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München - Einst beendete Jens Lehmann die Ära von Oliver Kahn und verfolgte große Ambitionen. Doch sein Scheitern beim FC Augsburg ernüchtert - während Kahn wieder obenauf wirkt.

Noch gewaltiger als Oliver Kahn ging kaum, das musste damals auch Jens Lehmann zur Kenntnis nehmen. Es war 2006, das Sommermärchen stand unmittelbar vor seinem Anfang. Kahn, der Titan, begrüßte die Fans aus aller Welt zur Fußball-WM in Deutschland. Mit einer riesigen Statue seiner selbst, die über die vierspurige Autobahn in der Nähe des Münchner Flughafens ragte.

Dabei war Kahn kurz zuvor überraschend als Nummer 1 im DFB-Team-Tor und Kapitän degradiert worden. Eigentlich hätte deshalb Lehmann als 65 Meter breite und 18 Meter hohe Stahl-Konstruktion von den Ausmaßen einer Boing 747 die Welt zu Gast bei Freunden willkommen heißen müssen.

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Hingucker bei der WM 2006: Oliver Kahn in Überlebensgröße als hechtender Keeper über die Münchner Autobahn © Getty Images

Denn Kahn, der zuvor unantastbare Schlussmann des FC Bayern, stand am Scheideweg seiner Karriere, gab noch während der WM seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekannt.

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Eine Ära war zu Ende gegangen. 2008 folgte noch Kahns Abschied beim Rekordmeister - während sein ewiger Widersacher Lehmann endlich auf dem Zenit seiner sportlichen Laufbahn angelangt war, ihm auch für die Zeit danach alle Optionen offen schienen.

Nicht nur als Fußball-Profi, mit dem Adler auf der Brust und als England-Legionär beim FC Arsenal, sondern bei den Gunners später auch als rechte Hand von Trainer-Legende Arsene Wenger.   

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Kahn wird Bayern-Boss - Lehmann scheitert bei FCA 

Knapp 13 Jahre später allerdings ist es wieder Kahn, der obenauf wirkt. Als designierter Nachfolger von Karl-Heinz Rummenigge beim FC Bayern ist der inzwischen 49-Jährige dazu auserkoren, bald Vorstandschef des mächtigsten deutschen Fußball-Klubs zu werden. Kahn wird dann wieder die Marschroute vorgeben, wie er es jahrelang getan hat.

Ein Alphatier, das dank seiner vor allem auch nach dem Karriereende erworbenen Kompetenzen genau das Anforderungsprofil des FCB zu erfüllen vermag.

Weniger wegen Kahns Expertise als TV-Experte beim ZDF, der Veröffentlichung seiner Autobiografie sowie 2010 eines Jugendbuchs ("Du packst es! Wie du schaffst, was du willst") oder vieler anderer Projekte wie das Engagement als Markenbotschafter eines Wettanbieters oder seine Unterstützung bei der Ausbildung von Torhütern des Saudi-Arabischen Fußballverbands.

Vielmehr beeindruckt Kahn, der ab 2020 Mitglied des Vorstands und spätestens Ende 2021 Rummenigge als Vorsitzenden des Gremiums beerben soll, durch seinen zweiten Bildungsweg. Kahn knüpfte wieder an sein BWL-Studium an, darf sich seit 2012 Master of Business Administration (MBA) nennen, sammelte Erfahrungen als Entrepreneur, indem er das Unternehmen Goalplay gründete, dessen Ziel es ist, Torhüter online zu schulen.

Unternehmer Kahn und Co-Trainer Lehmann

Das Bayern-Gen hat der dominante Badener eh intus. "Wenn ich mich so einer Herausforderung stelle, dann auch nur dann, wenn ich mich bereit fühle", hatte Kahn kürzlich im ZDF-Sportstudio gesagt.

Am Scheideweg wiederum steht nun Lehmann. Beim FC Augsburg wollte der gerade mal knapp fünf Monate jüngere Ex-Keeper zuletzt als Assistenztrainer durchstarten. Es sollte ein Sprungbrett sein für höhere Aufgaben. Ausgerechnet der alte Rivale Kahn sagte zu Lehmanns Amtsantritt Ende Januar dazu der Sport Bild: "Ich weiß aus Erfahrung, dass Jens Lehmann als Nummer zwei ungemütlich sein kann und sich damit nicht zufrieden gibt."

