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Für Lucas Hernandez gehen die Bayern an ihr Festgeldkonto. Der Neuzugang hat viele Qualitäten - doch eines hat er nicht im Repertoire. SPORT1 stellt den Weltmeister vor.

Als der FC Bayern am Mittwochnachmittag die Meldung verbreitete, dass Lucas Hernandez ab der kommenden Saison im Trikot der Münchner auflaufen werde, hielt sich die Überraschung in Grenzen.

Die spanische Tageszeitung Marca hatte den Deal schon im vergangenen Dezember vermeldet, allerdings war der Transfer noch nicht spruchreif. Atletico kämpfte noch um seinen Weltmeister, kämpfte aber gegen Windmühlen.

Nach zwölf Jahren bei den Colchoneros hatte Hernandez den Drang, sich zu verändern. 

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"Das ist heute ein ganz wichtiger Tag in meiner Fußball-Karriere", wird der 23-Jährige auf der Website der Münchner zitiert. "Der FC Bayern München ist einer der besten Klubs in Europa und der Welt. Ich bin stolz, künftig um alle Titel für Bayern kämpfen zu können", kommentierte Hernandez seinen Wechsel.

80 Millionen Euro, die Höhe der Ausstiegsklausel in Hernandez' Vertrag, überweist der deutsche Rekordmeister an Atletico Madrid - auch das vermeldeten die Bayern. 

Uli Hoeneß: "Wenn Sie wüssten..."

Ausgerechnet Uli Hoeneß widersetzte sich seiner inneren Überzeugung, keine "verrückten Dinge" auf dem Transfermarkt zu machen. Im CHECK24 Doppelpass von SPORT1 hatte der Bayern-Präsident vor vier Wochen bereits angekündigt, dass die Zeitenwende im kommenden Sommer eintreten werde. 

"Wir hatten beschlossen, nicht diese sondern nächste Saison zu klotzen", sagte Hoeneß zum Kaderumbau." Und: "Wenn Sie wüssten, was wir alles schon sicher haben für die kommende Saison..." 

Einer davon - das ist jetzt klar - wird Lucas Hernandez sein. Die Frage lautet: Ist er diese Summe wirklich wert? 

In seiner Kernkompetenz als Abwehrspieler dürfte der Franzose weltweit nur wenige Konkurrenten haben, die ihm das Wasser reichen können - sei es auf der linken Seite oder im Zentrum. Dank herausragender Tugenden, seiner Zweikampfstärke und Schnelligkeit, erledigt Hernandez die ihm aufgetragenen defensiven Aufgaben zumeist ohne größere Schnitzer.

Sein Motto auf dem Platz könnte vom früheren Bayern-"Krieger" Arturo Vidal stammen "Gegen Messi, Suarez oder Neymar zu spielen, ist ein Kindheitstraum", sagte Hernadez einmal. "Aber auf dem Platz gibt es keine Träume. Da ist Krieg." 

Spanien? Hernandez entscheidet sich um

Neben den kämpferischen Attributen hat Hernandez, dessen jüngerer Bruder Theo aktuell von Real Madrid an Real Sociedad ausgeliehen ist, aber auch eine ausgesprochen gute Technik zu bieten.  

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"Sehr sauber" spiele Hernandez, sagte unlängst Bixente Lizarazu, der als dessen Vorgänger beim FC Bayern zwischen 1997 und 2006 die linke Abwehrseite beackert hatte. Genau aus diesem Grund berief ihn der französische Nationaltrainer Didier Deschamps in den WM-Kader und stellte ihn sogar als Stammspieler auf die linke Abwehrseite.

Dass Hernandez überhaupt für die Equipe Tricolore auflaufen würde, hatte sich im Frühjahr 2018 noch nicht abgezeichnet. Damals schwärmte der junge Franzose noch für das Land, in dem er den weitaus größten Teil seines bisherigen Lebens verbracht hatte: Spanien. 

Als Sohn des ehemaligen Atletico-Verteidigers Jean-Francois Hernandez wurde Lucas zwar in Marseille geboren, zog dann aber im Alter von fünf Jahren mit seiner Familie in die spanische Hauptstadt.

Spanisch spricht er besser als französisch, entsprechend signalisierte Hernandez seine Bereitschaft, für das Team des damaligen spanischen Nationaltrainers Julen Lopetegui zu spielen: "Wenn mein spanischer Pass bald da ist, wäre es eine Ehre, für die Nationalmannschaft zu spielen. Ich sehe mich als Spanier."

Polizei schlichtet Streit mit Freundin

Dann aber überzeugte ihn offenbar Deschamps doch noch, als französischer Nationalspieler mit nach Russland zu fahren. Der Rest ist Geschichte.

Irritierend ist aber nicht nur sein Umdenken in Sachen Nationalmannschaft - auch ein handfester Streit mit seiner damaligen Freundin Amelia sorgte Anfang Februar 2017 für Schlagzeilen. Die Polizei musste schlichten, die beiden Streithähne wurden zu 31 Tagen gemeinnütziger Arbeit verdonnert, es gab sogar ein Kontaktverbot. 

So heftig sie sich stritten, so schnell vertrugen sie sich aber wieder: Vier Monate später folgte die Trauung, mittlerweile hat das Ehepaar männlichen Nachwuchs. 

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Sportlich erstaunt indes ein Blick auf die Scorer-Listen der vergangenen Jahre. Darin taucht der Defensivspezialist, wenn überhaupt, ganz am Ende auf. In seinen 110 Einsätzen für Atletico erzielte er einen einzigen Treffer (am 19. Januar 2019 beim 3:0-Sieg in Huesca) und gab nur vier Torvorlagen. 

Noch am Mittwoch, dem Tag als der FC Bayern ihn als Neuzugang vermeldete, ließ sich Hernandez am Knie operieren. Sein letztes Spiel für Atletico hat er damit schon bestritten. Bis zur Sommer-Vorbereitung mit dem neuen Klub soll er wieder fit sein. 

Die Bayern-Fans dürfen sich also auf den nächsten Weltmeister in ihren Reihen freuen. Einer, der robust, verlässlich und technisch versiert ist. Einen offensiven Wirbelwind sollten sie aber nicht erwarten.

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