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München - Der FC Bayern trennt sich von Mats Hummels, auch Boateng steht auf dem Abstellgleis. Joachim Löw sortierte das Duo im März aus - und dürfte sich bestärkt fühlen.

Im Oktober redete sich Karl-Heinz Rummenigge auf der legendären Wut-PK des FC Bayern in Rage.

"Wenn ich über unsere Innenverteidiger von 'Altherrenfußball' lese, dann muss ich sagen: Geht's eigentlich noch!?", sagte Rummenigge im vergangenen Herbst.

Zwar bezog sich Rummenigge auf die Art und Weise der Kritik an Jérôme Boateng und Mats Hummels, dennoch wirkt es ein wenig verwunderlich, dass acht Monate später beide Spieler in München auf dem Abstellgleis gelandet sind.

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Insbesondere, nachdem auch die DFB-Ausbootung von Boateng, Hummels und Thomas Müller durch Joachim Löw im März sportlich zumindest für Unverständnis beim Rekordmeister gesorgt hatte, wenngleich man sich dahingehend öffentlich zurückhielt.

Bayern nach DFB-Ausbootung irritiert

In den eigenen Büroräumen der Säbener Straße war das Bayern-Trio damals aus der deutschen Nationalmannschaft verbannt worden. Ein unangekündigter Besuch, der die Münchner "irritiert" zurückließ.

In einem Statement bezeichneten Rummenigge und Hasan Salihamidzic insbesondere den Zeitpunkt und die Umstände der Bekanntgabe als "fragwürdig".

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Uli Hoeneß' Aussage im Vereinsmagazin 51 ließ allerdings tiefer blicken. "Hätte ich gesagt, was ich denke, hätte das Internet erst einen Salto rückwärts und dann vorwärts gedreht. Das wollte ich mir ersparen – und Jogi Löw übrigens auch."

Bayerns Umgang nicht zimperlich

Zwar war Löws Vorstellung damals kein besonders feiner Stil, Bayerns Umgang mit Hummels und vor allem Boateng ist aber auch nicht gerade zimperlich.

Boateng darf sich seit Jahren immer wieder etwas anhören, angefangen mit Rummenigges Aussage, er solle doch mal wieder "back to earth" kommen. Natürlich nicht ganz unverschuldet. In dieser Saison provozierte er mit seiner "Boa"-Party nach dem Topspiel gegen den BVB oder mit seinem fast unbeteiligten Verhalten beim Pokalfinale.

Das Verhalten seiner Bosse ist aber keineswegs besser. Boateng wirke wie "ein Fremdkörper", sagte Uli Hoeneß am Rande der Meisterfeier.

"Den Frust, den er derzeit hat, wird er nächstes Jahr noch mehr haben, wenn er dableibt", sagte Hoeneß bei SPORT1. 

"Für ihn wäre es besser, eine andere Luft zu genießen. Ich würde ihm raten, den FC Bayern zu verlassen", machte Hoeneß deutlich. "Er muss eine neue Herausforderung suchen. Und ich denke, dass das für ihn besser ist."

Hoeneß betonte zwar, nichts gegen Boateng zu haben, doch wann hat der Klub schon einmal einem seiner Spieler trotz laufenden Vertrages einen Vereinswechsel nahegelegt? Und das noch dazu in der Öffentlichkeit? Der FC Bayern, so hieß es immer, gibt keinen Spieler ab, der seinen gültigen Vertrag in München erfüllen will.

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Hummels mit starker Rückrunde

Der Trennung von Hummels, der zu Borussia Dortmund zurückkehrt, ist im Prinzip kein schlechter Stil. Doch zumindest erhielt auch Hummels nicht die Wertschätzung, die er sich erhoffte.

Nach einer nicht ganz sattelfesten Hinrunde und der Ausbootung im Nationalteam schien sich Hummels mit einer bärenstarken Rückrunde wieder ins Rampenlicht gespielt zu haben.

