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Houston - Lothar Matthäus begleitet den FC Bayern in den USA. Bei SPORT1 spricht die Klublegende über seine Berufung, Neid, einen James-Vergleich und brenzlige FCB-Themen.

Wie der Mensch Lothar Matthäus fernab der Kameras tickt, lässt sich dieser Tage auf der USA-Reise beobachten.

Der 58-Jährige weiß, dass er Rekordnationalspieler ist. Welche Titelsammlung er vorweisen kann. Dass er als Bayern-Legende den deutschen Rekordmeister in den USA begleitet und ein noch größerer Star ist als manch aktiver Spieler.

Matthäus aber lässt all das niemanden spüren. Er mischt sich unter das Volk, schreibt Autogramme und ist im Dialog mit all denjenigen, die seine Karriere seit Jahrzehnten begleiten – beruflich wie privat. Kurzum: Matthäus ist menschlich geblieben.

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Für SPORT1 nimmt sich die Fußball-Ikone in Houston Zeit für ein Interview – trotz Terminstresses. Kurzerhand verdoppelt er die Länge des Gesprächs. Dann aber ruft schon der nächste Termin - bei Bayerns-Fans in Texas.

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SPORT1: Herr Matthäus, Glückwunsch. Ihre jüngsten Baywatch-Bilder vom Strand in Los Angeles zeigen, dass Sie noch topfit sind. Was hält Sie in Form: der Sport, die Liebe?

Lothar Matthäus: Die Liebe zum Sport (lacht). Es ist vor allem mein positives Denken über das Leben. Und ich gehe etwa viermal die Woche ins Fitness-Studio. Ich schaue schon auf meinen Körper, aber genieße auch das Leben, indem ich mal länger beim Essen sitzen bleibe oder vielleicht auch mal ein Gläschen mehr trinke als zu Profi-Zeiten.

SPORT1: Es wirkt, als haben Sie als Fußball-Experte Ihre Berufung gefunden.

Matthäus: Es gab vorher Momente in meinem Leben, in denen ich nicht die glücklichsten Entscheidungen getroffen und nicht ausreichend nachgedacht habe. Fußball war für mich immer wichtig. Jetzt als Fußball-Experte zu arbeiten, oder als Bayern-Botschafter oder für die DFL unterwegs zu sein, ist meine Leidenschaft. Das habe ich immer geliebt. Vielleicht kommt das in der Öffentlichkeit besser rüber als Dinge, die ich vorher gemacht habe und bei denen sich nicht alles um Fußball gedreht hat.

SPORT1: Braucht es nicht mehr als Leidenschaft, um seine Berufung zu finden?

Matthäus: Man braucht auch das Glück, eine Chance zu bekommen oder, aus der Sicht eines Spielers, den richtigen Verein, Trainer und das richtige Konzept. Schauen wir uns James Rodríguez an. Bei Jupp Heynckes gesetzt, bei Zinédine Zidane und Niko Kovac nur Ergänzungsspieler. Das ist ähnlich und daran kann man meine Situation gut erklären: Man braucht die Unterstützung seiner Partner.

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SPORT1: Fehlte James die Unterstützung der Bayern?

Matthäus: Ich kenne James und seine Mutter persönlich und habe mich häufig mit ihnen unterhalten. Er ist ein ganz anständiger und sauberer Kerl. Ein guter Fußballer, dem man gerne zuschaut. Aber wenn ein Trainer eben eine andere Philosophie hat, in die der Spieler nicht reinpasst, wird es eben schwer. James ist eben ein typischer Zehner. Wenn man das Vertrauen zu ihm hat, muss man um ihn herum etwas aufbauen. Das Vertrauen hatten aber weder Zidane noch Kovac. Wenn James aber einen Trainer hätte, der ihm diese Position gibt, dann würden wir vielleicht ähnlich über ihn sprechen wie anfangs über mich: dass er angekommen ist und eine Rolle spielt. Man braucht immer das Glück, mit den richtigen Menschen zusammenzuarbeiten, die dir das Vertrauen geben. Nur so konnte ich mich auch in Deutschland entwickeln.

