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München - Aus Monaco hat Naldo die Situation bei Schalke 04 genau im Blick, spricht bei SPORT1 über seinen Abschied und das Aus von Christian Heidel.

Naldo ist einer der bekanntesten Brasilianer der Bundesliga-Geschichte. Dreizehneinhalb Jahre spielte der Innenverteidiger in Deutschland und absolvierte für Werder Bremen, den VfL Wolfsburg und den FC Schalke 04 insgesamt 358 Spiele.

Nachdem der 36-Jährige in der vergangenen Saison auf Schalke Stammspieler war, gab der Verein im Januar die überraschende Trennung bekannt - und Naldo wechselte zum französischen Erstligisten AS Monaco. Doch er kriegt weiter genau mit, dass beim Revierklub nach der Rücktrittsankündigung von Christian Heidel gerade einiges in Bewegung ist.

Vor dem Heimspiel der Königsblauen gegen Fortuna Düsseldorf (Bundesliga: FC Schalke 04 - Fortuna Düsseldorf ab 18 Uhr im LIVETICKER) spricht Naldo im SPORT1-Interview über die Krise bei seinem Ex-Klub, Heidel und Schalke-Coach Domenico Tedesco.

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SPORT1: Naldo, wie geht es Ihnen nach den ersten Monaten in Monaco?

Naldo: Es geht mir sehr gut und meiner Familie auch. Es ist ganz anders als in Deutschland, wo wir über 13 Jahre sehr gut gelebt haben. Meine Zeit in Bremen, Wolfsburg und Schalke hat mir viel gegeben, vor allem fußballerisch. Ich bin dankbar für meine tolle Karriere in der Bundesliga. Mein Beginn in Monaco war nicht so gut. Ich habe gleich in meinen ersten drei Spielen zwei Mal Rot bekommen. Das ist sehr ungewöhnlich für mich und das tut mir auch leid. Ich hatte in meiner ganzen Karriere bislang nur vier Platzverweise.

SPORT1: In den vergangenen Monaten herrschte viel Unruhe im Verein ...

Naldo: Ja, der Trainer (Thierry Henry, Anm. d. Red.) und der Vize-Präsident (Vadim Vasilyev, Anm. d. Red.) haben den Klub verlassen. Ein neuer Trainer (Leonardo Jardim, Anm. d. Red.) ist gekommen und alles musste von vorne beginnen. Ich mache mir aber keinen Druck. Wir trainieren hart, dennoch war der Druck in der Bundesliga größer. Ich genieße großes Vertrauen und fühle mich in Monaco sehr wohl. Unsere Mannschaft gibt wirklich alles, um die Situation zu verbessern. Jetzt sieht es sehr gut aus, wir haben in den vergangenen vier Spielen drei Mal gewonnen und ein Unentschieden erreicht. Ich bereue den Schritt, nach Monaco gekommen zu sein, nicht.

Naldo: Denke oft an mein Tor gegen den BVB

SPORT1: Vermissen Sie die Bundesliga?

Naldo: Natürlich. Manchmal sogar sehr. Ich war so viele Jahre Teil von dieser unglaublich attraktiven Liga und verfolge die Spiele dort immer noch sehr genau. Ganz ehrlich? Ich werde die Bundesliga immer vermissen. Ich denke oft an mein 4:4-Ausgleichstor bei Borussia Dortmund. Es gab fast immer volle Stadien und ich hatte so oft Gänsehaut. Wenn ich nur an die Veltins Arena denke, das war schon ein unbeschreibliches Gefühl. Das ist in Frankreich nicht so.

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SPORT1: Wie lange werden Sie in Monaco spielen?

Naldo: Ich habe einen Vertrag bis 2020 unterschrieben, ich fühle mich noch fit genug und mein Körper ist zum Glück noch nicht am Limit angekommen. Mal schauen, was im nächsten Jahr passiert. Vielleicht komme ich auch nach Deutschland zurück, denn das Leben dort hat meiner Familie und mir immer gefallen. Ich habe noch gute Verbindungen zu meinen Ex-Klubs Bremen, Wolfsburg und Schalke. Bremen war meine erste Station, die sehr wichtig für mich war. Danach waren die Knappen mein Verein. Ich verdanke Schalke so viel, dem Verein, der Mannschaft. Aber ich hatte auch vier super Jahre in Wolfsburg. Ich kann es mir mit allen drei Vereinen sehr gut vorstellen. Mal schauen, was im Sommer passiert und wer Interesse an mir zeigt - nicht nur als Spieler auf dem Platz. Ich habe auch viel fußballerisches Wissen, das ich weitergeben kann.

SPORT1: Würden Sie gerne Trainer werden oder lieber im Management arbeiten?

Naldo: Im Fußball soll man zwar nie Nein sagen, aber ich kann mir nicht vorstellen, als Trainer zu arbeiten. Ich sehe mich eher im Management. Oder als Repräsentant. Ich möchte gerne dazu beitragen, dass ein Verein besser wird, ihn mit neuen strategischen Ideen nach vorne bringen.

Heidel-Rücktritt überraschte auch Naldo

SPORT1: Sie waren enttäuscht, dass es für Sie auf Schalke nicht weiter ging. Warum kam es zur Trennung?