Den Stammplatz im Duell mit Boateng erkämpft, seinen Führungsanspruch durch Worte und Taten untermauert, das Verhältnis zu Kovac verbessert - im Prinzip deutete zuletzt wenig darauf hin, dass es zu einem Wechsel kommen könnte.

Doch auch die Verpflichtungen von Benjamin Pavard und Lucas Hernández haben ihn offenbar alles andere als kalt gelassen.

Bayern setzt auf Süle und Hernández

Hummels forderte, wie von SPORT1 vor zwei Wochen berichtet, ein Gespräch mit Bayerns Entscheidern.

Er wollte Klarheit über die Rollenverteilung in der kommenden Saison – und bekam diese. Nach Informationen des BR wurde dem Weltmeister von 2014 mitgeteilt, dass künftig Niklas Süle und Hernández in der Innenverteidigung gesetzt sind.

Eine Entscheidung, die sich für Hummels angefühlt haben muss wie ein Schlag ins Gesicht. Die Rückkehr zum BVB ist die Folge. Dort wird er zum einen von den Verantwortlichen mit offenen Armen empfangen.

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Zum anderen wird er seine Führungsqualitäten besser einbringen können, als es ihm in München möglich war und die junge BVB-Abwehr anführen.

DFB-Team seit Ausbootung stark

Sollte nach Hummels auch Boateng gehen, haben die Bayern den auch von der Öffentlichkeit immer wieder geforderten Umbruch radikaler vollzogen als erwartet.

Eine Parallele zum Nationalteam, wo Joachim Löw nach den enttäuschenden Vorstellungen bei der Weltmeisterschaft und in der Nations League reagierte und mit der Streichung des Bayern-Trios zunächst für ein Beben sorgte.

Doch seit März ist das junge DFB-Team, das mit Manuel Neuer, Toni Kroos und nun auch Marco Reus nur noch drei Ü30-Routiniers in seinen Reihen hat, in vier Partien ungeschlagen. Dabei zeigte es teilweise begeisternde Auftritte wie gegen die Niederlande (3:2) und Estland (8:0).

Neue Lust, verbesserte Teamchemie

In der Offensive wirbeln Reus, Leroy Sané und Serge Gnabry in einer Art und Weise, zu denen Thomas Müller trotz seiner enormen Qualitäten nicht (mehr) in der Lage wäre.

In der Defensive lässt Süle gemeinsam mit Spielern wie Matthias Ginter oder Antonio Rüdiger Hummels und Boateng vergessen.

Auch die Teamchemie und die Lust des Nationalteams, die es zuletzt auch nach außen versprühte, wirken verbessert. Wenngleich abgesehen von den Niederlanden die echten Prüfungen noch auf sich warten lassen, wirkt Löws Entscheidung im Nachhinein doch besser als gedacht. Die aktuellen Ereignisse bei den Bayern dürften ihn dabei noch bestärken.

Umbruch bei Bayern

Diese verfolgen womöglich einen (ähnlichen) Plan.

Hummels, Boateng, James Rodriguez, Rafinha, Franck Ribéry und Arjen Robben sind allesamt Spieler, die in der abgelaufenen Saison nicht durchgehend als Bewunderer des Trainers galten.

Wenngleich Erfahrung und Qualität verloren geht, sinkt zumindest das mögliche Konfliktpotenzial. Neue, jüngere Spieler, die noch etwas zu beweisen haben, kann Niko Kovac sicher leichter von seinen Ideen überzeugen als fertige Weltstars wie Hummels oder auch Robben oder Ribéry.

Hinter und neben den verbleibenden Routiniers wie Neuer, Müller, Robert Lewandowski und auch Javi Martínez wird sich eine neue Hierarchie, eine neue Generation der Anführer um Joshua Kimmich und Süle entwickeln.

Vielleicht werden ausgerechnet die Bayern - in mehrerer Hinsicht - zu Löws Nachahmern.

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