Lothar Matthäus traf SPORT1-Chefreporter Florian Plettenberg zum Interview im Team-Hotel in Houston
Lothar Matthäus traf SPORT1-Chefreporter Florian Plettenberg zum Interview im Team-Hotel in Houston © SPORT1

SPORT1: Bekamen Sie früher zu wenig Vertrauen in Deutschland?

Matthäus: Was ich im Ausland geleistet habe, wurde in Deutschland oft falsch dargestellt. Ich hatte auch als Trainer erfolgreiche Zeiten, habe Mannschaften und Spieler entwickelt. Ich bin mit Partizan Belgrad Meister geworden und habe die Qualifikation zur Champions League erreicht. Hätte ich das in Deutschland mit Hannover 96 erreicht, wäre ich dafür gefeiert worden.

SPORT1: Auf der USA-Reise sind Sie als Bayern-Legende im Einsatz. Oliver Kahn soll zukünftig Vorstands-Boss werden. Entwickelt man da Neidgefühle?

Matthäus: Absolut nicht, nein. Ich war noch nie neidisch in meinem Leben. Nicht, wenn jemand mehr Einsätze in der Nationalmannschaft oder mehr verdient hatte. Jeder ist für sich selbst verantwortlich und Oliver hat sich das erarbeitet, weil er sich auch nach seiner aktiven Laufbahn enorm weiterentwickelt hat. Er reist umher, schaut sich die Konzepte und Nachwuchsleistungszentren anderer Vereine an. Er wird ein Gewinn für den FC Bayern sein. Es wird dem Verein auch guttun, dass einer reinkommt, der querdenkt und eine starke Meinung hat. Oliver hat aber vor allem Qualität und Erfahrung. Das tut jedem Verein gut, auch dem FC Bayern.

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SPORT1: Welchen Spieler wünschen Sie sich beim FC Bayern?

Matthäus: Leroy Sané. Er ist für mich die 1-A-A-Lösung.

SPORT1: Sogar ein A mehr.

Matthäus: Ja, weil er für mich auch charakterlich dazugelernt hat. Man kann sich auf ihn verlassen. Als Fan und Botschafter des FC Bayern würde ich mich über ihn freuen. Ich bin auch davon überzeugt, dass sie Sané holen, wenn es eine Chance gibt. Ousmane Dembélé ist sportlich auch interessant, aber charakterlich? Er hat sich in Dortmund weggestreikt und kam oft zu spät zum Training. Er kann einen Verein verrückt machen.

SPORT1: Wenn Sie entscheiden müssten: Leroy Sané oder Timo Werner?

Matthäus: Ich würde mich jetzt erstmal für Sané entscheiden. Timo Werner würde aber auch gut zum FC Bayern passen, weil er irgendwann mal Robert Lewandowski ersetzen könnte. Er hat in der vergangenen Rückrunde aber nicht so die Leistung gebracht. Vielleicht auch, weil ihn ein möglicher Wechsel zum FC Bayern belastet hat. Timo Werner ist aber flexibel einsetzbar. Ein Spieler, der offensiv alles spielen kann. Sané kommt mehr über die Seite.

SPORT1: Wo müssen die Bayern aus ihrer Sicht nachlegen?

Matthäus: In der Defensive ist man gut aufgestellt. Priorität in der Kaderplanung hat für mich ein Flügelstürmer. Nicht nur einer, sondern zwei. Der zweite könnte Werner sein. Von Alphonso Davies sehe ich noch zu wenig. Er ist ein Ergänzungsspieler, der noch lernen muss. Er ist noch keiner, mit dem man die Champions League gewinnen kann, aber er ist ein Spieler für die Zukunft.

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SPORT1: Ihre Bewertung der Causa Jérôme Boateng?