Doch nach gerade mal 71 Tagen ist schon wieder Schluss beim FCA, Lehmann  musste mit dem gefeuerten Chefcoach Manuel Baum gehen. Die Bewerbung ist gründlich in die Hose gegangen. Darüber nicht hinwegtäuschen können auch die warmen Abschiedsworte von Augsburgs Geschäftsführer Stefan Reuter. Obwohl  dieser "absolut überzeugt" war, "dass Jens den ein oder anderen Impuls gebracht und uns sicherlich für das ein oder andere Spiel auch weitergebracht hat".

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Doch die Dinge haben sich anders entwickelt, und Lehmann muss sich abermals neu orientieren. So wie nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn, die für ihn nach 147 Spielen für Arsenal zwischen 2008 und 2010 immerhin noch zwei Bundesliga-Spielzeiten beim VfB Stuttgart inklusive Champions-League-Teilnahme bereithielt. Ehe Lehmann mit 41 Jahren noch mal ein kurzes Intermezzo als Ersatztorwart bei Arsenal gab.

Streitbarer Charakterkopf versus Löw 

Dazwischen war der streitbare Charakterkopf - gegen seinen Willen - ebenso wie Kahn aus der Nationalelf herauskomplimentiert worden, weil Bundestrainer Joachim Löw nach dem verlorenen EM-Finale 2008 einen Neuanfang mit einem jüngeren Keeper wollte. Robert Enke übernahm zunächst, dann René Adler, schließlich Manuel Neuer.

In der Folgezeit liebäugelte der einstige Herausforderer Lehmann zwar immer wieder mit seiner Rückkehr zwischen die deutschen Pfosten - doch vergebens. Als dann noch ein mögliches Engagement in Löws Trainerteam unmittelbar vor der WM in Brasilien platzte, verlegte sich Lehmann fortan nur noch auf die Rolle des Chefkritikers. Vor allem an Löws Arbeit ließ er als TV-Experte selten ein gutes Haar, zu tief saß der Stachel der Enttäuschung. 

Den Tiefpunkt des Verhältnisses markierte - nach dem Triumph von Rio- der verlorene EM-Quali-Auftakt im Herbst 2014 (0:2 gegen Polen). Lehmann lederte direkt nach Abpfiff gegen den neben ihm sitzenden Löw bei RTL: "Ihr hattet jetzt acht Wochen bei der WM, aber auf den Außenverteidiger-Positionen sehe ich noch keine Lösungen. Da hätte man etwas entwickeln können."

Nach dem Halbfinal-Aus gegen Frankreich bei der EM 2016 irritierte Lehmann dann mit dem Tweet "Löw knows the rules" - ein Satz der als versteckte Rücktrittsforderung an den Weltmeister-Coach gedeutet wurde.

Kahn und Lehmann: Reservistenrolle nie akzeptiert

Mit der Reservistenrolle hinter Lehmann konnte sich allerdings auch Kahn niemals abfinden, die stark unterkühlte Beziehung der beiden Dauer-Kontrahenten und Alphatiere entspannte sich erst in jüngster Vergangenheit etwas. "Mein Verhältnis damals zu Kahn war sicherlich eine Fünf", hatte Lehmann einst dazu gesagt.

Schließlich war es Kahn, der die tiefe gegenseitige Abneigung durchbrach. Fast schon legendär wirken im Nachhinein die TV-Aufnahmen vor dem Elferschießen im WM-Viertelfinale 2006 gegen Argentinien, als der unterlegene Platzhirsch Kahn zu Lehmann ging, ihm über den Kopf streichelte und Glück wünschte.

Glück kann Lehmann auch jetzt wieder gebrauchen, wie seine Zukunft aussieht, ist offen. Seinen Job als TV-Experte bei RTL hatte der gebürtige Essener mit Dienstbeginn in Augsburg aufgegeben - und nun bemerkenswerterweise an jenen Jürgen Klinsmann verloren, der ihn als Bundestrainer 2006 zur Nummer 1 machte.

Lehmann dürfte zur Kenntnis genommen haben, dass ihm nach dem neuerlichen Scheitern beruflich allzu viele Tore allzu schnell erst einmal nicht offenstehen. Und dabei verfolgen, wie gewaltig sich Kahn in dessen neuer Rolle beim FC Bayern entwickeln mag.

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