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München - Lucien Favres Schachzüge im Topspiel beim FC Bayern gehen nach hinten los. Hat der BVB-Coach sein glückliches Händchen ausgerechnet im Saison-Endspurt verloren?

Wie ein begossener Pudel oder vielmehr wie ein geprügelter Hund schlich Lucien Favre zum Mannschaftsbus.

Das 0:5 beim FC Bayern, dieses Debakel, lastete spürbar auf dem Trainer von Borussia Dortmund, nagte in seinem Inneren. Auf der Suche nach den richtigen Antworten sprach er mit leiser Stimme von einer "Lehrstunde". Es war nicht nur eine demoralisierende Vorführung des gestürzten Tabellenführers, sondern auch für Favre selbst. 

Denn die Schachzüge des gewieften Taktikers waren nicht aufgegangen. Im Gegenteil, sie gingen nach hinten los.

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Doch es geht nicht nur um das Spiel in der Allianz Arena. Hatte Favre den BVB nach seiner Amtsübernahme im Eiltempo und mit einer spielerischen Leichtigkeit an die Spitze geführt, dabei ein wahres Goldhändchen bei seinen Entscheidungen und Einwechslungen bewiesen, so gibt es inzwischen Anzeichen für Favres Entzauberung. Aber der Reihe nach.  

Reus-Rochade als doppelter Fehlgriff 

In München beorderte Favre überraschend Kapitän Marco Reus in die vorderste Front als Sturmspitze. Nach der Verletzung von Paco Alcácer waren eigentlich alle davon ausgegangen, dass Mario Götze diese Position bekleiden würde. Die Reus-Rochade entpuppte sich schließlich als doppelter Fehlgriff.

Im Sturmzentrum war Reus zumeist isoliert, hatte nur 30 Ballkontakte, verlor zehn von 13 Zweikämpfen und gab keinen Torschuss ab. Nur an einer gefährlichen Aktion war Reus beteiligt: beim Pass in der Anfangsphase auf Mahmoud Dahoud, der den Ball schließlich an den Pfosten setzte.

Zudem fehlte Reus im Mittelfeld als Anspielstation und Antreiber. Der BVB hatte somit weder Spielkontrolle noch Entlastung, wurde von den Bayern überrollt.  

"Nicht meine Lieblingsposition"

"Der Trainer hat nicht mit mir über die Taktik und meine Position gesprochen”, sagte Reus und verwies darauf, dass bekannt sei, dass das "nicht meine Lieblingsposition ist."

Allerdings wollte Reus keine Entschuldigungen gelten lassen oder die Schuld auf den Trainer abwälzen. "Es ist scheißegal, wo du auf dem Platz stehst", sagte Reus bei Sky: "Du musst deine Leistung bringen und Einsatz zeigen. Das haben wir im Kollektiv nicht geschafft."

Die Experten im CHECK24 Doppelpass waren sich einig: "Marco war ganz alleine vorne und bekam keine Unterstützung. Diese Aufstellung war falsch", sagte Steffen Freund, 1997 Champions-League-Sieger mit dem BVB. SPORT1-Experte Marcel Reif erklärte: "Wir sagen ständig: Ohne Reus haben sie ein Problem. Und dann stellt der Trainer ihn dahin, wo er nicht die Stärke hat wie auf der Zehn."

Favre begründete seine Maßnahme damit, er habe "mehr Tiefe in den Aktionen schaffen wollen". 

Dahoud völlig überfordert 

Der für Götze aufgebotene Dahoud war auf der eigentlichen Reus-Position völlig überfordert. Nach seiner vergebenen Großchance konnte er sich nie ins Spiel einbringen, verlor 77 Prozent seiner Zweikämpfe und leistete sich darüber hinaus haarsträubende Fehlpässe.

Favre mag sich an das Hinspiel erinnert haben, in dem Dahoud als Einwechselspieler zur Halbzeit das Spiel mit drehte. Zumeist blieb Dahoud in seinen wenigen Kurzeinsätzen seitdem den Nachweis seiner Klasse aber schuldig – auch diesmal.  

