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München - Eine historische Handelfmeter-Flut in der Bundesliga und das Umsetzungs-Chaos verdeutlichen ein Grundproblem. Muss der Fußball mit einer Tradition brechen?

Handspiel-Wut, Handspiel-Chaos, Handspiel-Irrsinn, Handspiel-Elend: Egal mit welchem Reizwort man "Handspiel" gerade kombiniert, man wird fündig in der aktuellen Bundesliga-Berichterstattung.

Die Handregel und ihre Auslegung, die ständigen Streitigkeiten um gegebene und nicht gegebene Elfmeter sind das Dauerthema der Saison - an diesem Spieltag frustrierte die unterschiedliche Bewertung zweier ähnlicher Situationen um Jerome Boateng (FC Bayern) und Mario Götze (BVB) Fans und Beteiligte.

Auch Schiedsrichter-Boss Lutz Michael Fröhlich, der vergangene Woche noch kein grundsätzliches Problem sehen mochte, ist aufgrund der erneuten Verwirrungen am Wochenende nun "irritiert und auch etwas enttäuscht" von seinen Schützlingen.

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Andere Protagonisten der Szene sehen Anlass für grundsätzliche Reformen: "Wir müssen an diese Handregel ran", sagte Gladbach-Manager Max Eberl am Sonntag im CHECK24 Doppelpass auf SPORT1. Mit dieser Meinung steht er nicht allein da.

Dass das Handspiel-Thema aus dem Ruder gelaufen ist, lässt sich durch Zahlen belegen: 30 Handelfmeter wurden in dieser Saison bislang vergeben, so viele wie noch nie. Der Durchschnittswert liegt bei 11,7 pro Spielzeit. Das letzte Mal, dass annähernd so viele gepfiffen worden waren: 1967/68, vor mehr als 50 Jahren.

Was steckt hinter dieser plötzlichen Flut? Wie kommt es, dass eine bald 150 Jahre alte Grundregel des Fußballs auf einmal zum Aufreger schlechthin wird? Wo liegt die Wurzel des Problems?

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Wann ist Handspiel Handspiel? Es gilt Regel 12

An sich gilt seit Jahr und Tag Regel 12 des Weltverbands FIFA. Sie besagt, dass ein Handspiel vorliegt, "wenn ein Spieler den Ball absichtlich mit der Hand oder dem Arm berührt". Bei der Bemessung sei dabei "zu berücksichtigen":

- die Bewegung der Hand zum Ball (nicht des Balls zur Hand)

- die Entfernung zwischen Gegner und Ball (unerwarteter Ball)

- die Position der Hand (das Berühren des Balls an sich ist noch kein Vergehen)

Diese Abwägung ist seit Jahrzehnten der Kern der Handspielregel: Der Schiedsrichter muss interpretieren, ob der Spieler den Ball versehentlich oder absichtlich berührt hat.

Klingt einfach, ist jedoch kompliziert, denn niemand kann den Spielern in den Kopf schauen. Die Unparteiischen müssen sich bei der Auslegung der Regel auf äußere Kriterien verlassen. Und der Versuch, diese zwangsläufig schwammigen Kriterien klarer zu machen, hat ihre Situation stattdessen verkompliziert.

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Bundesliga hat Auslegung verändert

Eine konkrete Neuausrichtung der Regelauslegung gab es in der Bundesliga zu Beginn der Saison 2017/18. Man habe sich "an den internationalen Standard angepasst, um hier auch national übergreifend eine einheitliche Linie zu haben", führte Fröhlich vergangene Woche aus.

Als wesentlicher Punkt der Anpassung gilt die schon bei der WM 2018 heiß diskutierte Faustregel, dass in jedem Fall als Handspiel gilt, wenn der Arm des "Täters" bei der Ballberührung vom Körper gestreckt ist. Im Regelwerk steht das (bislang) nicht - ebenso wenig übrigens wie die allseits bekannten Formeln "Vergrößerung der Körperfläche" und "unnatürliche Handbewegung".