Matthäus: Jérôme hat seine Qualitäten unter Beweis gestellt, aber er ist natürlich auch in ein gewisses Alter gekommen. Er war häufig verletzt und ist langsamer geworden. Die Bayern wollen hinten aber eine höhere Geschwindigkeit haben, praktisch einen zweiten Niklas Süle. Man hat ja in der Vorrunde gesehen, wie oft Mats Hummels und Jérôme Laufduelle verloren haben. Deswegen hat man sich für zwei Weltmeister von 2018 entschieden und Mats zu seiner alten Liebe gehen lassen. Jérôme wird seine Chance bekommen, aber er muss auch ein sportliches Zeichen setzen. Die hat er in den letzten zwei Jahren nicht mehr so gesetzt wie in den Jahren zuvor, als er einer der besten Innenverteidiger der Welt war.

SPORT1: Hat Sie der Verkauf von Mats Hummels überrascht?

Matthäus: Ich kann ihn nachvollziehen. Ich hätte ihn aber behalten. Er hat eine starke Rückrunde gespielt und seit seiner Ausbootung aus der Nationalmannschaft überragende Leistungen gezeigt. Vor allem in den wichtigen Spielen.

SPORT1: Warum der Wechsel zum größten Konkurrenten?

Matthäus: Er ist jemand, der sich so etwas reiflich überlegt. Mats hat wahrscheinlich gemerkt, dass er bei Bayern nicht mehr gesetzt ist. Bei Dortmund bekommt er jetzt aber die Zuneigung, die ihm in München gefehlt hat. Es war bei ihm wohl einfach auch der Frust über die fehlende Unterstützung. Mats ist sensibel und hätte deshalb vielleicht mehr erwartet.

SPORT1: Karl-Heinz Rummenigge hat in den vergangenen Tagen keinen Hehl daraus gemacht, dass in der Champions League zukünftig deutlich mehr kommen muss als ein Aus im Achtelfinale.

Matthäus: Wäre ja auch schlimm, wenn nicht. Dortmund hat in der Rückrunde zu wenig Druck auf seine Spieler gemacht. Wären sie so offensiv mit ihren Ambitionen umgegangen wie jetzt, wären sie 2018/19 wahrscheinlich Meister geworden. Stattdessen haben sie den Spielern den Druck genommen und ihnen Ausreden gegeben. Ein bisschen Druck sollte also da sein. Dass der FC Bayern jedes Jahr die Champions League gewinnen will, ist für keinen Spieler neu. Übrigens ...

SPORT1: Bitte.

Matthäus: Ich hätte das Spiel Bayern gegen Liverpool gerne im April gesehen, als die Mannschaft vollzählig und eingespielt war und Kovac mit 13, 14 Spielern ein Konzept hatte. Der FC Bayern kann dieses Jahr aber auf jeden Fall wieder über die Champions League reden, denn sie haben sich verstärkt. Mir fehlen aber noch zwei Spieler, um den Kader auch in der Breite hochqualitativ aufzustellen. Keine Ergänzungsspieler bitte. Das langt nicht.

SPORT1: Sie sprachen Kovac an …

Matthäus: … der übrigens kein junger Trainer mehr ist. Er hat sich hochgearbeitet und den Job mit dem ABC erlernt. Er war schon als Spieler ein Typ, der den Trainer hinterfragt hat, und war über Jahre hinweg ein Führungsspieler. Man hat Kovac keinen Gefallen getan, indem man ihn oft als jungen Trainer abgestempelt hat.

SPORT1: Trauen Sie ihm eine lange Amtszeit beim FC Bayern zu?

Matthäus: Ich wünsche es mir. Vor allem für jemanden, der so aufgestanden ist und solche Kämpferqualitäten gezeigt hat wie Niko, nachdem er so niedergeschrieben und niedergeredet wurde. Er ist ein Kämpfer und Fachmann mit viel Fußballsachverstand. Mich würde es freuen, wenn er, wie Udo Lattek, Ottmar Hitzfeld oder Jupp Heynckes, eine Ära beim FC Bayern einleitet. Die Qualität dazu hat er. Er braucht dafür aber auch Qualitätsspieler.

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