Naldo: Das Feeling und mein Vertrauen waren einfach nicht mehr komplett da. Wenn man sich im Training anstrengt und trotzdem außen vor bleibt, muss man eine Entscheidung treffen. Ich habe die Meinung der Bosse akzeptiert. Ich vertrete aber auch meine eigene Meinung.

SPORT1: Wie sehr verfolgen Sie Schalke 04 momentan?

Naldo: Ich verfolge das fast jeden Tag und weiß natürlich, was los ist. Ich rede auch hin und wieder mit dem einen oder anderen Spieler. Diese Saison läuft nicht so gut. Die Hinrunde war schon nicht gut, aber die Rückrunde zeigt keine Besserung, obwohl es alle erhofft hatten. Das bringt Unruhe in den Verein. Auch dass Christian Heidel von sich aus seinen Rücktritt angekündigt hat, hat jeden überrascht. Aber sie müssen zusammenhalten, sonst wird es nicht besser. Nur zusammen kann man die Krise überwinden. Die Verantwortlichen und die Spieler dürfen die Kritik, die sicher berechtigt ist, nicht zu sehr an sich heranlassen. Fakt ist leider: In dieser Saison geht es nur noch um Schadensbegrenzung auf Schalke.

SPORT1: War Heidels Rücktritt ein Schock für ganz Schalke? Wie haben Sie das wahrgenommen?

Naldo: Das hat mich schon sehr überrascht. Ich kenne Heidel sehr gut. Ich war schließlich sein erster Transfer, als er 2016 zum Verein kam. Wir hatten immer ein gutes Verhältnis mit viel Vertrauen. Heidel war oft in der Kritik, nur in der vergangenen Runde lief es sorgenfrei. Dass es in der aktuellen Saison wieder so schwer werden würde, kam überraschend und ist nicht gut. Wenn es Probleme gibt, sucht man schnell einen Schuldigen. Heidel hat es geschafft, Ruhe reinzubringen, aber zuletzt gelang ihm das nicht mehr.

Naldo: Heidel hatte Pech mit Goretzka, Meyer und Co.

SPORT1: Warum?

Naldo: Der Druck wurde immer stärker. Auch als darüber nachgedacht wurde, ihm jemanden zur Seite zu stellen, war das kein gutes Signal. Meiner Meinung nach ist Heidel ein großer Verlust für Schalke. Natürlich weiß ich nicht, was in den zurückliegenden Monaten im Verein genau vorgefallen ist. Aber man hätte ihn nicht alleine lassen sollen. Der Verein ist wichtig, nicht ein einzelner Spieler, nicht der Manager, sondern der Klub als solcher. Ich hoffe, dass man in der Tabelle bald etwas höher klettern kann, um diese Saison noch irgendwie zu retten.

SPORT1: Hat Heidel in seiner Zeit auf Schalke auch Fehler gemacht?

Naldo: Fehler macht jeder. Selbst der erfolgreichste Manager liegt mal daneben. Heidel weiß sicher, dass nicht alles goldrichtig war. Es haben ein paar Transfers nicht geklappt, die man getätigt hat. Das hat den Kader sicher geschwächt. Heidel hat auch Pech gehabt, wie bei Leon Goretzka oder Max Meyer, die sich für neue Vereine entschieden haben und ablösefrei oder dank einer besonderen Klausel gehen konnten. Die Spieler, die er verpflichtet hat, haben große Namen und kennen die Bundesliga schon lange. Wenn es dann nicht funktioniert, ist Kritik nicht weit. Doch als Manager muss Heidel damit rechnen. Er trägt die Verantwortung, aber nicht alleine.

SPORT1: Für viele Schalker ist Heidel der Sündenbock. Für Sie auch?

Naldo: Nein! Gewiss nicht. Es gibt für die aktuelle Situation viele Sündenböcke auf Schalke. Man darf sich nicht nur einen herauspicken in so einer Krise. Das ist mir zu einfach. Es sind alle verantwortlich für diese schlechte Saison.

Tedesco auf Schalke unter Druck

SPORT1: Wie sehen Sie Trainer Domenico Tedesco? Er muss ebenfalls sehr viel Kritik einstecken - muss er Angst um seinen Job haben? 

Naldo: Leicht wird es nicht für ihn. Er wird nun noch strenger beobachtet. Wenn es nicht gut läuft, steht der Trainer automatisch in der Kritik. Er trägt die Verantwortung für die Mannschaft. Aber jeder einzelne Spieler steht gerade unter Druck. Wenn die Ergebnisse besser werden, kann Tedesco sich halten. Wenn nicht, dann wird es auch um seine Person gehen. Nur gute Ergebnisse bringen Ruhe.

SPORT1: Glauben Sie, dass der neue Sportvorstand Jochen Schneider der richtige Mann für S04 ist? Oder muss sich Clemens Tönnies auch Kritik gefallen lassen?

Naldo: Ich kenne Herrn Schneider nicht, aber ich habe schon einiges von ihm gehört. Erfahren genug ist er für diesen Job. Ich wünsche ihm viel Glück bei seinen Entscheidungen. Auch Clemens Tönnies wünsche ich nur das Beste. Er ist das Herz von Schalke und leidet sicher sehr mit dem Verein. Wenn alle sich reinhauen für diesen wunderbaren Klub, wird Schalke wieder erfolgreich sein. Das Potenzial ist doch da.

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