Die Neuinterpretation der Regel anhand dieser Hilfskriterien ist umstritten, denn letztlich verändert sie ihren Kern: Faktisch wird inzwischen nicht mehr nur ein wirklich absichtliches Handspiel bestraft, sondern auch eines, das keinesfalls beabsichtigt gewesen sein muss. Das aber eben nach den nun gültigen Kriterien als fahrlässig in Kauf genommen gilt.

Wo genau die Grenze zur Fahrlässigkeit sinnvoll verlaufen sollte? Darüber lässt sich - wie im laufenden Liga-Alltag zu beobachten - trefflich streiten. "Wir müssen dahin kommen, dass die Halb-Handspiele wieder weg kommen und nur klare Handspiele pfeifen", sagt Eberl.

Videobeweis verdeutlicht Schwäche der Regel

Aus Sicht von FIFA-Schiedsrichter Felix Brych hängt die Verschärfung der Handspiel-Auslegung mit der Entwicklung der TV-Berichterstattung zusammen. Durch die Superzeitlupen-Analysen im TV seien den Schiris "immer mehr Kontakte im Strafraum herausgefiltert und unter die Nase gerieben" worden. Es gebe darum "mehr Elfmeter als vor zehn oder 20 Jahren", erklärte Brych in diesem Jahr in einem Interview mit 11 Freunde.

Dass die Einführung des Videobeweises den Trend zu mehr Handelfmetern noch mehr beschleunigt hat, ist da nur logisch. Und das Dumme ist: Er löst das wesentliche Problem nicht, denn auch der Videoschiedsrichter kann sich der Antwort auf die Frage "Absicht oder nicht" nur ausgiebiger annähern.

Wenn man es positiv sehen will, macht der VAR deutlich, wo das eigentliche Problem liegt: "Der zeigt nur Defizite auf, die wir in der Regelauslegung haben", findet Eberl.

IFAB hat Reform eingeleitet

Bleibt die Frage: Wie lassen sich die Defizite denn nun beheben?

Das internationale Regelhüter-Gremium IFAB hat im März bereits Änderungen beschlossen, die ab der kommenden Saison gültig werden: Die "unnatürliche Vergrößerung der Körperfläche" wird dann im Regelwerk festgeschrieben.

Hinzu kommt, dass grundsätzlich als strafbares Handspiel gewertet wird, wenn der Arm bei einem Ballkontakt über Schulterhöhe gehalten wird - außer, wenn der Ball vorher von einem anderen Körperteil abprallt oder der Arm zum Abstützen bei einer Grätsche benutzt wird. Total unkompliziert wird’s nicht.

Revolution geboten?

In Fachkreisen wird auch längst diskutiert, ob eine brauchbare Reform des Hand-Paragraphen nicht noch viel weiter gehen müsste.

Eine echte Revolution etwa wäre die konsequente und vollständige Abschaffung des aufgeweichten Absicht-Prinzips - oder auch eine Abkehr von der Regel, dass jedes Handspiel im Strafraum zwangsläufig ein Elfmeter sein muss.

Schiri-Experte Alex Feuerherdt vom Podcast Collinas Erben brachte vor einiger Zeit in der ARD folgendes Alternativ-Modell ins Spiel: Ein Handspiel könnte künftig grundsätzlich zu einem indirekten Freistoß führen, außer wenn es eine klare Torchance verhindert (dann Elfmeter oder gleich Tor, wenn der Ball sonst die Linie passiert hätte) und wenn der Abwehrspieler absichtlich angeschossen wurde (dann Weiterspielen).

Bei einem solchen Modell gäbe es immer noch Streit- und Interpretationsfragen, nicht mehr ganz so viele allerdings. Der Preis wäre ein weiterer Traditionsbruch.

Der Fußball muss sich entscheiden, ob ihm der Leidensdruck durch das Hand-Chaos dafür groß genug ist.

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