Torflut nach Standards 

Ein weiterer Punkt, der in Favres Zuständigkeitsbereich fällt: Die Anfälligkeit bei Standardsituationen. Das 0:1 durch Mats Hummels war das sechste der vergangenen 13 Gegentore, das sich die Borussia nach einer Ecke oder einem Freistoß einfing. Favre lässt bei Ecken gerne im Raum verteidigen. Diesmal stand Lukasz Piszczek vor Hummels, Manuel Akanji dahinter – doch keiner von beiden nah genug beim Torschützen.

"Der Trainer weist jeden Spieler immer wieder darauf hin, wie wir zu stehen und abzuspringen haben", sagte Reus auf SPORT1-Nachfrage zum BVB-Problem. "Das erste Tor war eine Standardsituation, einfacher geht es nicht mehr", ärgerte sich BVB-Sportdirektor Michael Zorc.

Die Anfälligkeit war in München über das ganze Spiel gravierend. Auch bei fast allen anderen der zehn Ecken der Münchner brannte es im Dortmunder Strafraum.

"Du musst gegen den Mann verteidigen bei den Bayern-Standards und nicht im Raum. Das war symptomatisch für das ganze Spiel: Keiner wollte in die Zweikämpfe gehen und sie annehmen", sagte SPORT1-Experte Stefan Effenberg im CHECK24 Doppelpass

Zagadou mit nächstem Blackout 

Auch die individuellen Fehler ziehen sich wie ein roter Faden durch die Rückrunde. Diesmal war es Dan-Axel Zagadou, der Robert Lewandowski vor dem 0:2 den Ball ohne Not in die Füße spielte. Es war nicht der erste Blackout des jungen Franzosen (SPORT1-NOTE 6). 

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Zagadou blieb zur Halbzeit für Julian Weigl in der Kabine. Weigl hatte eigentlich während der Verletzung von Zagadou als Not-Verteidiger einen guten Job gemacht, fand sich dann aber auf der Bank wieder. Auch in München lieferte er nach seiner Einwechslung eine solide Partie ab. 

"Mit jungen Spielern gewinnst du keine Meisterschaft", hatte Dortmunds externer Berater Matthias Sammer schon vor Wochen gewarnt. Effenberg monierte Dortmunds Auftreten "wie das Kaninchen vor der Schlange". Freund kritisierte: "Man muss die Einstellung und Körpersprache ansprechen. Auch die ganz normalen Dingen haben nicht funktioniert. Deshalb muss man auch den Trainer dabei nennen."

Erschöpfung macht sich breit beim BVB

Der wird zu allem Überfluss in der Rückrunde von einer anderen besorgniserregenden Entwicklung geplagt: Der zunehmenden Zahl der Muskelverletzungen. Im Topspiel musste Raphael Guerreiro deshalb ebenso passen wie Christian Pulisic, der verletzt von der Nationalmannschaft der USA zurückgekehrt war.

Mit Muskelverletzungen pausieren mussten in den vergangenen Wochen auch schon die Schlüsselspieler Reus, Axel Witsel und Alcácer, der diesmal aber wegen einer Arm-Verletzung ausfiel. 

Im Gegensatz zur Hinrunde, als der BVB mit Tempo- und Kombinationsfußball begeisterte, entsteht in der Rückrunde der Eindruck, dass sich die Dortmunder eher Richtung Ziellinie schleppen. Viele Last-Minute-Tore sind zwar ein positives Zeichen im Hinblick auf die Mentalität der Mannschaft, die fehlende Leichtigkeit aber auch ein Zeichen der mentalen Belastung.

"Wir müssen uns auf das Spiel konzentrieren und nicht immer denken: gewinnen, gewinnen, gewinnen", sagte Favre nach dem Debakel von München. Die Sperre im Kopf scheint der Trainer noch nicht lösen zu können.

Von der Leitungsebene des BVB bekommt er breiteste Unterstützung, jede Frage zu den Entscheidungen des Trainers wurde in München im Keim erstickt. Jetzt ist es an Favre, die Enttäuschung vom Samstag schnell abzuschütteln - und den Zauber wieder zu entfachen.

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Hinweis:
In einer früheren Version dieses Textes wurde Sebastian Kehl, Leiter der Lizenzspielerabteilung des BVB, mit den Worten zitiert, er sei "durchaus überrascht" über die Aufstellung des BVB in München gewesen. Dieses Zitat wurde ihm leider fälschlicherweise zugeschrieben. Wir bedauern diesen Fehler und bitten die SPORT1-User und Herrn Kehl um Entschuldigung.

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