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München und Paderborn - Dem SC Paderborn gelingt sensationell der Aufstieg in die Bundesliga. Eine beispiellose Fußball-Geschichte von Aufs und Abs, die ihren Ursprung in München hat.

Der 2. Juni 2017 wird wohl für alle Zeiten in den Geschichtsbüchern des SC Paderborn eine Sonderseite erhalten.

An diesem Freitagnachmittag wurde weder ein sportlicher Erfolg errungen, noch das neue Stadion eingeweiht.

Dennoch müssen die Jubelschreie auf der Geschäftsstelle im Benteler Stadion bis tief in die Paderborner Innenstadt gehallt haben - oder vielmehr: die Seufzer der Erleichterung.

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Gruß aus dem Süden

Der Auslöser hierfür entsprang knappe 550 Kilometer weiter im Süden der Republik - genauer gesagt in München. Noch genauer gesagt in einer Pressemitteilung des Unternehmens HAM International Limited:

"Leider ist es Herrn Ismaik derzeit nicht möglich, den erheblichen Betrag, der für die 3. Liga benötigt wird, bereitzustellen (…)."

Was war passiert? Der langjährige und zugleich umstrittene Investor des TSV 1860 München, Hasan Ismaik, hatte soeben über seine Firma HAM verkünden lassen, die Zahlung der erforderlichen rund elf Millionen Euro zur Rettung seines Vereins 1860 München zu verweigern.

Die DFL entzog dem Traditionsverein aus der bayrischen Landeshauptstadt daraufhin die Lizenz für die 3. Liga, 1860 musste den Gang in den Amateurfußball antreten.

Der eigentlich sportlich abgestiegene SC aus Paderborn durfte seinen Fans eine weitere Spielzeit Profifußball servieren.

Einmal Himmel und zurück

Dabei erlebten die Ostwestfalen in den vorausgegangenen Spielzeiten einen beispiellosen sportlichen Absturz.

Rückblick: In der Saison 2014/15 durfte der Klub zum ersten Mal in seiner Vereinsgeschichte Bundesliga-Luft schnuppern. Ein kleines Fußball-Wunder für einen Klub dieser Größenordnung.

Das deutsche Oberhaus erwies sich jedoch noch als eine Nummer zu groß.

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Der direkte Wiederabstieg war einkalkuliert, auch wenn man sich im Verein natürlich einen längeren Aufenthalt in Deutschlands höchster Spielklasse gewünscht hätte.

Infolgedessen verließen einige Leistungsträger den Verein, der Qualitätsverlust konnte nicht adäquat aufgefangen werden, der finanziell klamme Klub aus Nordrhein-Westfalen wurde ohne Umwege in die dritte Liga durchgereicht.

Und auch dort fand der Verein keinen Zugriff, die neu formierte Mannschaft enttäuschte erneut und der endgültige GAU war perfekt: drei Abstiege in drei Jahren – von Champagner-Spielen gegen den FC Bayern in die fußballerische Bedeutungslosigkeit in Rekordzeit. Fast perfekt.

König der Phönixe 

Bis zu jenem denkwürdigen Freitag im Sommer 2017. Bis zu dem Tag, an dem der TSV 1860 München in Person von Investor Ismaik dem SCP einen Strohhalm hinhielt.  

Der Patient Paderborn war bereits für tot erklärt worden, nun wurde ihm unverhofft neues Leben eingehaucht.

Diese Nahtoderfahrung führte offensichtlich zu einem Umdenken im ganzen Verein.

So beispiellos der Niedergang des Vereins in den vorangegangenen Jahren, so beispiellos die Wiederauferstehung, die auf die unvorhergesehene Rettung aus dem Süden folgte.

Der gesamte Kader wurde (erneut) einmal von rechts nach links gekrempelt, sagenhaften 17 Abgängen standen 18 Neuzugänge gegenüber – Umbruch, Ausrufezeichen.

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Zur Überraschung aller Beteiligten gelang umgehend der Wiederaufstieg in Liga zwei, mit 90 erzielten Toren wurde ein neuer Rekord für die 3. Liga aufgestellt. Mehr "Phönix aus der Asche" geht nicht.

Das Gesicht des Erfolgs  

Und natürlich trägt diese Geschichte, fernab vom Ismaik-Beben, auch vereinsintern einen Namen. Auf den ersten Blick scheint sie untrennlich mit der Personalie Markus Krösche verbunden zu sein.

Der ehemalige Profi und Kapitän übernahm im März 2017 die strategische sportliche Ausrichtung des Vereins.

Er hielt an Trainer Steffen Baumgart fest, drehte an den nötigen Stellschrauben, zeigte ein exzellentes Gespür für hungriges und perfekt passendes Spielerpersonal.

Und das alles mit einem Mini-Budget. Seit Krösches Ankunft vor zwei Jahren investierte der SC Paderborn sage und schreibe 800.000 Euro in Neuzugänge. Eine Zahl, die im deutschen Profifußball anno 2019 schlichtweg surreal daherkommt.

Eine solche Renaissance bleibt natürlich auch den Management-Büros finanzstärkerer Fußball-Unternehmen nicht verborgen. Krösche soll sich in intensiven Gesprächen mit RB Leipzig befinden, Ausgang noch offen.

"Abschied? Welcher Abschied? Ich werde jetzt erst einmal ein paar Bierchen trinken und den Aufstieg genießen", ließ das Objekt der Begierde nach dem feststehenden Bundesliga-Aufstieg am Sonntag verlauten.

Aus Fehlern lernen

SCP-Präsident Elmar Volkmann behauptete zwar am Rande der Feierlichkeiten, dass noch kein Verein ein konkretes Interesse an seinem Sportdirektor hinterlegt habe, im Paderborner Umfeld geht man jedoch von einem Abschied Krösches aus.

Das erneute Abenteuer Bundesliga dürfte ohne den unbestrittenen Steuermann ungleich schwerer werden, auch wenn man in Paderborn wohl von der ersten Erfahrung im deutschen Fußball-Oberhaus die nötigen Schlüsse gezogen haben wird.

Verstärkungen mit Bundesliga-Erfahrung scheinen unumgänglich, soll ein Déjà-vu-Erlebnis vermieden werden.

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Vor fünf Jahren steckte man den Großteil der Mehreinnahmen durch die TV-Vermarktung in die Schuldentilgung. Diese Naivität wird man in Paderborn wohl nicht mehr an den Tag legen.

Damit der Verein sein Schicksal nicht erneut abhängig von den Launen irgendeines Investors machen muss.

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