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München - Das Leben von Gelson Fernandes ist geprägt von dramatischen Erlebnissen. Der Frankfurter muss in seiner Kindheit und als Profi schreckliche Erfahrungen verarbeiten.

Manchester City, Sporting Lissabon, SC Freiburg, Leicester City oder Stade Rennes: Gelson Fernandes ist in seiner Karriere viel herumgekommen und war bei insgesamt elf Profiklubs aus sechs Ländern aktiv, bevor er bei Eintracht Frankfurt mit 32 Jahren endlich seine Heimat fand.

Die persönliche Geschichte hinter der sportlichen Laufbahn zeichnet jedoch das Bild eines unglaublichen Lebens, das von zahlreichen dramatischen Ereignissen und Schicksalsschlägen gezeichnet ist. Im Interview mit dem Schweizer Blick erzählt der defensive Mittelfeldspieler vor dem Halbfinal-Kracher bei Chelsea schockierende Details aus seinem Leben. (Europa League: FC Chelsea - Eintracht Frankfurt ab 21 Uhr im LIVETICKER)

Als die Mutter von Fernandes' mit ihm schwanger war, flog dessen leiblicher Vater nach Portugal, um Urlaub zu machen - allerdings kehrte er niemals zurück und hinterließ seine Ehefrau auf den Kapverdischen Inseln, auf der sie unter ärmlichen Verhältnissen und ohne fließendes Wasser lebte. Der Vater reiste anschließend "mit dem Bus und ohne Papiere weiter in die Schweiz. Als illegaler Immigrant", sagte Fernandes der Zeitung.

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"Wer ist dieser Mann?"

Seine Mutter reiste einige Jahre später ohne den zweijährigen Gelson in die Schweiz, der Sohn blieb auf der Inselgruppe im Atlantischen Ozean bei seiner Großmutter. Mit fünf Jahren sollte der junge Gelson dann ebenfalls in die Schweiz geholt werden, in der sein Vater bei einem Bauer arbeitete und "die Kühe molk."

Gelson wollte jedoch seine Heimat nicht verlassen. "Als der Flug anstand, versteckte ich mich hinter Zuckerrohren bei der Oase, wo wir Wasser holen und zum Haus tragen mussten. Es war ein Schock."

Fernandes stieg schließlich doch ins Flugzeug und landete in Paris - wo er erstmals seinen leiblichen Vater sah. "Ich fragte nur: 'Wer ist dieser Mann?'" Gemeinsam mit dem Vater lebte er - getrennt von seiner Mutter - im Schweizer Wallis. Als dieser Platzwart beim FC Sion wurde, kam Fernandes erstmals mit dem Fußball in Verbindung. Über die Jugendabteilung des Schweizer Erstligisten kam Fernandes in den Profifußball, seine erste Auslandsstation war von 2007 bis 2009 ManCity.

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Später Durchbruch in Frankfurt

Der Sechser tingelte anschließend durch Europa, wurde aber lange Zeit nicht glücklich. Für die Schweizer Nationalmannschaft zeigte er in 67 Länderspielen (2 Tore) und als Kapitän seine Klasse, die er unter Trainer Niko Kovac auch im Verein bei Eintracht Frankfurt wieder fand. Unter dem jetzigen Bayern-Trainer triumphierte er 2018 im DFB-Pokal, sein Vertrag ist bis 2020 datiert (mit Option bis 2021).

"Ich will nicht mehr in einer kleinen Liga spielen. Und wenn, dann bei einem dominant spielenden Verein. Sie sehen es jetzt bei Frankfurt: Wenn du eine offensivstarke Mannschaft hast, kannst du dich voll auf die Defensive kon­zentrieren. Das ist mein Spiel", erklärt der 32-Jährige, der beim Europa-League-Halbfinalisten als Vize-Kapitän im zentralen Mittelfeld gesetzt ist.

Rassismus-Vorfälle in Italien

Er wolle der Mannschaft so lange wie möglich helfen - hat dabei aber auch schon die Zeit nach der Karriere im Blick. "Ich habe schon den Bachelor im Sportmanagement in Lyon gemacht. Ab 2021 will ich den Master machen, bei der UEFA", erzählt er.

Die schwierige Kindheit hat Fernandes hinter sich gelassen - aber auch in der jüngeren Vergangenheit hat der Ex-Nationalspieler schlimme Ereignisse erlebt.

"Als ich bei Chievo Verona spielte, zerkratzte man mir das Auto, schrieb 'Nigger' drauf und zerschlug die Scheibe. Und man hat mir vor die Haustür gekackt. Ich habe daraufhin meine damalige Freundin in die Schweiz in Sicherheit gebracht", berichtet Fernandes von rassistischen Erfahrungen.

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Fernandes hofft auf harte Sanktionen

Auch in Deutschland wurde er aufgrund seiner Hautfarbe übel beleidigt: "Nach meiner Roten Karten auf Schalke schrieb mir einer auf Instagram: 'Du bist ein Sohn von Affen. Ich hoffe, jemand beendet Deine Laufbahn. Du bist nicht wirklich ein Schweizer. Du bist ein verdammter Flüchtling. Sohn einer Affen-Schlampe!'"

Beim Umgang mit Rassismus mache der Fußball "alles falsch". Fernandes unterstützt die Forderung nach einem sofortigen Spielabbruch, die zuletzt FIFA-Präsident Gianni Infantino ins Spiel brachte. "Ich würde weiter gehen: Es sollte gleich eine Forfait-Niederlage (0:3-Wertung durch den Verband, Anm. d. Red.) für jenen Klub geben. Dann würden sich die Fans zweimal überlegen, ob sie jemanden rassistisch beleidigen. Und viele Klubs würden mehr tun, dass es nicht passiert."

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Trotz der dramatischen Erlebnisse in seinem Leben hat Fernandes seinen positiven Charakter bewahrt - und steht vor dem größten Erfolg in seinem Leben, dem Einzug ins Finale der Europa League mit Eintracht Frankfurt.

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