, am Ende dieser turbulenten Saison doch noch vor Dortmund zu stehen.

"Ich glaube, wir haben sehr viel Erfahrung, und unsere Mannschaft hat einen guten Mix aus jungen Burschen, die auch noch die Gier nach Titeln haben - wie ein Kimmich, ein Coman, ein Gnabry, ein Süle. Dann haben wir auch noch ein paar Alte dabei, die schon sieben, acht Mal Deutscher Meister geworden sind", analysierte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge und ergänzte mit Blick auf die Meisterschaft: "Es ist unser Ziel jetzt, klar."

In Dortmund hat man den Titel nie als Ziel ausgegeben. Für Zorc ist er "kein Muss und wäre eine riesige Sensation". Dennoch stellt er klar: "Wenn ich am 24. Spieltag Erster bin, kann ich ja nicht zufrieden sein, wenn ich Vierter werde."

Die Mannschaft scheint dies nicht so verinnerlicht zu haben. Er habe "in den vergangenen Wochen das Gefühl, dass die letzten zwei, drei Prozent in puncto Fokussierung fehlten", beklagte Zorc.

SPORT1-Urteil: Vorteil Bayern.

- Kader

Aus Sicht von Manuel Neuer ist klar, was im Endspurt vor allem für die Bayern spricht: "Die Spieler, die unseren Kader bestücken, und so, wie wir jetzt aufgetreten sind. Wir spielen mit breiter Brust und sind sehr dominant", lobte der Kapitän. Und das, obwohl den Bayern in Gladbach Tolisso, Robben, Ribery, Coman, Goretzka und Alaba fehlten.

In der wichtigen Phase trumpfen plötzlich Spieler auf, die wochenlang keine Rolle spielten - wie in Gladbach Thomas Müller oder Javi Martinez. Der Baske spielte beim 0:0 in Liverpool bärenstark und traf zuletzt zweimal in Folge in der Liga.

Vom Verletzungspech sind die Dortmunder in dieser Saison auch nicht verschont geblieben. Zuletzt fiel vor allem der Ausfall von Marco Reus ins Gewicht, der gegen Augsburg zwar zurückkehrte, aber der Mannschaft noch nicht wie gewohnt helfen konnte.

"Er kann nicht nach drei, vier Wochen Verletzung zurückkommen und sagen, dass jetzt wieder alles klappt. Da ist Marco dann auch erst mal mit sich selbst beschäftigt und kann die Mannschaft nicht alleine führen", analysiert Matthäus.

Immerhin meldete sich Paco Alcacer mal wieder mit einem Treffer zurück und erzielte beim FCA nach zuvor 390-minütiger Durststrecke sein 13. Saisontor.

SPORT1-Urteil: Vorteil Bayern - auch wenn die Rückkehr von Reus und bald auch Lukasz Piszczek den Dortmundern noch einmal einen Schub geben könnte.

- Trainer

Niko Kovac stand in der Krise des FC Bayern kurz vor dem Rauswurf. Nur noch wenige Spieler hatte er mannschaftsintern auf seiner Seite, auch die Bosse waren sich unsicher - vor allem nach dem 3:3 gegen Düsseldorf in der Hinrunde.

Kovac änderte sich, veränderte das System, wurde strenger im Umgang mit seinen Stars. Das wirkte. Zwar spielen die Bayern noch immer nicht kontinuierlich überzeugend, aber sie haben wichtige Abläufe gefestigt - etwa im Gegenpressing und in der Offensive. Auch defensiv stehen sie in den vergangenen Wochen stabiler.

Zwar sind nach SPORT1-Informationen noch immer nicht alle Spieler restlos vom Trainer überzeugt, momentan spricht die Erfolgsserie aber klar für Kovac.

Lucien Favre wirkt derzeit dagegen etwas ratlos. Der Schweizer schafft es nicht, dass die Borussia das gleiche Tempo und den gleichen Spielwitz wie in der Hinrunde auf den Rasen zaubert. Taktisch scheint Favres BVB von den Gegnern entschlüsselt, es fehlen überraschende Impulse. Hinzu kommen die vielen Abwehrschnitzer.

"Wir können nicht träumen und jedes Spiel 20 Tore schießen", sagte Favre nach der Pleite in Augsburg konsterniert.

SPORT1-Urteil: Vorteil Bayern.

- Restprogramm

In den kommenden drei Partien warten auf die Bayern Wolfsburg (H), Mainz (H) und Freiburg (A). Dortmund trifft auf Stuttgart (H), Hertha BSC (A) und Wolfsburg (H). (Das Restprogramm von Bayern und BVB im Überblick)

Am 28. Spieltag kommt es dann zum direkten Aufeinandertreffen in der Allianz Arena.

Wird zuvor möglicherweise schon der VfB für Dortmund zum nächsten Stolperstein? Gegen Kellerkinder lässt Dortmund bisher auffällig viele Punkte liegen. Die beiden Saisonniederlagen gab es in Düsseldorf und Augsburg, in Hannover und Nürnberg reichte es jeweils nur zu einem Remis. Dortmund tut sich schwer gegen tiefstehende Mannschaften.

SPORT1-Urteil: Unentschieden.

- Belastung

Während die Münchner auch noch im DFB-Pokal (Viertelfinale am 3. April gegen Zweitligist Heidenheim - drei Tage vor dem Gipfel gegen Dortmund) und in der Champions League (Achtelfinal-Rückspiel am 13. März gegen Liverpool) um einen Titel mitmischen, ist der BVB im Pokal bereits ausgeschieden und steht nach dem 0:3 im Hinspiel gegen Tottenham Hotspur im Rückspiel am Dienstag vor dem Aus in der Königsklasse.

Heißt: Die Borussia wird sich ab Mittwoch wohl komplett auf den Endspurt in der Bundesliga konzentrieren können.

Zwar haben die Bayern genügend Erfahrung mit einer Mehrfachbelastung, ein paar Prozentpunkte Konzentration und Kraft könnten in der Bundesliga so aber fehlen.

SPORT1-Urteil: Vorteil Dortmund.

- Psyche

Matthäus sieht einen weiteren Punkt, der aktuell gegen Dortmund spricht: "Sie sind nicht mehr so frei mit ihrer Euphorie und ihrer Leichtigkeit. Bei Dortmund fängt man jetzt vielleicht an, zu viel nachzudenken. Das hemmt die Qualität ihres Spiels, die sie über ein halbes Jahr bewiesen haben."

Allerdings könnte die Leichtigkeit - jetzt, da der Vorsprung aufgebraucht wurde - durchaus noch einmal zurückkehren. Gemäß dem Motto: Man hat nichts zu verlieren.

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Die Bayern haben zwar den Vorsprung aufgeholt, von Überheblichkeit fehlt aber jede Spur. "Erst mal sind wir nicht Tabellenführer", erinnert Rummenigge besonnen: "Es sind noch zehn Spieltage, es ist noch nichts gemacht. Wir haben sehr gut gespielt, ich kann der Mannschaft nur ein Kompliment machen. Aber wir sind jetzt nicht so vermessen und sagen, dass alles geklärt ist. Es ist noch gar nichts geklärt."

SPORT1-Urteil: Unentschieden.

- Fazit

Vieles spricht dafür, dass die Bayern nach dem letzten Spieltag gegen Eintracht Frankfurt auch diesmal die Meisterschale in die Höhe recken werden.

Ähnlich sehen es übrigens die SPORT1-User. Mehr als 80 Prozent erwarten den FC Bayern als Meister.

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